Kolumne

Papa & Papi: Unsere Gesellschaft bewertet extrovertiertes Verhalten höher als introvertiertes – das zeigt sich schon bei Kindern

In seiner Kolumne «Papa & Papi» schreibt Ethiker Michael Braunschweig über das Elternsein mit seinem Mann und seinen Kindern. Diese Woche berichtet er über die charakterlichen Unterschiede seiner Kinder.

Michael Braunschweig
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«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig

(Bild: CH Media)

Seit einer Stunde sitzt sie nun da am Tisch. Alle anderen haben längst fertig gegessen, das Geschirr ist abgewaschen und Söhnchen längst am Spielen. Nur Töchterchen sitzt immer noch am Tisch mit einem halb vollen Teller. Söhnchen hatte zwei Portionen verschlungen. Aber ihr Teller will sich nicht leeren.

Nicht, weil sie keinen Appetit hat, nein. Sie hat nur ihren eigenen Rhythmus. Söhnchen verlangt ungeduldig, dass sie nun auch wieder spielen komme. Aber seine Appelle verhallen. In einen inneren Monolog mit ihrem Teller vertieft, sitzt Töchterchen da und isst Stücklein für Stücklein. Diese Szene wiederholt sich derzeit fast täglich.

Töchterchen und Söhnchen teilen sehr viel miteinander. Vor allem auf einen gleich getakteten Tag haben wir immer viel Wert gelegt: Sie stehen gemeinsam auf, frühstücken gleichzeitig, machen gemeinsam Mittagschlaf und spielen miteinander.

Allmählich zeigen sich aber deutliche Charakterunterschiede. Söhnchen ist der Charmeur: Selbst fremde Personen nimmt er innert Sekunden für sich ein. Er geht auf sie zu, spricht sie an, macht eine überraschende Bemerkung und zeigt Interesse am Gegenüber. Wenn andere Kinder da sind, beispielsweise auf dem Spielplatz, ist er gleich bei ihnen, und im Nu spielen sie gemeinsam. Selbst nach einem langen Kita-Tag ist er energiegeladen und trällert seine Lieder lauthals vor sich her.

Töchterchen ist ganz anders. Nach der Kita muss sie sich erst einmal zurückziehen. In sich gekehrt, spielt sie mit ihren Haaren und blickt scheinbar ins Leere. Auf andere Kinder geht sie kaum von sich aus zu. Und in grösseren Gruppen steht sie lieber abseits, während Söhnchen mit allen Kontakt hält und richtiggehend Energie daraus zieht.

In unserer Gesellschaft wird extrovertiertes Verhalten oft höher bewertet als introvertiertes. So trauen wir offenen, kontaktfreudigen Kindern oft mehr zu als stillen. Auch wir dachten anfangs, dass Töchterchen einfach in ihrer Entwicklung weniger weit sei als Söhnchen. Aber sie scheint einfach einen introvertierten Charakter zu haben.

Doch wenn eine Person da ist, die Töchterchen gut kennt, dann klebt sie richtiggehend an ihr. Im vertrauten Rahmen blüht sie auf, spinnt originelle Geschichten und verfolgt ihre Pläne. Erst dann bemerken wir ihre ausgereifte Sprachfähigkeit.

Wenn Söhnchen etwas mitteilen will, stösst es einfach aus ihm hervor, oft abgehackt und nach Worten ringend, als ob es nicht schnell genug gehen könnte. Töchterchen hingegen spricht nicht viel und mit leiser Stimme. Aber wenn sie den Mund auftut, macht sie andere sprachlos: Sie sagt einen grammatikalisch völlig korrekten Satz und kombiniert Dinge miteinander, auf die selbst wir Erwachsenen nicht gekommen wären. Stille Wasser gründen eben tief.

Michael Braunschweig

Der Ethiker und Theologe hat mit seinem Ehemann zweijährige Zwillinge.