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PERFORMANCE: Die Toten überleben im Gesang

Molto Cantabile bietet in der Zivilschutzanlage Sonnenberg einen starken musikalischen Auftakt zum Sehnsuchts- projekt der Albert Koechlin Stiftung: hautnah, beklemmend, überwältigend.
Urs Mattenberger
Dramatik vor der Erlösung zum Schluss: ein Sänger von Molto Cantabile, eingesperrt im Öltank der Zivilschutzanlage Sonnenberg, Luzern. (Bild Pius Amrein)

Dramatik vor der Erlösung zum Schluss: ein Sänger von Molto Cantabile, eingesperrt im Öltank der Zivilschutzanlage Sonnenberg, Luzern. (Bild Pius Amrein)

Urs Mattenberger

Alles beginnt harmlos wie ein Gruppenreisli, wenn sich die 25 zugelassenen Besucher unter dem Zelt versammeln, das beim Eingang zur Zivilschutzanlage Sonnenberg vor dem Regen schützt. Da erfährt man aus dem Lautsprecher, wie sich Luzern damit in den Sechzigerjahren gegen den Krieg schützen wollte: Zwei Wochen hätte es gedauert, bis die Anlage mit 20 000 mehrstöckigen Betten in den Autobahntunneln betriebsbereit gewesen wäre. 768 Menschen hätten sich darin eine WC-Anlage teilen müssen, und die Vorräte hätten nur zwei Wochen zum Überleben gereicht: eine lächerlich kurze Zeit angesichts der Halbwertszeit der Atomstrahlung, gegen die die Anlage mit ihrem Belüftungssystem auch hätte schützen sollen. Schon da ahnt man: Der Ernstfall wäre die Hölle.

Ab in die Hölle

Und daran erinnert gleich der Anfang der installativen Performance «Überleben», mit der der Chor Molto Cantabile die Anlage im Rahmen des Sehnsuchtsprojekts der Albert Koechlin Stiftung bespielt. Für die Sehnsucht steht hier die Spannung zwischen der Angst vor einer tödlichen Gefahr und der Hoffnung, sie durch Sicherheitsvorkehrungen zu überleben. Aber der lange, von einer endlosen Kette von Baulampen schwach erleuchtete Weg hinunter in den Berg ist tatsächlich wie ein Gang in die Hölle.

Schon da wird klar, welch starke Assoziationsmöglichkeiten die labyrinthisch verzweigte Kaverne bietet. Und man ist doch immer wieder überrascht, wie intensiv die Performance sie ihrerseits zu symbolstarken Bildern überhöht.

Irreal ist dieser gespenstische Rundgang von Anfang an musikalisch. Schon beim ersten Abstieg liegen sirrende Chorklänge in der Luft, die man nicht lokalisieren kann. Sind sie, wie alles in dieser Performance, vom Chor live gesungen, oder erklingen sie, elektronisch verfremdet von Audiodesigner Tomek Kolczynski, aus den meist unsichtbaren Lautsprechern? So tappt man auch im Dunkeln, wenn sich die Klangcluster verdichten, als lauerte um die Ecke der Chor – um festzustellen, dass da nur gähnende Leere ist. Im Treppenhaus, das über sieben Stockwerke hinweg unter die Autobahntunnel hinunterführt, sieht man Chorsänger, aufgereiht in der Treppenspirale, nach unten verschwinden. Die kriminalistische Spurensuche beim Gang vorbei an Operationssälen, Arrestzellen oder Radiostation schliesst auch Schattenspiele wie aus Platons Höhlengleichnis ein und geht 45 Minute lang endlos weiter.

Natürlich begegnet man hier und da tatsächlich den Sängerinnen und Sängern des Chors, und das leibhaftiger, als man es je in einem Chorkonzert erlebt hat. Geradezu schockartig nimmt man im Dunkeln wahr, wie sie auf Kajütenbetten aufgebahrt sind wie Tote, die ein Chorstück von Bach singen. 25 Besucher, mit ebenso vielen Sängern versammelt in einen mit Bettgestellen voll gepferchten Raum: Die Szene weckt beklemmende Vorstellungen von Konzentrationslagern und hat doch etwas Zärtliches an sich, weil man die auf Armlänge entfernten Gesichter der Sänger unter den Wolldecken streicheln könnte.

Das Ende naht

So hat die Performance ihre intensivsten Momente, wenn sie die Leere der Anlage mit der geisterhaft auftauchenden Präsenz der Sänger füllt. Wo der Chor, kalt aus der Dunkelheit herausgeleuchtet, in Nebenräume versprengt ist, überlagern sich auch die Live-Klänge zu einer unfassbaren Raumpolyfonie. Wo sich die Besucher in einer Einerreihe zwischen den Spalieren der Sänger durch einen engen Gang hindurchzwängen, wird diese Begegnung zu einer Art Spiessrutenlauf, bei dem man den Atem und die Vibration der Stimmen hautnah spürt.

Die grössten Gegensätze prallen aufeinander beim letzten Gang ins tiefste Geschoss unter der Autobahn. Durch das offene Fenster schwemmt der Lärm der vorbeischiessenden Fahrzeuge das alltägliche Leben in die Gänge. Im Keller aber erstarrt dieses zu einer Skulptur, wenn die Stimme eines einzelnen, statuenhaft erstarrten Sängers hallend aus der kreisrunden Öffnung eines riesigen Öltanks quillt. Eingepfercht zwischen Maschinerien wie im Bauch der «Titanic» und ausgesetzt den von der Elektronik gewalttätig aufgeladenen Klängen wird klar: Jetzt ist das Ende nah.

Dieses kommt etwas unvermittelt, wie man es von Happy Ends in der Oper kennt. Die Hoffnungssehnsucht, die Bachs Musik als Hintergrundfolie beisteuert, bricht sich da freilich überwältigend Bahn, wenn der Chor, jetzt unter der Leitung seines Dirigenten Andreas Felber, hochexpressiv einen Bach-Choral anstimmt. Ein Ausnahmeprojekt, das nicht nur den Stellenwert dieses Chors, sondern auch dieses Projektengagements der Albert Koechlin Stiftung unterstreicht.

Hinweis

Freitag, 22. 4., 18.30/19.30 Uhr, Samstag, 23. 4., 10.30/11.30/17.30/18.30/19.30 Uhr, Sonntag, 24. 4., 10.30/11.30/17.30/18.30/19.30 Uhr, Freitag, 29. 4., 18.30/19.30 Uhr, Samstag, 30. 4., 10.30/11.30/17.30/18.30, 19.30 Uhr; Zivilschutzanlage Sonnenberg, Luzern (Eingang Sälihalde-Spielplatz). VV: www.moltocantabile.ch

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