PERFORMANCE: Empathische Distanzierung

Muttersein ist nicht nur eine private, sondern oft auch eine öffentliche Angelegenheit. Die Performance «Chi» der Luzernerin Nina Langensand spricht offen über ein Tabu. Ein Gedankenpingpong, dem es manchmal an Sprungkraft fehlt.

Julia Stephan
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Performerin Nina Langensand am letzten Donnerstag auf der Bühne des Südpols in Kriens. (Bild: Roger Grütter (Kriens, 25. Mai 2017))

Performerin Nina Langensand am letzten Donnerstag auf der Bühne des Südpols in Kriens. (Bild: Roger Grütter (Kriens, 25. Mai 2017))

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Vieles im Leben kommt und geht dann wieder weg. Die Luzerner Schauspielerin und Performerin Nina Langensand hat damit Erfahrung. Sie zeigt auf ihr Überbein am rechten Schultergelenk. Morgen kann das wieder weg sein. Aber ein Baby? Das kann man nicht in den Geburtskanal zurückschieben, wie es der deutsche Comedian Michael Mittermeier einst vorschlug, als müden Versuch, sich verhaltensauffälliger Kinder zu entledigen.

Dieses radikale Bild hat Nina Langensand in ihrer Performance «Chi», die am Donnerstag auf der Südpol-Bühne Premiere hatte, nicht verwendet. Ihr mütterlicher Blick aufs eigene Kind, das am 18. September 2016 geboren wurde, ist bejahender und offener als der eines Michael Mittermeier.

Die Flaschengeister, die ich rief

Aber sie lässt die Vorstellung, dass gewisse Dinge nicht rückgängig zu machen sind, dennoch tief auf sich wirken, wenn sie in ihrer Performance die US-amerikanische Autorin und Feministin Rebecca Solnit zitiert. Die will Fortschritt nicht als Strasse verstanden wissen, auf der man einmal erlebte Dinge irgendwann zurücklässt. Für Solnit sind unseren Köpfen entwichene Konzepte und Ideen Flaschengeister, die man nicht mehr einfach in die Flasche zurückdrücken kann. Sie wabern in der Welt auch ohne unser Zutun weiter.

Das Tagebuch, auf dem Lan­gensands Performance aufbaut, ist so ein Flaschengeist. Langensand begann während ihrer Schwangerschaft, in vertraulichem Du das Wort an ihr Ungeborenes zu richten. Und hat nach der Geburt einfach weitergeschrieben. Den Zuschauer lässt sie im Ungewissen, ob sich der Text, aus dem sie in der Performance Passagen zitiert, an ein Geborenes oder Ungeborenes richtet. Undatiert und ungeschönt erzählt sie aus ihrem Leben als Mutter. Dabei trägt sie auf dem Rücken eine Babyattrappe. Deren kleine Füsse zappeln trügerisch echt, während Langensand ihren Körper beim Erzählen hin und her wiegt, als wolle sie ihr Kind beruhigen. Die Performance, die für einmal nicht mit Langensands Performancegruppe Ultra erarbeitet wurde, ist alles andere als eine pathetische Feier der Mutter-Kind-Bindung. Im Gegenteil: Es ist der Versuch einer empathischen Distanzierung. Ein gefährdetes Ich versucht sich hier abzugrenzen von zu viel Verantwortung und von den fremden Blicken, welche Mutter und Kind im Alltagsuniversum als Einheitskapsel erfassen.

Da hilft auch nur bedingt, dass Langensand bei der Trennung der Nabelschnur den Satz «Jetzt sind wir zwei» spricht. Wenn die Künstlerin mit dem Baby auf dem Rücken in der Stadt Velo fährt, finden das viele süss. Ebenso viele finden das verantwortungslos. Wenn sie in einem für eine Schulklasse reservierten Zugwaggon ein nicht benutztes Abteil im launischen Disput mit den Lehrpersonen verteidigt, fallen hinter ihrem Rücken Sätze wie «Das arme Kind». Als Schwangere wurde Langensand einmal sogar zum Verlassen des Kinosaals aufgefordert. Der Grund: Auf der Leinwand wurden Tiere getötet.

Diese gesellschaftlich verankerte Schonung des Nachwuchses steht im Widerspruch zu Langensands Wunsch, eine möglichst ehrliche Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen, bei der die Welt nicht besser wegkommt, als sie ist. Und genau dieser Widerspruch wird in «Chi» in einem nicht immer nachvollziehbaren Assoziationsmarathon reflektiert.

Geringe Leuchtkraft

Stellenweise nimmt der Bericht in seiner Offenheit fast schon Knausgård’sche Züge an. Auch wenn Langensand meilenweit davon entfernt ist, wie der norwegische Autor Karl Ove Knausgård seine Nächsten im Namen der Kunst blosszustellen – der wertneutrale Blick ist gerade Langensands Stärke –, gehen die biografischen Einblicke doch sehr tief. Von den Fäkalien des Säuglings bis zur Verwendung von Menstruationsbechern über das Ablaufdatum hinaus wird alles befragt. Und es ist wie mit den Glühbirnen, die auf der Bühne des Südpols verteilt liegen. Selten erreichen die Bilder die volle Leuchtkraft. Wenn am Schluss ein Pingpongball zur Rauchpetarde wird, nimmt das Gedankenpingpong ein jähes Ende.

Hinweis

Nina Langensand, «Chi». Die Performance ist heute, 27. 5., um 18.15 Uhr nochmals im Rahmen von «Friendly Take Over» auf der Hauptbühne des Luzerner Theaters zu sehen. Mehr Infos: luzernertheater.ch/heimspiele