Paris muss warten: Jetzt entsteht Kunst im Esszimmer

Die Luzerner Visarte-Stipendiatin Lotta Gadola kann vorerst nicht in ihr Pariser Atelier zurück. Doch Not macht erfinderisch.

Susanne Holz
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Ein Selfie im Homestudio: Lotta Gadola im ausgeräumten und umfunktionierten Esszimmer in Luzern.
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Skulptur im Jardin des Tuileries, Paris, digitale Skizze.

Ein Selfie im Homestudio: Lotta Gadola im ausgeräumten und umfunktionierten Esszimmer in Luzern.

Bild: Lotta Gadola (Luzern, 26.3.2020) Bild: Lotta Gadola

Möchte man Menschenansammlungen in Aussenräumen fotografieren, hat man derzeit schlechte Karten, egal ob man sich in Paris oder in Luzern befindet. Der Kampf gegen das Coronavirus verbietet Menschenmengen jeder Art und damit auch jene, welche die Künstlerin Lotta Gadola gerne vor ihre Kamera bekommen hätte – Pariser Volk in Trainerhosen, doch auch Luzerner wären okay gewesen.

In Luzern ist Lotta Gadola seit Ende Februar wieder. Die 28-Jährige trat im Januar ein sechsmonatiges Atelier Stipendium von Visarte Zentralschweiz, Berufsverband für visuelle Kunst, in der Pariser «Cité internationale des arts» an. Die «Cité» ist Residenz für Kunstschaffende aus aller Welt. Doch nun bleiben auch ihre «Open Studios» vorerst geschlossen. Was Lotta Gadola aber noch nicht ahnen konnte, als sie vor wenigen Wochen für einen Termin nach Luzern zurückkehrte. Und plötzlich musste sie dann bleiben, weil sich die Ereignisse im Rahmen der Bekämpfung der Epidemie überschlugen. «Schlag auf Schlag», wie Gadola es formuliert. Mit einem Mal waren die Grenzen dicht.

Fotografie und Performance

Die Zürcherin Lotta Gadola lebt und arbeitet schon länger in Luzern. An der Hochschule Luzern Design & Kunst erwarb Gadola 2015 den Bachelor in «Kunst und Vermittlung», 2018 den Master of Fine Arts im Bereich «Art in Public Spheres», Kunst im öffentlichen Raum. Lotta Gadola arbeitet als freischaffende Künstlerin mit den Medien Fotografie, Performance, Video, aber auch mit Installation, Zeichnung und Malerei.

Der menschliche Körper spielt bei Gadola eine wichtige Rolle – als Schnittstelle zu gesellschaftlichen Themen. «Der Körper prägt die Kommunikation», sagt die Künstlerin, die gerne Alltagsphänomenen nachspürt und packenden Impulsen folgt.

«Auch in Paris trägt nicht nur die Jugend Trainerhosen.»

Einem solchen Impuls folgend, geht Lotta Gadola seit ein paar Monaten der Frage nach, wie Kleidung Identität stiftet. Gruppenidentität. Was steckt hinter dem Phänomen der vielgetragenen Trainerhose? Wer gehört dazu? Wer will dazugehören? «Man kauft nicht einfach nur eine Hose, sondern mit ihr eine Bedeutung», ist sich die Künstlerin sicher. Und wer trägt in Paris Trainerhosen? «Wie auch hier tragen viele sie, nicht nur Jugendliche», weiss Gadola.

In diesen Tagen werden Trainerhosen aber vor allem in den eigenen vier Wänden getragen, das Leben ist geprägt von Quarantäne und Isolation. Nicht das einzige Problem von Gadola: Ihre Fotoausrüstung befindet sich innerhalb der vier Atelierwände in Paris. Doch die Stipendiatin ist jung und wendig: Freunde liehen ihr Kamera und Stativ. Und weil sie ihr Luzerner Atelier für die Dauer ihres Stipendiums vermietet hat, räumte Gadola zusammen mit Freund und Mitbewohner kurzerhand das Esszimmer aus und funktionierte es zum Studio um.

Selbst das Outfit digital

Bleiben noch die fehlenden Menschenmengen im öffentlichen Raum. Flexibel auch hier, fokussiert Lotta Gadola bei ihrer Stipendiatsarbeit nun mehr als geplant auf virtuelle Mode. «Ein neues Feld», zeigt sich die Künstlerin fasziniert, «fürs digitale Ich und die Präsentation in den sozialen Medien wird virtuelle Kleidung gekauft – und aufs Selfie montiert.» Virtuelles Outfit für die virtuelle Identität, und das erst noch nachhaltig.

Das Ergebnis ihrer Arbeit zeigt Lotta Gadola voraussichtlich ab Ende Juni in der Kunsthalle Luzern – nachdem sie hoffentlich zuvor noch nach Paris zurückkehren konnte.

Hinweis: Mit Lotta Gadola ist eine Einzelausstellung in der Kunsthalle Luzern geplant, vom 27. Juni bis zum 2.August. Die Buchpräsentation ihrer monografischen Publikation «Traces in Sight» soll am 26. Juni in der Kunsthalle stattfinden. Website der Künstlerin: www.instagram.com/lottagadola