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PÉTER NÁDAS: Vom Rand her die Welt beobachten

Der Ungar Péter Nádas gehört zu den grossen Intellektuellen unserer Zeit. Nun ergänzt er sein Werk durch seine Lebenserinnerungen, ein ebenso intimes wie zeitgeschichtliches Dokument.
Erika Achermann
Péter Nádas ist ein Stilist mit viel Gefühl und Ironie. (Bild: Keystone/Alessandro Della Bella)

Péter Nádas ist ein Stilist mit viel Gefühl und Ironie. (Bild: Keystone/Alessandro Della Bella)

Erika Achermann

Es ist nicht schwierig, mit Péter Nádas ins Gespräch zu kommen, aber es ist schwierig, ihn und sein Werk in knappen Worten zu charakterisieren. Nádas ist einer der wichtigsten europäischen Intellektuellen, mit vielen Preisen ausgezeichnet, dem Leipziger Literaturpreis für europäische Verständigung ebenso wie mit einer Nomination für den Literatur­nobelpreis. Mit seinen Büchern kann man Wochen verbringen und taucht dabei in Sphären ein, die zwar in der Welt vorhanden, aber literarisch bisher kaum fassbar waren.

Wie nähert man sich dem solch gigantischen Werk eines Erzählers, der wissen wollte, wie Bewusstsein entsteht? Man lässt sich hineinsaugen in die Geschichte eines Kindes, das 1942 ins «Überlebensfieber des kriegerischen Europas» hineingeboren wurde und im ungarischen Aufstand von 1956 ein pubertierender und zugleich genauer Beobachter ist. Péter Nádas erinnert sich in seinem neuesten Werk «Aufleuchtende Details» an jene Momente, die im Leben aufleuchten, ob dunkel oder hell. Lohnt die Lektüre der 1278 Seiten? Oh ja! Besonders für Leser, die Musils «Der Mann ohne Eigenschaften» oder Prousts «Suche nach der verlorenen Zeit» lieben, denn in dieselben literarischen Höhen darf man Nádas’ Werk stellen – es ereignet sich tatsächlich ein Glanz über den Sätzen, der vergleichbar ist mit glücklichen Momenten des Lebens.

Im Labyrinth des Denkens und Fühlens

Péter Nádas wurde in eine jüdische Familie hineingeboren. Seine Eltern liessen ihn protestantisch taufen, um ihn vor der Deportation zu schützen. Der Schüler Péter will Ballettunterricht nehmen, was ihm mit höhnischem Lachen abgeschlagen wird. Ein erstes Nachdenken über das Mann- und Frausein beginnt. Erotische Szenen sind reichlich vorhanden in den Werken von Péter Nádas. Das Kind soll Klavier spielen, obwohl es teurer ist als das Tanzen. Wie kann ein Kind dem Labyrinth des Denkens der Erwachsenen folgen, sie verstehen? Indem es sie heimlich belauscht; doch deren Geheimnisse in der Schule auszuplaudern konnte gefährlich werden. Denn es herrschen die faschistischen Pfeilkreuzler, dann die Kommunisten in Ungarn. Vater und Mutter sympathisieren mit den Kommunisten, doch 1958 bringt sich der Vater um.

Nádas beobachtet mit Empathie und Genauigkeit sich selber und sein persönliches und europäisches Umfeld, verweist auf andere Autoren und erzählt vom Tod, von Schmerz, mit Humor, Sarkasmus und Ironie. Bewundernd fragt man sich, wie man Zeit und Ruhe findet, ein solch detailverliebtes Werk zu schreiben. «Der Mensch lebt nicht, während er erzählt, dennoch ist das Erzählen die realste Lebenshoffnung. Die Hoffnung des Verstandes angesichts des blinden Schicksals», hat er bereits 1995 im Roman «Der Lebensläufer» geschrieben. 18 Jahre hat er in Schreibklausur im Dorf Gombosszeg an den «Parallelgeschichten» gearbeitet.

Péter Nádas hat seine Werke in die Welt hinausgeschickt. Wie fühlt es sich an, wenn ihn tausende Leser zu kennen glauben, er aber nur sehr wenige seiner Leser kennen kann? Es sei ein Vorteil, die Leser nicht zu kennen, meint Péter Nádas in seinem fabelhaft weichen Deutsch im Kunstmuseum Zug, wo für nächstes Jahr eine Ausstellung mit seinen Fotos vorbereitet wird. «Die Leser kennen etwas von mir, aber sie ergänzen das Gelesene mit ihrer Fantasie und dadurch entstehen ganz verschiedene Bilder.» Es sei ein Unterschied, ob man im Kontext des gesellschaftlichen und kulturellen Umfelds in Ungarn und der Schweiz gelesen werde. Ein Lob auf die Übersetzung von Christina Viragh ist hier unbedingt nötig, denn Ungarisch und Deutsch gehen in ihrer Musikalität weit auseinander. Viragh, sagt Nádas, hat meinen Text «nachgesungen». Jahrelang hat sie an den einfühlsamen Übersetzungen von «Parallelgeschichten» mit seinen 1700 Seiten und an «Aufleuchtende Details» gearbeitet.

Eine weitere Frage drängt sich auf. Ungarn liegt an der EU-Aussengrenze und Péter Nádas wohnt dort zusammen mit seiner Frau Magda Salomon neben einem riesigen Wildbirnbaum im winzigen Dorf Gombosszeg, vier Bahnstunden von Budapest entfernt. Das Haus im Dorf war «eine Überlebensfrage», ein Ausweg aus der Diktatur, deren Ende in den Achtzigerjahren nicht absehbar war, sagt er. Und: Ist es leichter, die Welt vom Rand her zu beobachten? «Ja, die Zahl der Brechungen hilft immer.» Er komme immer zwischen die Fronten, passe nirgendwo hinein, das sei nicht bequem, aber für einen Autor ein guter Ort, manchmal unangenehm, aber auf längere Zeit hin sehr fruchtbar.

«Ich kann den Kopf nicht abwenden»

Péter Nádas vermittelt uns auf einzigartige Weise eine osteuropäische Schule der Gefühle. Mit Max Frisch kann man zu Nádas sagen: «Ich kann mir kaum vorstellen, dass ohne politisches Bewusstsein grosse Literatur entsteht.» Das politische Bewusstsein wird in Nádas’ Werk her­aus­gefordert. So endet denn auch «Aufleuchtende Details» mit dem folgenden Satz: «Ich hasse nicht nur jegliche Tyrannei, sondern kann auch vor den Schwächen, billigen Komödien und gefährlichen Voreingenommenheiten der Res publica und der Demokratie den Kopf nicht abwenden. Tut mir leid.»

Péter Nádas: Aufleuchtende Details. Memoiren eines Erzählers. Rowohlt, 1278 S., Fr. 49.–

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