Ein Wochenende mit Freunden und Neurosen am Meer

Peter Henning entblösst in seinem Roman "Die Tüchtigen" heutige Wohlhabende und ihre Neurosen und Ängste. 672 Seiten lang. Durchhalten lohnt sich. 

Erika Achermann
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Vier Paare treffen sich zum Geburtstagsfest von Katharina Weskott, der erfolgreichen Schriftstellerin. Sie wird 50, ein kritisches Alter, wie sie selber meint. Katharina und ihr Mann Robert haben drei befreundete Paare ans Meer eingeladen. Aus dieser Situation startet Peter Henning, der als Journalist auch für diese Zeitung schreibt, seinen Roman «Die Tüchtigen». Sein zehntes Buch.

Die acht Personen trudeln im Fünfsternehotel in Zandvoort ein. Eine erste Flasche Veuve Cliquot wird geöffnet, man schaltet «in den Fun-­Modus». Es wird getrunken, im Meer geschwommen, geschlemmt, welche Wonne hätten diese Tage sein können! Doch bald zeigen sich bei diesen tüchtigen Berufstätigen in der privaten Nähe zueinander so einige Macken, Stresssymptome und Charakterschwächen.

Henning fächert die Charaktere einer wohlsituierten Gesellschaft gekonnt auf, beschreibt mit psychologischer Einfühlung, wie sie sich in die Quere kommen. Wie wird sich Robert, der Lufthansa-Pilot, der gern jüngere Frauen «flachlegt», während der vier Tage verhalten? Will man seine «nackte Wahrheit» oder lieber seine Lügen kennen lernen? Oder Tom, der zockende Bankmanager, der «immer auf Lust- und Gewinnmaximierung aus ist»? Seine Frau, Belinda, quält die Angst um ihren Besitz und befürchtet, dass sie zu viel an Luxus wollten. Marc Clever mit seiner Sucht nach Geschwindigkeit sieht die «schöne Aphrodite Anne» als «seine Trophäe». Doch er hat auch seine empfindsamen Seiten. Trotz manchen trivialen Begebenheiten, die man auf den 670 Seiten der «Tüchtigen» durchhalten muss, liest man interessiert weiter, weil Henning viele Details lustvoll hervorzuheben vermag.

Die Idee für einen Roman im Roman

Und da ist ja auch noch Stefan, der am liebsten in dieser Gesellschaft unsichtbar sein möchte. Ihn plagt ein leichtes Burn-out-Syndrom, er kommt sich vor wie Albert Camus’ Sisyphos. Feline, seine Frau, unterrichtet Deutsch und Philosophie und zitiert Ludwig Wittgenstein. Katharina hingegen will «keine hohe Literatur produzieren». Das verbiete ihr der Respekt vor «richtigen Schriftstellern wie Philipp Roth, J.M. Coetzee oder Hillary Mantel». Ob das auch die Vorbilder von Peter Henning sein könnten? Nicht auszuschliessen. Als vielbelesener Autor und Journalist ordnet er seinen acht ­Menschen häufig Zitate zu, von Nietzsche über Sartre bis Max Frisch und DeLillo. So gibt er ­­ihnen auf alltäglichem Terrain eine literarisch-philosophische Note, die aber doch eher an der Oberfläche bleibt.

Henning verliert vor allem Katharina nie aus den Augen, denn die Tage mit ihren Freunden ­geben ihr die Idee für einen Roman, der «gesellschaftliche Fragen» aufwirft und «obendrein gut unterhält». Damit ist Henning bei seinem eigenen Schreiben angelangt, denn seine Geschichte entblösst heutige Wohlhabende und ihre Neurosen und Ängste.

Peter Henning Die Tüchtigen. Luchterhand, 672 Seiten.