Interview

Peach Weber muss «Gäxplosion»-Tour verschieben: «Es ist ein riesen Seich»

Komiker Peach Weber erklärt, warum er von Hampelmännern in der Politik wenig hält und der Rest seiner gut angelaufenen «Gäxplosion»-Tour nun doch verschoben werden muss. Langweilig wirds dem Schweizer Komiker mit der höchsten Gagdichte allerdings nicht.

Julia Stephan
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Peach Weber mit Gute-Laune-Kappe.

Peach Weber mit Gute-Laune-Kappe.

Bild: Britta Gut (Wohlen, 19. Oktober 2020)

Mit quietschgelbem Käppi hatte Peach Weber (68) bei unserem Treffen vor zwei Wochen im Aargauischen Wohlen Zuversicht markiert. Zuversicht, dass sein sechzehntes Programm «Gäxplosion» der Welt etwas die Schwere nehmen würde. Doch der Bundesrat hat Peachs Humorangriff vereitelt. Seine Tournee muss er verschieben. Kleiner Fantrost: Das aufgezeichnete Programm ist ab 6.11. im Handel.

Peach Weber, haben Sie Ihre Tournee aus wirtschaftlichen Gründen oder aus Sorge um Ihre Gesundheit abgesagt?

Ich bin Risikogruppe hoch vier, aber es ging hier um die Machbarkeit. Bei vielen Veranstaltungen waren schon mehr als 300 Tickets verkauft. Es ist ein riesen Seich. Ich bin aber froh, dass wir wenigstens noch sieben bis acht Vorstellungen spielen konnten, der Rest ist verschoben. Nun muss ich halt Ferien machen. Langweilig wird mir eh nie. Ich reise nicht gern, gehe auch nicht fünf Tage pro Woche ins Kino, ich bin aber sehr viel und sehr gern zu Hause.

Die Obergrenze von 50 Besuchern pro Veranstaltung muss einem als erfolgreicher Kleinkünstler wie ein schlechter Witz vorkommen. Hat Sie ein Vertreter unserer Landesregierung überhaupt schon mal zum Lachen gebracht?

Nein, es gibt in der Politik zwar viele Witzfiguren, etwa Trump oder Erdogan, aber die sind nicht lustig. Ich finde es eher tragisch, wenn sich ein Politiker wie ein Hampelmann gebärdet. Wir haben genug Probleme, die wir dringend angehen müssten. Politik ist kein Spielchen.

Bei politischen Behörden ist es ein bisschen zur Mode geworden, mit Humor zu kommunizieren. Eine schlechte Strategie?

Der im Amt verstorbene Bundesrat Willi Ritschard (1918-1983) war ein humorbegabter Sprücheklopfer.

Der im Amt verstorbene Bundesrat Willi Ritschard (1918-1983) war ein humorbegabter Sprücheklopfer.

Bild: Keystone

Vieles lässt sich mit Humor einfacher vermitteln. Und es gibt tatsächlich Politikerinnen und Politiker, die vom Charakter her eine humoristische Veranlagung besitzen. Etwa Ueli Maurer oder der verstorbene Bundesrat Willi Ritschard (1918-1983), der sich seine Reden von Schriftstellerfreund Peter Bichsel schreiben liess und Sprüche vom Stapel liess wie «Je höher der Affe klettert, desto besser sieht man seinen Hintern.» Aber dieser Humor darf nicht gespielt sein, er muss von innen kommen. Humor darf auch nicht als Waffe gebraucht werden.

Müsste man Sie als Coach für den Bundesrat engagieren?

Ich habe Gescheiteres zu tun! Ich kann aus keinem griesgrämigen, abgelöschten Typen einen lustigen Komiker machen. Ich habe ohnehin nicht das Gefühl, irgendjemandem etwas beibringen zu müssen. Deshalb mache ich auch kein politisches Kabarett. Dort muss man den Leuten erklären, was falsch läuft. Als ich noch als Lehrer unterrichtet habe, war es mir wichtig, das nicht mit erhobenem Zeigefinger zu tun, sondern mit einer Prise Humor.

Fragen andere Menschen Sie um Humornachhilfe an?

Ja, auch solche, die mir schreiben, sie hätten eine Hochzeitsgesellschaft schon zehn Minuten zum Lachen gebracht. Dann muss ich schon relativieren: Zehn Minuten sind nichts. Vor allem, wenn Verwandte vor dir sitzen, die es gut mit dir meinen. Sobald du zwei Stunden vor fremden Menschen stehst, ist das was anders. Ich habe kein Geheimrezept, wie Humor funktioniert. Lachen ist eine spontane Reaktion, kann nicht gespielt werden.

Das, was Sie da auf der Bühne seit 44 Jahren machen, scheint wie Ihr Kleidungsstil keinem modischen Diktat zu folgen. Stirbt ihnen deshalb das Publikum nicht weg, weil Sie keinem Trend nachlaufen?

Es würde nie so lange funktionieren, wenn ich immer das gleiche Publikum hätte. Zu mir sind seit eh und je auch Kinder gekommen, die meine Lieder wahnsinnig lustig finden, obwohl sie nicht alles verstehen. Seit etwa zehn Jahren kommen auch Teenager zwischen 15 und 20. Das hat mich anfangs selbst überrascht. Schliesslich bin ich nicht Justin Bieber. Aber die kommen da zu fünft oder sechst und grölen sich einen ab. Es gibt also laufend Blutauffrischung.

Was macht Sie für die Jungen so spannend?

Ich glaube, ich bin für junge Menschen eine Art Grossmutterersatz. Früher lasen die Grossmütter ihren Kindern Geschichten vor. Heute gehen sie ins Fitnesscenter oder trainieren für den nächsten Marathon. Die haben keine Zeit. Und auch die Eltern sind froh, wenn sie auf der Autofahrt nach Italien eine Peach-Weber-CD abspielen können. Viele Eltern haben mir bestätigt, dass dann endlich Ruhe sei. Ich habe es aber nie darauf angelegt, zum Märchenonkel der Nation zu werden.

Vielleicht liegts daran, dass Sie den Mut haben sinnbefreit zu sein.

Ich bin der einzige Komiker in der Schweiz, der zugibt, er mache hundert Prozent Unterhaltung. Viele behaupten, dass sie schon Unterhaltung machen, aber mit Anspruch. Ich muss darüber immer lachen. Wir sind doch alle Pausenclowns - selbst die politischen Kabarettisten. Wer von denen hat je die Welt verändert? Wenn die Leute bei mir zwei Stunden lachen, gehen sie im besten Fall in besserer Grundstimmung nach Hause und sind ein bisschen freundlicher zu ihren Mitmenschen oder ihrem Meersäuli. Mehr kannst du nicht erwarten.

Als Privatperson schwärmen Sie fürs politische Kabarett. Was spricht Sie besonders an?

Ich habe hohen Respekt vor gutem politischen Kabarett. Darunter verstehe ich keine Nummern, in denen einer Christoph Blocher imitiert oder «Fredy hat zum Hans gesagt»-Witze macht und einfach Namen von Politikern verwendet. Ich wusste immer, dass ich politisches Kabarett nicht beherrsche. Ich bewundere den deutschen Kabarettisten Sebastian Pufpaff, auch Dieter Nuhr, selbst wenns bei dem in letzter Zeit mehr in Richtung Massenproduktion geht. Meine Helden von früher sind Dieter Hildebrandt und Hanns Dieter Hüsch. Letzterer war zwar nicht politisch, aber literarisch. Ich konnte dem einfach nur zuhören, und seine Sprache geniessen. Und Hildebrandt war mein Idol, weil er verstanden hatte, dass man nicht zwei Stunden erklären kann, was in der Welt schiefläuft. Dass zwischen den harten Pointen auch mal ein Kalauer sitzen muss.

Ihre Komikerkollegen exponieren sich gerade stark mit Wortmeldungen zur Pandemie. Nehmen sich die Kerle in Ihrer Branche als Meinungsträger zu ernst?

Ich bin mir nicht sicher, ob gerade ein zweites Virus umgeht, das nur Komiker befällt. (Lacht). Ich glaube, wenn man uns Komiker zu lange einsperrt, dann erzählen wir unseren Blödsinn halt zu einem politischen Thema. Ich selbst habe mich mit dem Absetzen von Filmbotschaften zurückgehalten. Ich war wie Viele erst einmal schockiert, dass so ein kleines Drecksvirus so grosse Auswirkungen auf unser Leben hat. Diese Pandemie hat uns schon Unmengen gekostet! Auch die Umwelt- und Klimadebatte wurde dadurch um Jahre zurückgeworfen. Statt die wahren Probleme der Welt anzugehen, soll momentan aber alles nur lustiger werden. Vor allem auf deutschen Sendern gibt es eine Comedyschwemme, auch in ernsteren Formaten wie der «Arena» oder dem deutschen «Hart, aber fair» sitzen Komikerinnen und Komiker.

Ist es nicht begrüssenswert, dass Ihre Kolleginnen Auftrittsmöglichkeiten bekommen?

Wenn in jeder politischen Runde noch ein Komiker sitzt, wertet das die Debatte eher ab. Wenn ich politische Diskussionen verfolge, will ich hören, was Politiker dazu zu sagen haben.

Apropos Seriosität: Peach Webers Homepage sieht sehr handgebastelt aus. Kein Relaunch geplant?

Ich kriege laufend Angebote von Firmen, die sie gratis erneuern wollen. Ich war in meiner Branche ja einer der ersten, der eine hatten. Meine Homepage ist über dreissig Jahre alt. Ich will sie in diesem Zustand belassen, bis sie nicht mehr funktioniert. Die Leute mögen dieses altbackene Durcheinander.

«Ich habe immer gewusst: Wenn mein Humor einmal nicht mehr funktionieren sollte, kann ich nicht plötzlich einen doppelten Salto machen.»

Ist das auch das Prinzip Ihres Erfolgs: Am Bewährten festhalten, bis es durchgerostet ist?

Ich kann nichts anderes. Ich habe immer gewusst: Wenn mein Humor einmal nicht mehr funktionieren sollte, kann ich nicht plötzlich einen doppelten Salto machen. Wenn mich niemand mehr lustig findet, lasse ich es sein und werde Bademeister auf den Bahamas.

Die Anforderungen ans Komikerdasein haben sich radikal gewandelt. Sie haben sich in den 1970ern einfach auf eine Bühne gestellt und Musik gemacht. Tun Ihnen Ihre jüngeren Kollege manchmal leid?

Einerseits ist es schwieriger geworden. Im Fernsehen hat ein Nobody heutzutage fast keine Chance mehr, Talent-Sendungen gibts nur noch wenige. Zu unserer Zeit gab es wenigstens noch Vorabendsendungen wie das «Karussell». Auf der anderen Seite brauchen die Jungen heute auch kein Studio mehr, können vor dem Computer fixfertige Musik basteln. Wir nahmen damals noch Kassetten auf. Das klang fürchterlich!

«Ich habe immer gemacht, was ich machen wollte. Ich habe keine Bucket-Liste. Ausserdem muss ich auch noch etwas zu tun haben, sollte ich nochmals auf diese Welt kommen.»

Aber die Jungen haben die Plattform Internet!

Ja, und trotzdem stimmt es nicht, dass jeder Idiot auf Youtube Klicks generiert. Wenn du eine schlechte Idee hast, hast du nach fünf Jahren, je nach Grösse deiner Verwandtschaft, vielleicht 60 bis 70 Klicks zusammen. Bist du gut, kriegst du vielleicht eine Million Follower hin. Trotzdem tun mir die jungen Musiker leid. Es gibt kaum noch Musik, die es nicht schon gegeben hat. Als ich noch in Bands mitspielte, glaubten ich und meine Mitstreiter fest daran, wir würden etwas völlig Neues erschaffen.

Ihre lange im Voraus geplante Abschiedsvorstellung am 15. Oktober 2027 im Zürcher Hallenstadion rückt gefährlich näher. Gibts noch Tickets?

Für die Nachmittagsvorstellung gibts noch welche, der Abend ist bereits ausverkauft. Das Ganze ist ja aus einem Witz heraus entstanden. Aber dieser Witz wird mir auch eine Abschiedstournee ersparen. Ich bin dann 75, das Reisen wird mit dem Alter auch nicht angenehmer. Ich kann danach immer noch Rasen mähen und wieder vermehrt Kinderbücher schreiben. Ich habe immer gemacht, was ich machen wollte. Ich habe keine Bucket-Liste. Ausserdem muss ich auch noch etwas zu tun haben, sollte ich nochmals auf diese Welt kommen.

Zur Person

Seit 44 Jahren steht der ausgebildete Lehrer Peach Weber (68) als Liedermacher und Schnellgag-Produzent auf der Bühne. Mit Songs wie «Öberall heds Pilzli draa» oder «Gugguuseli» schuf er Schweizer Kultsongs für Jung und Alt. «Gäxplosion» ist sein 16. Bühnenprogramm. Der Vater einer erwachsenen Tochter lebt im aargauischen Hägglingen. Seine Abschiedsvorstellung gibt er am 15. Oktober 2027 im Hallenstadion. Restkarten für die Nachmittagsvorstellung sind noch beziehbar.  (jst)