Lucerne Festival: Vor dem Eröffnungskonzert spricht Bundesrat Parmelin über Musik ohne Kompromisse

Im Eröffnungskonzert zeigt das Lucerne Festival Orchestra unter Riccardo Chailly Rachmaninow und sich selbst von neuen Seiten.

Urs Mattenberger
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Das Lucerne Festival Orchestra mit Dirigent Riccardo Chailly und dem Pianisten Denis Matsuev gestern Abend im KKL. (Bild: LF/Peter Fischli, Luzern, 17. August 2019)

Das Lucerne Festival Orchestra mit Dirigent Riccardo Chailly und dem Pianisten Denis Matsuev gestern Abend im KKL. (Bild: LF/Peter Fischli, Luzern, 17. August 2019)

«Wenn man sagen würde, ein Bundesrat habe ‹Macht›, wäre das ja fast lächerlich», sagte Guy Parmelin gestern in seinem Grusswort zum Eröffnungskonzert des Lucerne Festival. Er hatte damit die ersten Lacher auf seiner Seite und bewies, dass vor zwei Jahren die Festreden doch zu Recht abgeschafft worden sind. Denn meistens hatten ihnen die Bundesräte mit ihrem Grusswort die Show gestohlen.

Das galt auf unerwartete Weise auch im Fall Parmelins. Denn dieser outete sich als Klassikfan und bewies es mit einem pointierten Kommentar zum Abendprogramm. Stiftungspräsident Hubert Achermann hatte eben in seiner Begrüssung am Beispiel des Sponsorings gezeigt, dass es nicht nur den viel zitierten Missbrauch der Macht, sondern auch einen verantwortungsvollen Umgang mit ihr gebe – im Fall der Sponsoren im Umgang mit der «Macht des Geldes».

Parmelin über Macht und Kunst

Parmelin ging einen Schritt weiter, bevor er mit Blick auf unsere Kompromiss-Tradition erklärte, wieso das Wort «Macht» in der Schweiz einen geringeren Stellenwert habe als bei «Grossmächten». Denn die Macht­demonstration an diesem Abend komme von der Kunst: «Als monumentales Klavierkonzert der Superlative ist das dritte von Rachmaninow eine pure Machtdemonstration des Interpreten wie des Künstlers».

Welches Potenzial im Thema Macht und Musik liegt, zeigte das Konzertprogramm mit Werken von Rachmaninow, die vor der russischen Revolution und 30 Jahre später im Exil in Hertenstein geschrieben wurden. Näher an die Gegenwart hätte die Verflechtung von Kunst und Politik in Russland der Solist des Abends rücken können: Der Pianist Denis Matsuev, der Kunst und Politik ausdrücklich trennen will, sah sich vor zwei Jahren zu einem Brief des Bedauerns veranlasst, als der russische Theatermacher Kirill Semjonowitsch inhaftiert wurde und Theaterprojekte in Zürich und Stuttgart aus dem Gefängnis heraus per Videobotschaften fertigstellen musste.

Im Fall von Rachmaninow hatte Chefdirigent Riccardo Chailly eine Art historischer Wiedergutmachung angekündigt, indem er ihn nach Quellen von den falschen Klischees von Sentimentalität, Kitsch und Bombastik befreie. Und das ­Lucerne Festival Orchestra bestätigte, dass es mit dem Anspruch, Kammermusik mit grossem Orchester zu machen, dafür beste Voraussetzungen bietet (vgl. Ausgabe vom Mittwoch).

Die orchestrale Visitenkarte dafür war die dritte Sinfonie. Chailly überzog das Werk nicht mit dickem Pathos, sondern differenzierte Klang- und Energielinien sowie katastrophische Höhepunkte so transparent, dass in gespenstischen Farbschichten immer wieder die überraschend modernen und brüchigen Züge des Werks hervorstachen, die es quasi zum Bindeglied von der Spätromantik zu Schostakowitsch machen.

Aber die Wiedergabe zeigte auch, in welche Richtung Chailly das Orchester weiterentwickelt. Die Steigerungen im ersten Satz waren so rauschhaft virtuos und süffig, als wären sie von Richard Strauss. Und die wunderbar verklingenden Schlüsse, die an die Pianissimo-Kultur des Orchesters erinnerten, wurden von den lärmigen und energisch vorangetriebenen Kaskaden des Finales förmlich ausgelöscht.

Aufbruch zu einer neuen Orchestervitalität

Dieselbe Vitalität braucht und zeigte auch das dritte Klavierkonzert. Da stellt sich die Machtfrage doch auch musikalisch, nämlich zum Verhältnis zwischen Dirigent, Solist und Orchester. Am Osterfestival hatte Matsuev im ersten Klavierkonzert von Tschaikowsky mit seiner Wucht am Flügel das Scala-Orchester unter Chailly zu einem dicken Sound hochgeputscht, der nicht zur Tradition des Lucerne Festival Orchestra passen würde.

Das ist an diesem Abend tatsächlich nicht der Fall. Zum einen lässt sich Matsuev von Chailly bändigen, wenn es der Dialog mit dem Orchester verlangt. Und er spielt die lyrischen Passagen so sensibel aus, dass mitunter nur noch ein Ton zart am kleinen Finger hängt. Zum andern übernimmt das Orchester selber einen überaus aktiven Part und machte das Klavierkonzert auch zu einer Machtdemonstration in eigener Sache: ein hinreissender Dialog auf Augenhöhe, zu dem die Begeisterungsrufe aus dem Publikum wie hinzukomponiert dazu gehören.