OPERETTE
Lustvolle Demaskierungen: Die «Fledermaus» am Theater St.Gallen

Regisseurin Guta Rau gelingt eine spritzige, gut durchdachte und höchst amüsante «Fledermaus». Diese Johann Strauss-Operette ist und bleibt ein spezielles Meisterwerk. Das bewiesen alle Beteiligten an der Premiere am Samstagabend im Theaterprovisorium mit facettenreichem Engagement.

Martin Preisser
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Georg Schiessl als Advokat, Ekaterina Bakanova als Rosalinde von Eisenstein und Vincenzo Neri als Gabriel von Eisenstein.

Georg Schiessl als Advokat, Ekaterina Bakanova als Rosalinde von Eisenstein und Vincenzo Neri als Gabriel von Eisenstein.

Bild: Ludwig Olah

«Saugeil» ist das Lieblingsadjektiv des Dienstmädchens Adele. Für eine Operettenrezension wäre der Begriff natürlich zu derb, aber: Diese St.Galler «Fledermaus» ist Operette, wie sie sein soll: Kitschig, aber nicht zu kitschig, nicht verstaubt, aber auch nicht übertrieben verfremdet. Und vor allem mit Drive, Schwung und dem genau dosierten Spielwitz, im Detail wie im Gesamtpaket. Nach ihrer «Zauberflöte» in der letzten Saison hat Regisseurin Guta Rau erneut bewiesen, dass sie eine ganz eigene Art von Humor in ihre Inszenierungen bringt. Bei der «Fledermaus» so, dass diese simple Komödie um Seitensprünge und Verkleidungen, Maskierungen und Demaskierungen auf beste Art unterhaltsam wird. Und vor allem diese geniale Musik nicht zudeckt, sondern sie als stete Anregung zu luftig-quirligem Bühnengeschehen auffasst.

Geweint und gejammert wird zu Beginn heftig, richtig übersteigert, aber nicht zu übersteigert. Das zieht sich durch den Abend: Die Emotionen gehen hoch, sind aber so dosiert, dass sie mitreissen. Ein gelungener Balanceakt zwischen amüsanter Unterhaltung und der genauen Präsentation eines unvergleichlichen Meisterwerks des Genres Operette.

Die Frauen sind das schlauere Geschlecht

Dieses Quirlig-Luftige von Johann Strauss gelingt dem Sinfonieorchester unter Michael Balke schon unmittelbar in der Ouvertüre. Die meisterhaften Ohrwürmer der «Fledermaus» sind klar und plastisch ausgespielt, mit vielen Klangfarben, aber eben nie grell oder plakativ. Man kommt von der Orchestermusik, von den Stimmen, von der Bewegung, vom mimischen Element und nicht zuletzt von den Kostümen her als Operettenfan voll auf seine Kosten. Die gesprochenen Szenen fallen gegenüber den gesungenen Partien niemals ab.

Wunderbar besetzt mit elegantem Flair Ekatarina Bakanova als Rosalinde von Eisenstein. Der Akzent der Russin passt perfekt für die gesprochenen Partien. Wunderbar gelingt ihr gesanglich der Teil ihrer Rolle, in der sie sich mit entsprechendem musikalischen Flair als ungarische Adlige ausgibt. Keck, frech und direkt, einfach ein roter gesanglicher Faden ist Theresa Steinbach als Dienstmädchen Adele. Überhaupt: Die Frauen kommen in dieser Inszenierung als das viel schlauere Geschlecht weg. Das gelingt der Regie gut, ohne die männlichen Rollen dabei zu sehr zu karikieren. Intensiv ist auch Jennifer Panara in der Männerrolle des gelangweilten Prinzen Orlofsky. Ihre Erkältung merkte man ihrem Sopran nicht an. Und famos übernimmt sie die Ballszenen fast wie eine Dompteuse, auf jeden Fall aber als selbstbewusste Zeremonienmeisterin.

Ballszene: Theresa Steinbach als Adele (2.v.l.), Jennifer Panara als Prinz Orlofsky (3.v.l.) und Äneas Humm als Notar (3.v.r.).

Ballszene: Theresa Steinbach als Adele (2.v.l.), Jennifer Panara als Prinz Orlofsky (3.v.l.) und Äneas Humm als Notar (3.v.r.).

Bild: Ludwig Olah

Die Gruppenszenen mit einem beschwingt agierenden Theaterchor (Einstudierung: Franz Obermair) wirken stets beweglich, ja die Regie geht so weit, dass sie das Ohrwurmhafte und das oft Exaltierte der Operette so richtig feinsinnig karikiert und dabei den Reiz des Ganzen augenzwinkernd unterstreicht.

Kräftig, fröhlich, präsent und dandyhaft überzeugen Vincenzo Neri als Gabriel von Eisenstein, Manuel Günther als Liebhaber Alfred und wunderbar intrigant Äneas Humm als Notar Dr. Falke. Dann in Männerkleidern, Frauenkleidern oder in Unterhose: Gefängnisdirektor Frank (Kristjan Johannesson) wird in dieser Inszenierung zu einem auch gesanglich einnehmenden Verwandlungskünstler.

Viel Pink bei den Männern

Drei Tanzpaare (Choreografie: Kinsun Chan) lassen die Atmosphäre des Wiener Opernballs genauso elegant und schwebend aufleben, wie ihnen die Verwandlung in Varieté-Tänzerinnen und -Tänzer gelingt. Unbedingt erwähnen möchte man eine wunderbar tanzende Swane Küpper als Ida, die durchgehend ein ganz besonderes komödiantisches Element einbringt. Und so leichtfüssig wie Georg Schiessl als Advokat mitmischt, adipös mit einem Kissen aufgebläht, so kommt auch dieser ganze Abend daher. Tolle Kostüme (Claudio Pohle) sind immer wieder ein Blickfang, mit viel Pink bei den Männern oder ganz dominant-herrisch wirkend bei Graf Orlowsky und prachtvoll bei den Choristen als Fledermäuse.

Diese «Fledermaus» lebt von einem hochkarätigen Spassfaktor. Und die Pause legt die Regie nicht zwischen zwei Akte, sondern unterbricht abrupt die Ballszene, die wiederaufgenommen wird. Unter die Strauss'schen Klänge mischen sich dann moderne, jazzige wie kubanische Rhythmen, die Dirigent Michael Balke so federleicht spielen lässt wie die Polkas, Walzer und Galopps, die diesem Stück einen unverwechselbaren Drive geben.

Rosalinde (Ekaterina Bakanova) und ihr ehemaliger Liebhaber Alfred (Manuel Günther).

Rosalinde (Ekaterina Bakanova) und ihr ehemaliger Liebhaber Alfred (Manuel Günther).

Bild: Ludwig Olah

Das Stück kommt mit viel Respekt vor der Welt des Wiener Walzerkönigs daher, garniert die «Fledermaus» aber mit dem richtigen Schuss Schrägheit und eben mit der fein austarierten Dosis an Humor und verspielter Verrücktheit. Ein Abend nicht nur für Operettenfans, aber einer, der einen die Düsternis der aktuellen Weltlage gerne gute zweieinhalb Stunden vergessen lässt.

Weiter Vorstellungen bis Januar 2023. www.theatersg.ch