Interaktives Kunstprojekt: Performances aus der Zentrale

«Neun mal neu» war ein neunteiliges Luzerner Kunstprojekt. Nun ist es auf einer Website dokumentiert.

Pirmin Bossart
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Eine von vielen Illustrationen aus dem Publikum.

Eine von vielen Illustrationen aus dem Publikum.

Bild: PD

Performances leben von der Aktion des Moments. Sie digital nochmals aufzubereiten und virtuell nachzuerleben ist streng genommen ein Widerspruch. Anregend kann es dennoch sein. Vielleicht wird sich der eine oder die andere sogar sagen, warum man nicht dabei war, und dafür ein nächstes Mal an einer ähnlichen Aktion selber vor Ort sein wollen. Dann würde das Paradox der Ausgangslage immerhin zur Kunstvermittlung. Solche Gedanken kann spinnen, wer sich auf der Website www.999999999.ch durch die Salven der Buchstaben klickt.

«Neun mal neu» war eine neunteilige Reihe, die 2018 in der Zentrale an der Baselstrasse Luzern stattfand, wo das Duo Die Diebe arbeitet und produziert. Protagonist war der aus Kriens stammende Musiker und Künstler Christian Löffel alias Hainrisc T. In einem Intervall von neun Tagen konzipierte er neun Konzerte, von denen jedes ganz anders war. Das ging von der bluesigen Kraut-Jam über dadaistische Interventionen bis hin zum zeitgenössischen Noise-Experiment.

Publikum in den Prozess integriert

Besonders waren vor allem die Form und der Kontext. Hainrisc T arbeitete an jedem Konzert mit verschiedenen Gastmusikern und Kunstschaffenden zusammen. Die Künstlerinnen und Künstler stellten während und zu den Sound-Ereignissen ihre eigenen Kreationen her. Kilian Bannwart drehte die Videos, Shannon Zwicker machte Zeichnungen, Pablo Haller schrieb Terzette. Auch das Publikum war involviert und schrieb seine Gedanken nieder, zunächst als Erwartung an das Konzert und danach als subjektive Verarbeitung des eben Gehörten und Erfahrenen. «Durch diese Interpretationen wird die musikalische Präsentation auf weitere Wirkungsfelder und Medien übertragen, weitergedacht und ergänzt», schrieben damals Die Diebe.

Wer nicht dabei war, kann sich jetzt online eine Fülle von Material anhören und ansehen. Sämtliche neun Anlässe sind mit Musik, Video, Fotografie, Malerei, Gedicht und Statements umfassend dokumentiert. «Es ist ein weiterer Versuch, Kunst virtuell zu präsentieren, wenn live – wie jetzt aufgrund der Corona-Pandemie – nichts mehr geht», sagt Lili Vanilly von Die Diebe. Vanilly hat übrigens unter dem Namen Sewn schon Mitte März mit «Zom Schnüütze i Chäller» den vielleicht besten Corona-Song der Schweiz geschrieben. Auch diesen kann man virtuell nacherleben.

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