Coronavirus

Pandemien machen gesellschaftliche Unterschiede sichtbar, so auch die Coronakrise

Der Blick in die jüngere Geschichte zeigt: Pandemien machen gesellschaftliche Konfliktlinien und soziale Unterschiede sichtbar.

Martin Schaffner
Drucken
Teilen
Viele Menschen, wie dieser Mann in Mexico City, haben kein Zuhause, um sich vor dem Virus zu schützen.

Viele Menschen, wie dieser Mann in Mexico City, haben kein Zuhause, um sich vor dem Virus zu schützen.

Keystone

Die Coronakrise lässt niemanden unberührt, und das weltweit und gleichzeitig: Sie trifft ein südindisches Dorf so gut wie eine Grossstadt in Westafrika, das amerikanische Detroit so gut wie Basel. Kaum je, der Zweite Weltkrieg ausgenommen, waren Betroffenheit und Sorgen allgegenwärtiger als in diesen Wochen. «Corona hat uns im Griff», schreibt ein Freund aus Südfrankreich.

Aber nicht überall und für jeden sind die Sorgen gleich gross. Wer in einem Land mit ausgebautem Gesundheitssystem lebt, ist besser aufgehoben, als wer auf eine rudimentäre medizinische Versorgung angewiesen ist oder auf gar keine zählen kann. Wer in der Schweiz finanziell abgesichert ist, braucht weniger Angst zu haben, als wer sich in Mumbai als arbeitsloser Krisenverlierer auf Hunger einstellen muss.

Pandemien gab es zu allen Zeiten, und immer trafen sie die Armen stärker als die Bessergestellten, eine Erfahrung, die unseren Vorfahren noch im 19. Jahrhundert vertraut war. Die Gleichheit der Menschen vor Krankheit und Tod mag für sie ein ferner Horizont gewesen sein, eine Realität war sie nicht.

Die Seuche trifft nicht alle Menschen gleich

Im 19. Jahrhundert löste die Cholera mehrere Pandemien aus. Die hochansteckende Krankheit war gefürchtet, weil man sie nicht wirksam behandeln konnte und wegen der erschreckend hohen Mortalität (der bakterielle Erreger wurde erst 1883 entdeckt).

Von den Pandemien war auch die Schweiz betroffen, so von der Welle, die sich zwischen 1841 und 1859 von Ostasien nach Europa und Amerika ausbreitete. Eine nächste Welle, die zwischen 1863 und 1875 Bevölkerungen weltweit erfasste, erreichte auch Teile der Schweiz. Erfahrungen mit Cholera und ihrer Bekämpfung machten damals die Bevölkerungen von Basel und Zürich. Wer erkrankte, und wer verschont blieb, gehörte mit zu ihrer Wahrnehmung der Seuche.

Am 23. Juli 1855 erkrankte in Basel ein Arbeiter an Cholera. Am folgenden Tag starb er an der Krankheit. Er war das erste registrierte Opfer einer Epidemie, die sich über zwei Monate hinzog. Insgesamt steckten sich in Basel damals 390 Personen an, 205 von ihnen mit Todesfolge. Im Juli 1867 erkrankten in der Stadt Zürich neun Personen an der gefährlichen Krankheit. Bis die Epidemie Anfang November vorüber war, kam es zu 771 Erkrankungen mit 499 Todesfällen.

Was die Zeitgenossen in Schrecken versetzte, war die exponentielle Zunahme von Erkrankungen; in Zürich schnellte die Zahl von 63 im August auf 652 im folgenden Monat hoch, wovon 428 mit Todesfolge.
Zu denken gaben den Zeitgenossen nicht nur die schnelle Ausbreitung der Krankheit und das massenhafte Sterben der Erkrankten, sondern auch die Tatsache, dass die Krankheit in einzelnen Stadtquartieren massiv auftrat, in anderen fast oder gar nicht.

In Basel häuften sich 1855 die Ansteckungen und Todesfälle in den Armenquartieren des Kleinbasel: «Besonders schwer betroffen waren Rheingasse, Lindenberg und Utengasse», stellt der Historiker Michael Bachmann fest, der 1989 eine sorgfältig dokumentierte Untersuchung über «Cholera in Basel 1831–1855» vorgelegt hat. Sein Fazit: «Die Basler Choleraepidemie des Jahres 1855 deckte Aspekte der sozialen Ungleichheit auf. Die Oberschicht wurde von der Seuche beinahe verschont; die weitaus meisten Opfer waren in engsten Wohnverhältnissen lebende Menschen.»

Auch in Zürich traf es im Sommer 1867 vor allem die Arbeiterquartiere des Nieder- und Oberdorfs sowie Aussersihl. Ein Arzt, der damals im Absonderungshaus des Kantonsspitals arbeitete, stellte fest: «Wenn wir auf die äusseren Lebensverhältnisse der zu uns zur Beobachtung gekommenen Kranken eingehen, so finden wir, dass die grosse Mehrzahl derselben der niederen und niedrigsten Schichten der Bevölkerung angehört.» Zum Quartier Aussersihl notierte Bezirksarzt Zehnder: «Auch da bewegt sich die Seuche in einer Arbeiterbevölkerung, die dicht gedrängt beisammen wohnt, die mit des Lebens Mühe und Not vielfach zu kämpfen hat.»

Die ungleiche Verteilung der Erkrankungen und Sterbefälle schockierte die zeitgenössischen Beobachter, weil sie ein bedrückendes Licht auf die Gesellschaft als Ganzes warf. Das ist nicht einfach eine historische Reminiszenz für Geschichtsversessene, sondern ein in die historische Erinnerung gekleidetes perspektivisches Argument. Denn der Blick auf die Vergangenheit legt zwei Einsichten nahe. Erstens, dass man Krisen, auch die gegenwärtige, nicht nur auf ihre Ursachen, ihren Verlauf und ihre Folgen hin untersuchen muss, sondern dass man sie auch als eine Art Vergrösserungsglas nutzen kann.

Die Krise dient dann gleichsam als ein Instrument, das sichtbar macht, was sich der Alltagswahrnehmung entzieht, was «von blossem Auge» nicht deutlich genug zu erkennen ist. So wie damals, als die Cholerapandemien den Bürgern die grossen sozialen Unterschiede in ihrer Stadt ins Bewusstsein rückte. Heute erscheinen im Brennglas der Krise primär nicht mehr die sozialen Gegensätze unserer eigenen Gesellschaft, sondern die Bedingungen, die in vielen Regionen der Welt den Zugang zu Gesundheitsressourcen behindern oder blockieren: soziale Ungleichheit, politische Rechtlosigkeit, existenzbedrohende Armut.

Das globale Ungleichgewicht tritt zu Tage

Im Vergrösserungsglas der Pandemiekrise gerät zweitens die meist unreflektierte Konflikthaftigkeit der Gesellschaft in den Fokus, konkret Konfliktlinien, die obwohl bereits angelegt jetzt ihre Virulenz offenbaren. Sie werden diskursfähig und gewinnen damit politische Relevanz.

Im Kanton Zürich der 1860er-Jahre verschärfte die Benennung der sozialen Gegensätze in der Cholerakrise den Konflikt zwischen der Regierungspartei und der Opposition. Daraus resultierte eine schweizweit einzigartige Politisierung, die sogenannte «Demokratische Bewegung», die einen Machtwechsel erzwang und ein neues politisches System mit Referendums- und Initiativrechten schuf.

Heute ist noch nicht klar, welche – schon bestehenden – Konfliktlinien sich in der gegenwärtigen Pandemiekrise deutlicher abzeichnen und herausbilden werden. In unserer Gesellschaft sind es vielleicht ein wachsender Antagonismus zwischen den Generationen, Konflikte zwischen Expertokratie und politischen Entscheidungsträgern um Machtanteile und die Verschärfung des innenpolitischen Schlagabtauschs um die Europaintegration des Landes.

Sicher aber ist, dass sich im Zeichen der globalen Ungleichheit vor Krankheit und Tod die Auseinandersetzungen über den Zugang zu lebensnotwendigen Ressourcen weltweit verschärfen werden.