«Otto - der Film» gerät wegen dem N-Wort unter Rassismusverdacht – Zurecht?
Essay

«Otto - der Film» gerät wegen dem N-Wort unter Rassismusverdacht – Zurecht?

Otto Waalkes’ Kinodébut «Otto – der Film» aus dem Jahr 1985 kommt in Deutschland wieder in die Kinos – und gerät prompt unter Rassismusverdacht. An diesem Film kann man sehen, was Klamauk darf – und wo er ein Problem hat.

Hansruedi Kugler
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Otto Waalkes wird unter die Rassismuslupe gelegt. In seinem Kinodebüt «Otto – der Film» fällt das «N-Wort», also «Neger», mehrmals. Und weil der Spielfilm aus dem Jahr 1985 in deutschen Kinos wieder aufgeführt werden soll, wird Protest laut.

Das Berliner Stadtmagazin «Tip» kommentierte, es sei verstörend, den Film heute anzuschauen:

«An mehreren Stellen werden schwarze Menschen diffamiert. Das N-Wort fällt, und es gibt eine ganze Szene, in der Otto gemeinsam mit einem dunkelhäutigen US-Soldaten einen Trickbetrug durchzieht.»

Ottos Filmfigur spricht den Soldaten, gespielt vom deutschen Schauspieler Günther Kaufmann, als «Neger» an und benutzt ihn, um in einer grotesken Szene einer naiven, älteren Dame ihn als Sklaven zu verkaufen.

Waalkes äussert sich nicht zur Kritik. Die Produktionsfirma verteidigt ihn: «Die Szene ist ein sehr frühes Beispiel für antirassistische Komik im deutschen Film.» Der Verein Initiative Schwarze Menschen in Deutschland legt aber nach:

«Dass selbst bei so offenkundigen rassistischen Inhalten noch geleugnet wird, ist symptomatisch für das mangelnde Rassismusverständnis.»

Beim Abbau rassistischer Verhältnisse müsse auch der Humor in den Blick genommen werden: «Traditionen, die diskriminieren, verletzen und ausgrenzen, sind nicht erhaltenswert.»

Otto Waalkes wird leider oft auf den Blödelkönig reduziert

Ist Otto Waalkes, dem herumhüpfenden «Holdereiti»-Blödelbarden, ein rassistisches Klischee in seinen Film gerutscht? Oder ist er ein hintersinniger Satiriker, gar ein scharfsichtiger Gesellschaftskritiker?

Schaut man sich den Kinofilm an, wird sofort klar: Hier entlarven die Drehbuchautoren, die auch für das Satiremagazin «Titanic» Texte schrieben, am Laufband den deutschen Biedersinn mitsamt seinem Alltagsrassismus.

Ottos Filmfigur kommt nämlich als schusseliges, nervöses Landei nach Hamburg – mit der naiven Vorstellung vom schnellen Unternehmerreichtum und mit einem stupiden Menschenbild. Komisch ist, dass er in kompletter Verkennung der Umstände von einem Chaos ins nächste tappt, einen Mafioso nicht als solchen erkennt, indirekt den Glauben an eine Tellerwäscherkarriere parodiert sowie rassistische Klischees karikiert.

Das lupenreine Hochdeutsch, mit dem ein südländischer Bauarbeiter und der dunkelhäutige US-Soldat auf Ottos rassistisches Miniaturdeutsch «Du gehe da rüber» und «Du Neger?» reagieren, ist beispielhaft. Otto muss gar einen überraschenden Rassismustest bestehen: In einer düsteren Rockerbar fragt ihn ein mürrischer Kerl: «Wie pinkelt ein Eskimo?», und lässt aus der Hand Eiswürfel zu Boden purzeln.

Otto lacht laut los («Spitzenwitz!»), erntet aber nur versteinerte Mienen und bekommt eine Abfuhr: «Scheisswitz! Uralt und ausserdem rassistisch!» Rassismussensible Rocker! Super Pointe!

Übrigens: Die an der Wohnungstür überrumpelte ältere Dame in der «Sklavenszene» entlarvt in ihrer Gutgläubigkeit ihre unterschwellige Anerkennung der Sklaverei – was man als Kontinuität der Herrenrasse-Ideologie der Nazis verstehen kann, zumal ihr Gatte im «Ministerium» arbeitet, vielleicht also ein Altnazi sein könnte.

Genauso funktioniert Satire. Dass sie in vordergründigen Klamauk gepackt ist, macht sie womöglich sogar zur breitenwirksameren Volksaufklärung (den Film sahen in Deutschland geschätzte 15 Millionen Zuschauer).

Viktor Giacobbo würde seinen vulgären Inder nicht mehr spielen

Der blosse Reflex auf Worte, ohne Berücksichtigung des Kontextes, hilft bei der Beurteilung nicht weiter, ob ein Kunstwerk rassistisch sei. Einen Haken hat die Sache dennoch: Zwar wird in «Otto – der Film» Komik nicht gegen Minderheiten gerichtet, sondern immer gegen das Spiessige der Mehrheitskultur.

Aber der italienische Bauarbeiter und der dunkelhäutige US-Soldat sind Statisten, werden zu Instrumenten des satirischen Klamauks und sind nie Akteure. Man darf darin einen sekundären Rassismus sehen, weil keine Selbstermächtigung, zum Beispiel mit den Mitteln der Selbstironie, stattfindet, sondern nur aus weisser Optik Satire definiert wird.

Besser gemacht hat das die ZDF-Satiresendung «Die Anstalt» vom 14. Juli, in der zwei dunkelhäutige Deutsche als Moderatoren der Show «Ich bin Rassist» vier hellhäutige Deutsche vorführten. Die souveräne Umkehrung hielt einen erhellenden Spiegel vor.

Stellt sich noch die Frage, ob Viktor Giacobbo seine Figur des vulgären Inders Rajiv und seinen «Gasche nide magge gagge»-Italo in der Schublade versenken soll. Giacobbo hat gegenüber dem «Sonntagsblick» eingeräumt, er würde diese Figuren nicht mehr spielen.

Kunstfiguren von Viktor Giacobbo: Ganz links der Inder Rajiv.

Kunstfiguren von Viktor Giacobbo: Ganz links der Inder Rajiv.

Bild: SRF

Vielleicht muss man es bedauern. Denn trotz der Gefahr eines beschämenden Überlegenheitslachens schenkt uns Rajiv etwas Allgemeinmenschliches: In seinem unverblümten Missachten der hiesigen Anstands- und Sprachkonventionen spiegelt er auf komische Weise unsere eigene Zivilisationsfessel, unser Vulgaritätsverbot.

Das Lachen überlistet unsere Tabus. Satiriker benötigen dafür keinen Inder. Ein Appenzeller tut’s besser, Simon Enzler beweist es. Nicht vergessen: Im Lachen liegt eine Quelle der Selbsterkenntnis. Wir sollten sie uns nicht nehmen lassen – auch wenn wir uns manchmal dabei schämen.

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