Paul Celan und Martin Heidegger: Schweigender Denker, trauriger Dichter

Der Dichter Paul Celan bewunderte den Philosophen Martin Heidegger. Er fühlte eine Seelenverwandtschaft. Allerdings nur in den Werken des Philosophen. Denn der Mensch verweigerte ihm ein klärendes Wort über sein NS-Engagement in den 1930er-Jahren. Auch auf Heideggers Hütte im Schwarzwald wollte das Eis nicht brechen. 

Christoph Bopp
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Heideggers berühmte Hütte in Todtnauberg (Schwarzwald). Vor dem Haus der Brunnen, mit einem Stern beim Ausguss.

Heideggers berühmte Hütte in Todtnauberg (Schwarzwald). Vor dem Haus der Brunnen, mit einem Stern beim Ausguss.

Rolf Haid/Keystone

Am 25. Juli 1967 kam es in der Umgebung von Freiburg zu einem Herrenausflug. Der etwas veraltete Ausdruck «Landpartie» würde bestens passen. Durch Umstände, die man – je nach dem – unglücklich oder glücklich nennen kann, sassen der Dichter Paul Celan und der Philosoph Martin Heidegger eng auf dem Rücksitz eines VW Käfers. Vorne, leicht über das Lenkrad gebeugt, sass der Assistent des Freiburger Professors (Namen tun nichts zur Sache), der wegen Prüfungen unabkömmlich war, aber mit seinem Mercedes später zur Gesellschaft stossen wollte.

Die beiden hinten hätten ihn gerne dabei gehabt, so sieht es der Erzähler aus der Rückschauperspektive. Denn der Professor hatte die in Gesellschaft nützliche Gabe, peinliche Momente durch unverbindliches Geplapper überspielen zu können.

Jetzt fahren sie also hinauf in den Schwarzwald, zur Hütte des Philosophen. Der Dichter hatte gewünscht, auch noch ein Moor zu begehen, das gelang aber nur ansatzweise, sein Schuhwerk war dafür nicht geeignet. Immerhin hatte es gereicht, ein paar Pflanzen einige Aufmerksamkeit zu schenken. Davon spricht das Gedicht, das später entstand.

Todtnauberg
Arnika, Augentrost, der
Trunk aus dem Brunnen mit dem
Sternwürfel drauf,

in der
Hütte,

die in das Buch
– wessen Namen nahms auf
vor dem meinen? – ,
die in dies Buch
geschriebene Zeile von
einer Hoffnung, heute,
auf eines Denkenden
kommendes
Wort
im Herzen,

Waldwasen, uneingeebnet,
Orchis und Orchis, einzeln,

Krudes, später, im Fahren,
deutlich,

der uns fährt, der Mensch,
der’s mit anhört,
die halb-
beschrittenen Knüppel-
pfade im Hochmoor,
Feuchtes,
viel.

Frankfurt, 1. August 1967.

Alles an der Geschichte mutet konstruiert an. Überkonstruiert, denn die Herren aus Deutschland sind kaum im Bilde darüber, dass ihr Gast in Paris kurz zuvor aus einer psychiatrischen Anstalt entlassen worden war. Den Dichter hatte es nicht nur nach Deutschland gezogen, weil er den Verlag gewechselt hatte – ein paar Lesungen konnten da nicht schaden –, sondern auch, weil er weg wollte. Weg aus Paris, weg vom Job (er gab ein Kolleg zum Übersetzen), weg von der Familie, dem Sohn, den er vermisste, und der Frau, mit der es nicht ging.

Schon länger fiebern die Herren (anwesend ist allerdings nur der junge Assistent am Steuer) dem grossen Moment entgegen. Die Lesung in der Freiburger Universität war inszeniert worden, damit sich der Philosoph und der Dichter aussprechen könnten. Irgendwann. Die Spannung war gross.

Der bewunderte Philosoph mit übler Vergangenheit

Paul Celan (1920-1970).

Paul Celan (1920-1970).

Heinz Köster/ullstein

Beide, der Denker und der Dichter, hatten für Spannung gesorgt. Der Denker weniger, die Zeiten, in denen er gern von Entscheidung und Entschlossenheit geredet hatte, waren längst vorbei. Celan, im rumänischen Czernowitz aufgewachsen, dessen Eltern von den Deutschen zu Tode gebracht wurden, war nach Paris gegangen, um dort in deutscher Sprache um sein Leben zu dichten. Das Gedicht war der Grund, auf dem er stand. «Ich stehe.» So schrieb er oft in seinen Briefen. Sein Judentum, die Schuld, die er nicht abwerfen konnte, weil er überlebt hatte und die Eltern nicht, seine Umgebung, seine Einsamkeit – eine schwere Last.

Das Gedicht sagt: «Hoffnung (...) auf eines / Denkenden / kommendes / Wort». Dieser Denkende ist Heidegger. Und der Hoffende Celan. Es ist die Sprache, die Celan schon lange zu Heidegger zieht. Eine Sprache, die sich gegen den Gebrauch sperrt, die anders umgehen will mit der Welt. Eines von Heideggers Lieblingswörtern ist «Wesen», ein altes vertracktes Wort der Philosophie. Bei ihm verbindet sich damit die Vorstellung, dass die Sprache das Wesen einer Sache enthüllen kann, wenn sie nur das Wort als Name braucht und nicht als Benennung.

Wenn man Celans Gedichte liest – und man muss sie auch «sehen»; anders kann man sie nicht «verstehen», sogar, wenn sie der Dichter selbst vorliest –, dann ahnt man, wie das gemeint sein könnte.

Der junge Fahrer im VW Käfer sollte später einen Text über Celans Sprache verfassen und dabei den Begriff «Metapher» verwenden. Tödlicher hätte er den Dichter nicht treffen können. Gängig war im 20. Jahrhundert die Vorstellung, dass die Sprache «nicht mehr zu den Dingen gelange». Vernutzt die Worte, abgetreten die Sätze, leichtfertig das Gespräch. Bei Celan aber lag zwischen der Sprache, in der er dichtete, und der Welt, in der er lebte, jederzeit bewusst und niemals zu bewältigen, das ganze Grauen der Nazi-Vergangenheit. Seine Sprache versuchte, damit zurechtzukommen – und darin lag nichts «Metaphorisches».

Nichts weniger als die Rettung des Abendlandes

Martin Heidegger (1889-1976)

Martin Heidegger (1889-1976)

Digne Meller Marcividz/ullstein

Das Problem, das sich auf der Rückbank des Käfers breitmachte, lag darin, dass – wie alle Welt wusste, die deutsche Intellektualität aber tapfer verschwieg – der Denker sich der Nazi-Clique angedient, ihrer Ideologie zugejubelt und gehofft hatte, der Nationalsozialismus würde «sein Problem» lösen. Denn der Denker litt an der «Seinsvergessenheit» des modernen Menschen, der sich selbst in seinem Technikwahn verloren hat. Er weiss nicht wohin und hastet doch immer vorwärts. Irgendetwas ist schief gelaufen. Und es muss lange her sein, irgendwann noch vor der Vorsokratik. In der Bodenverbundenheit des Schwarzwälder Bauern – mit Pferd, ohne Traktor – sieht er noch etwas davon.

Dass er dem kreischenden Führer und seinen lärmenden Horden zutraute, das «geistige Leben zu erneuern» oder gar «das abendländische Dasein zu retten» («vor dem Kommunismus» fügte er später noch an), das ist schon starker Tobak.

Und zu all dem hätte Celan gern ein Wort von dem bewunderten Denker gehört. Es blieb natürlich aus. «Deutlich» hätte er gesprochen, sagt er im Gedicht, aber erfolglos. (Der Fahrer, «der’s mitanhört», hat leider darüber geschwiegen).

Sie kommen noch zweimal zusammen. Aber Heidegger, nach dem Krieg von der Universität ausgesperrt und schliesslich pensioniert, hatte sich in eine raunende Gemütlichkeit zurückgezogen und dort behaglich eingerichtet. Einige hielten ihn gar für einen «Vor-Grünen», weil er gegen die Technik wetterte. Aber ausser Gemunkel («Ge-stell» und Geviert») lieferte er nichts Brauchbares. Er nannte es «Gelassenheit» – im Alter leistet er sich noch Telefon. Zum Fernsehen (Fussball!) ging er zum Nachbarn.

Und Celan? Ging bald darauf zugrunde. Die Gründe sind vielfältig und unerforscht. Es würde Heidegger zu viel Ehre antun, wenn man ihn dafür verantwortlich machen würde.

Hans-Peter Kunisch: Todtnauberg. Die Geschichte von Paul Celan, Martin Heidegger und ihrer unmöglichen Begegnung. dtv München 2020. 352 S.