PHILIPPE JORDAN: Es winkt der zweite Olymp

Ein Schweizer wird musikalischer Leiter der Wiener Staatsoper. Er ist ein Mann mit vielen Talenten, die er gerade eben in Bregenz gezeigt hat. Dort haben wir ihn getroffen.

Rolf App
Drucken
Teilen
Einen «Publikumsliebling mit solidem Fundament» nennt «Die Presse» Philippe Jordan. (Bild: Jean-François Leclercq)

Einen «Publikumsliebling mit solidem Fundament» nennt «Die Presse» Philippe Jordan. (Bild: Jean-François Leclercq)

Rolf App

Philippe Jordan hat keine Zeit. Eigentlich. Trotzdem sagt er sofort, als ich ihn nach der Probe zum ersten Aufzug von Richard Wagners «Walküre» im Bregenzer Festspielhaus um ein Gespräch bitte: «Ja, das machen wir.» Wir sehen uns nicht das erste Mal. Im vergangenen Jahr hat sich das Gespräch um Wien und die Wiener Symphoniker gedreht, deren Chefdirigent er seit 2014 ist. Drei Jahre zuvor war im Dirigentenzimmer der Zürcher Tonhalle Frankreich das Thema, wo er seit 2009 das Orchestre de l’Opéra national de Paris leitet. Mit ihm wird Philippe Jordan auch am 29. August ans Lucerne Festival kommen, mit zwei bekannten (Debussys «Prélude à l’après-­midi d’un faune» und Berlioz’ «Symphonie fantastique») und einem unbekannten Stück (Camille Saint-Saëns’ reizvollem Kla­vierkonzert Nr. 5, dem «Ägyp­tischen Konzert»).

Pendeln zwischen Wien, Paris und Bayreuth

Wien und Paris bilden geografisch die Pole seines Wirkens. Aus Wien erreicht uns drei Tage nach dem Gespräch in Bregenz die aufregende Meldung, dass Jordan auf September 2020 zum musikalischen Leiter der Wiener Staatsoper gewählt worden ist. Das Haus, an dessen Spitze so ­berühmte Männer wie Gustav Mahler und Richard Strauss gestanden haben, legt seine künstlerischen Geschicke in die Hand eines Schweizers. Der damit einen musikalischen Olymp vor Augen hat. Es gibt keine zweite Stadt, in der die klassische Musik so sehr zur Grundversorgung gehört mit vielen, stets ausverkauften Konzerten. Im Zentrum dieser Stadt aber befindet sich die Staatsoper.

Doch als dritte wichtige Station dieses Jahres muss noch ­Bayreuth genannt werden. Ein erstes Mal hat Philippe Jordan diesen Olymp 2012 erklommen, mit dem Dirigat des «Parsifal». Jetzt ist er zusammen mit dem ­jüdischen Regisseur Barrie Kosky dorthin zurückgekehrt, mit einer Inszenierung der «Meistersinger von Nürnberg», die Wagners Antisemitismus in der Figur des Beckmesser verortet – von der man allerdings nicht weiss, ob Wagner ihn tatsächlich als Judenkarikatur angelegt hat. Dass er aber samt seinem Clan durch und durch antisemitisch dachte und fühlte, das kann nach Hitler niemand bestreiten.

Während Koskys Inszenierung von der Kritik mal gelobt und mal mit kritischen Anmerkungen versehen wird, schneidet die Musik erkennbar besser ab. Die «Welt» hält Philippe Jordan zugute, dass er «das Festspiel­orchester diskret und höflich im Hintergrund argieren lässt und dabei unglaublich flexibel bleibt, sodass sich die Sänger grosse Freiheiten nehmen können». Die «Zeit» bemängelt zwar Jordans «Neigung zu gewissen Brutali­täten», streicht aber positiv seine «ganz aufs Unfette, auf flüssige Tempi und einen leichtgewich­tigen Konversationston» aus­gerichtete Gestaltung heraus. Der «Tages-Anzeiger» lobt, dass ­Jordan «nicht im Wagner-Klang baden mag, sondern die theatralische Schärfung sucht». Und die NZZ erwähnt «viele kammer­musikalisch fein geschliffene ­Details», auch wenn an der Premiere noch kein klares stilis­tisches Gesamtkonzept erkennbar gewesen sei. Das werde sich aber entwickeln.

Bevor es so weit ist, studiert Philippe Jordan in Bregenz die «Walküre» konzertant ein und macht trotz seiner Mehrfach­belastung einen ganz ruhigen, ganz umsichtigen Eindruck. Für ihn gibt es in diesem Moment nur die Arbeit, das heisst: diese Musik. Er weiss: Dirigieren setzt nicht nur voraus, dass er im Hinterkopf eine genaue Vorstellung dessen hat, was er an Klanglichkeit erreichen will. Dirigieren ist auch ganz wesentlich Beziehungsarbeit.

Freundliche Blicke für Musiker und Sänger

Immer wieder schickt er freundliche Blicke ins gross besetzte Orchester und zu den Sängern. Selten unterbricht er den Spielfluss, stattdessen zeigt er mit deutlichen Gesten, worauf es ihm ankommt. Da und dort signalisiert er mit der linken Hand, dass sich die eine oder andere Instrumentengruppe zurücknehmen soll. Auch wenn zwischendurch das schwere Blech auf den Plan tritt: Philippe Jordans Wagner soll nicht zu wuchtig ­werden.

Stattdessen soll das feine ­Geflecht der Motive sichtbar ­werden, das Wagners Kunst ausmacht. Und wenn man diese «Walküre» hört mit ihrer Vielschichtigkeit, ihrer Wärme und inneren Spannung, dann begreift man auch, wenn Philippe Jordan sagt: «Richard Wagner ist für mich, abgesehen einmal von ­Johann Sebastian Bach, der bedeutendste Komponist. Was er geschaffen hat, ist absolut einzigartig; in dieser Verbindung von Bühne, Text und Musik, und in den Menschheits- und Welt­themen, die Wagner aufgreift.» Ausserdem, fügt er hinzu: «Es gibt keinen anderen Komponisten, dessen Musik in mir emotional derart viel auslöst – obwohl ich nun wirklich kein Wagnerianer bin.»

Philippe Jordans Liebe zu Wagner reicht weit zurück, bis in die Kindheit. Sehr viel jünger ist die Faszination für einen andern grossen Einzelgänger der Musik: Anton Bruckner. Vor zehn Jahren noch hat er im Interview gesagt, er würde niemals Bruckner dirigieren. Dessen Musik sei ihm zutiefst fremd. Vor zwei Jahren nun hat er in Wien einen Bruckner-Zyklus begonnen, den er in der kommenden Saison fortsetzt mit den Symphonikern, denen das Sinnliche, Melodische, Tänzerische besonders liege. Und er erklärt heute: «Fremd ist Bruckner mir immer noch. Sein Werk ist, wie Nikolaus Harnoncourt gesagt hat, wie ein Stein, der vom Mond auf die Erde gefallen ist.» Diesen Bruckner verbindet er in den Konzerten mit moderner Musik, mit Stücken von Kurtág, Ligeti, Scelsi. Bruckner als Mann, der in die Zukunft schaut.

Doch das ist nur eines jener vielen Experimente, die Philippe Jordan in Wien gewagt hat. Dort hat er denn auch einen guten Ruf. Die Zeitung «Die Presse» bezeichnet ihn als «Publikumsliebling mit solidem Fundament» und erwähnt den Zyklus der Beethoven-Sinfonien in der abgelaufenen Spielzeit, der ihm «hymnische Kritiken und grossen Publikumszuspruch» beschert habe.

Das Engagement an der Staatsoper wird Jordans Arbeit in Paris und bei den Wiener Symphonikern beenden. «Ich möchte mich um alle musikalischen Belange kümmern und mehr oder weniger ganzjährig anwesend sein», erklärt er im Interview. Dazu gehört, dass er dreissig bis vierzig Abende dirigiert. Mit halben ­Sachen begnügt er sich nicht. Ob er nun, wie in Bregenz, ein Konzert vorbereitet oder wie in Bayreuth die «Meistersinger».

Die Wiener Staatsoper ist das traditionsreichste Haus am Platz. Hier führt ab 2020 ein Schweizer Regie. (Bild: Gonzalo Azumendi/Getty)

Die Wiener Staatsoper ist das traditionsreichste Haus am Platz. Hier führt ab 2020 ein Schweizer Regie. (Bild: Gonzalo Azumendi/Getty)