Parodistisch unterwegs im Zauberwald

Mit «Disenchantment» zeigt Netflix ab heute die dritte Trickserie von «Simpsons»-Erfinder Matt Groening. Ziemlich spannend und cool.

Cornelia Wystrichowski
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Seine «Simpsons» geniessen Kultstatus. Nun hat sich Matt Groening nach fast 20 Jahren Pause eine neue Trickserie ausgedacht – diesmal für den Streaminganbieter Netflix: «Disenchantment» spielt in einer mittelalterlichen Märchenwelt und handelt von der rauflustigen Prinzessin Bean, die gemeinsam mit dem naiven Elfo und dem katzengleichen Dämon Luci auf der Flucht vor ihrem Vater ist, dem tyrannischen König Zog.

Matt Groening knüpft mit der zehnteiligen Serie mühelos an alte Glanzzeiten an. Die Handschrift von Groening ist auch diesmal un­verkennbar: Die Figuren sind glupsch­äugig, der Humor sarkastisch und bisweilen derb. Und so wie «Die Simpsons» nie eine blosse Comedyserie war, sondern als Abrechnung mit dem American Way of Life interpretiert wurde, lässt sich auch aus «Disenchantment» ein Kommentar zum Zeitgeist herauslesen: Prinzessin Bean ist eine moderne Identifikationsfigur – als Frau, die vor pa­triarchalischen Strukturen flieht, um ungeachtet aller Gefahren ihr eigenes Ding zu machen.

Groening plündert die komplette Märchenwelt

Nicht zuletzt ist «Disenchantment» aber eine Parodie auf alle Klischees rund um Märchen, Sagen und Mittelalter, die sich Hollywood von «Schneewittchen und die sieben Zwerge» über «Herr der Ringe» bis zu «Game of Thrones» ausgedacht hat. Lustvoll plündert Groening, der schon vor zehn Jahren mit der Entwicklung des Formats begann, den enormen Fundus an Stereotypen. Ort der Handlung ist das pittoreske Städtchen ­Dreamland, wo weder Schloss noch Burggraben, blutiges Henkerbeil, Pestarzt und Alchimie­labor fehlen. In einer finsteren Pinte sitzt Prinzessin Bean, spielt Karten, trinkt und rauft. Ihr tyrannischer Vater Zog lässt sie abführen, denn Bean soll einen reichen Königssohn heiraten.

Ihre Stiefmutter Oona, ein Kreuzung aus Reptil und Angelina Jolie, rät ihr, in der Hochzeitsnacht einfach ihren Job zu tun. Dass der Bräutigam bei der Trauzeremonie von einem eisernen Thron aus Schwertern aufgespiesst wird und stirbt, macht gar nichts, Bean soll einfach dessen Bruder heiraten. Doch sie kann fliehen – mit Hilfe des Dämons Luci, den die meisten für eine sprechende Katze halten, und dem naiven Elfo. Der Winzling hatte die Nase voll, im Elfenreich gemeinsam mit seinen dauergrinsenden Kollegen singend Süssigkeiten zu produzieren, und ist in die echte Welt ausgebüxt, weil er auch die dunklen Seiten des Lebens kennen lernen will: Davon gibt es auf der Flucht mehr als genug.

Der Humor von «Disenchantment» ist ein bisschen albern und stellenweise grob – es geht um Bierrülpser und Testikel, einem riesenhaften Ork werden mit Dolchen beide Augen ausgestochen, und eine Fee im Zauberwald ist eine abgetakelte Prostituierte mit Whiskystimme. Doch die spassige Geisterbahnfahrt ist beeindruckend fantasievoll und viel hübscher und detailreicher gezeichnet als die schlicht gehaltenen «Simpsons», vor allem aber: Man fiebert bei der atemlosen Flucht des putzigen Trios tatsächlich mit.

Ab 17.8. auf Netflix, eine zweite Staffel ist bereits in Vorbereitung.