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Interview

Otti Frey über die Rebellion 1968 in der Zentralschweiz: «Politisch endete die Bewegung in der Niederlage»

Otti Frey – ein Hauptprotagonist des Dokumentarfilms «Nach dem Sturm» – ist seinen Idealen treu geblieben. Heute nimmt er auch an den Klimademonstrationen teil. Wie denkt er über die Welt?
Pirmin Bossart

Sie waren fast 20 Jahre der «Staatsfeind Nr. 1 in der Zentralschweiz»: Wie behagte Ihnen diese Rolle?

Otti Frey: Ich war damals ein junger Mensch, inspiriert von den gesellschaftlichen Ideen des Sozialismus, Kommunismus und des Anarchismus. Das genügte in dieser Zeit des Kalten Krieges, um zum Staatsfeind zu avancieren.

Sie waren politisch immer sehr klar und konsequent. Hat sich dieser Einsatz gelohnt?

Die Frage, ob es sich lohne, habe ich mir nie gestellt. Ich ging meinen politischen Weg, geprägt von Leitgedanken wie Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Wahrheit, Solidarität, Empathie, Liebe, Frieden, Toleranz usw. Der Weg war das Ziel.

Was haben der gesellschaftliche Umbruch Ende der 1960er-Jahre und der politische Widerstand bewirkt? Wo sehen Sie heute die Früchte dieser Zeit?

Politisch endete die Bewegung ja in der Niederlage. Der grosse Verdienst der Bewegung war die Bewusstseinssensibilisierung in unzähligen gesellschaftlichen Bereichen und fundamentalen Fragen: Verhältnis zur Dritten Welt, Nord-Süd-Problematik, Faschismusbewältigung, Beziehung Mann–Frau, Feminismus, Wohn- und Lebensformen, Kindererziehung, Pädagogik, Minderheiten, Fremdenhass, Diskriminierung, Rassismus und vieles mehr.

Wenn Sie die Welt heute mit Ihrem linken Bewusstsein betrachten: Könnte man nicht resignieren, verbittern?

Nach dem Faschismus, dem Kommunismus ist jetzt auch der kapitalistische ­Liberalismus in der Krise. Angesichts der Entwicklung kommen wir wohl nicht daran vorbei, über eine andere Welt nachzudenken. Und uns ansonsten im Sinne von Camus immer und immer wieder gegen das Absurde zu wenden. Es bleibt uns ja eigentlich nichts anderes übrig.

Könnten die Klimademos von heute eine ähnliche Umbruchszeit ­ankündigen wie der 1960er-­Widerstand?

Die Klimabewegung ist grossartig! Ich freue mich schon wieder auf die nächste Demo – ein bisschen 68er-Feeling tut gut. Eigentlich haben die Jungen schon gewonnen: Logistisch innert kurzer Zeit eine weltweite Bewegung auf die Beine zu stellen, ist grosses Kino. Und weltweit bezüglich der Klimafragen eine Bewusstseinsexplosion ausgelöst zu haben, ist grossartig. Ich hoffe nur, die Bewegung lässt sich nicht vereinnahmen und stellt sich auch die Systemfrage.

Was braucht die Welt?

Eine neue Welt!

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