Philosoph Richard David Precht über die Grenzen von Technologie: «In der Evolution war es nie so, dass Intelligenz zu Bewusstsein geführt hat»
Interview

Philosoph Richard David Precht über die Grenzen von Technologie: «In der Evolution war es nie so, dass Intelligenz zu Bewusstsein geführt hat»

Bild: Laif

Die künstliche Intelligenz könne zu einem Anschlag auf die liberale Demokratie führen, warnt der Philosoph Richard David Precht. Sie könne dem Menschen aber auch helfen, zu sich selber zu finden.

Raffael Schuppisser
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Sie beschäftigen sich als Philosoph mit künstlicher Intelligenz und haben darüber ein Buch geschrieben. Warum?

Richard David Precht: Es ist Aufgabe der Philosophen, sich mit den tiefen und grossen Fragen der Menschheit zu beschäftigen. Und künstliche Intelligenz wird unsere Lebenswelt sehr stark verändern – vielleicht sogar unser menschliches Selbstverständnis.

Alle sprechen von künstlicher Intelligenz, doch nicht alle verstehen darunter dasselbe. Was ist künstliche Intelligenz?

Es gibt keine verbindliche Definition für künstliche Intelligenz, nur eine Art Minimalformel, die besagt: Künstliche Intelligenz ist dann im Spiel, wenn ein Computersystem in der Lage ist, selbstständig Muster zu erkennen und zu durchforsten und aufgrund dessen, was es erkannt hat, selbstständig Entscheidungen zu fällen. Das ist ein grosser Schritt. Bisherige Computer haben zwar Automatisierung betrieben, aber nicht die Automatisierung selbst automatisiert. Hier erhält die Maschine eine neue Macht. Das ist eine Zäsur.

Zur Person

Der Bestseller-Philosoph
Bild: Keystone

Der Bestseller-Philosoph

Richard David Precht, geboren 1964, ist der wohl meistgelesene zeitgenössische Philosoph Deutschlands. Seit seinem Megaerfolg «Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?» aus dem Jahr 2007 wurden alle seine Bücher zu philosophischen oder gesellschaftlichen Themen Bestseller und in mehr als 40 Sprachen übersetzt. Im ZDF hat Precht eine eigenen TV-Sendung, in der er sich mit Gesprächspartnern aus Politik und Gesellschaft zu aktuellen Themen unterhält. Ausserdem ist als Honorarprofessor in Berlin und Lüneburg tätig. Sein neustes Buch, «Die künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens», ist im Goldmann-Verlag erschienen. (ras)

Lässt sich künstliche Intelligenz dennoch mit bisherigen technologischen Entwicklungen vergleichen?

Technologien haben die Zivilisation mehrmals verändert: etwa die Entdeckung des Feuers, die Einführung des Ackerbaus oder die Erfindung des Rads. Eine ähnliche Bedeutung kommt der künstlichen Intelligenz zu.

Diese Innovationen haben zu Fortschritt geführt und das Leben besser gemacht. Wird das auch mit der künstlichen Intelligenz so sein?

Das kommt darauf an, was wir damit machen. Künstliche Intelligenz ist dann gut, wenn sie Menschen von lästiger Arbeit befreit. Oder in der Wissenschaft. Wenn sie Daten so durchforstet, dass man dadurch zu neuen oder klareren Erkenntnissen kommt. Sie ist aber dann bedenklich, wenn sie über das Schicksal von Menschen entscheidet. Oder wenn sie uns das Entscheiden generell immer mehr abnimmt. Der Mensch wäre dann weniger selbstbestimmt und würde über kurz oder lang seine Freiheit weitgehend einbüssen. Das wäre ein grosser Anschlag auf das liberale Verständnis unserer europäischen Demokratie.

Wie könnte es so weit kommen?

Die Ideen sind dafür da. Das fängt damit an, dass beispielsweise ein Computer ausrechnet, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Sträfling rückfällig wird. Das hat es in Amerika gegeben. Mittlerweile ist man etwas zurückgerudert. Ein anderes Beispiel: Bei Schülern wird aufgrund von Daten ausgerechnet, wie gross die Wahrscheinlichkeit ist, dass sie das nächste Schuljahr nicht schaffen. Was macht ein Kind, wenn es erfährt, dass es zu 62 Prozent durchfällt?

Die Berechnung wirkt wohl kaum motivierend auf das Kind.

Es wird den Glauben an sich verlieren; das wird sein Lernen verändern, und die Prophezeiung wird eintreten. Wir beginnen, Zahlen als Autorität anzuerkennen. Irgendwann wollen wir alles messen, weil wir uns sonst nicht mehr sicher fühlen. Dann fangen wir an, die messbare Seite der Welt für die Welt zu halten. Dabei lassen sich die meisten wesentlichen Dinge gar nicht messen: tiefe Emotionen wie Liebe etwa.

Der israelische Historiker und Bestsellerautor Yuval Noah Harari sagt, dass genau das bald möglich sein werde, denn Menschen funktionierten wie Algorithmen.

Herr Harari hat wirklich schöne Bücher geschrieben, von Philosophie versteht er aber nicht so viel. Er geht davon aus, dass Menschen keine Willensfreiheit haben und man in 20, 30 Jahren den Algorithmus des Denkens entschlüsseln könne. Das wird dem Menschen nicht gerecht und ist auch im wissenschaftlichen Sinn nicht wahr. In der Philosophie gibt es starke Argumente, warum das nicht so ist. Die scheint er nicht zu kennen, oder er ignoriert sie.

Historiker Yuval Noah Harari glaubt, der Mensch denke in Algorithmen und funktioniere wie ein komplexer Supercomputer.

Historiker Yuval Noah Harari
glaubt, der Mensch denke in Algorithmen und funktioniere wie ein komplexer Supercomputer.

Bild: Daniel Naber

Je ähnlicher uns Maschinen werden, desto mehr rücken die Unterschiede ins Zentrum. Kann uns künstliche Intelligenz helfen, die Essenz des Menschen zu finden?

Richtig. Man kann im Angesicht der künstlichen Intelligenz gut erkennen, wo sich der Mensch in seiner Sonderstellung überschätzt hat. Das Besondere am Menschen ist nicht schlichtweg die kognitive Intelligenz, sondern es hat auch viel mit seiner Emotionalität zu tun. Das Faszinierende des Menschen ist es, dass er «ich» zu sich sagt. Kein Forscher findet ein Ich im Gehirn, und dennoch verfügen wir über Selbstbewusstsein. Das ist etwas typisch Menschliches. Vielleicht gibt es Ansätze dazu im Tierreich, aber sicher nicht in derselben Form.

Der Oxford-Philosoph Nick Bostrom vertritt die These, dass Bewusstsein aus einem Prozess der Informationsverarbeitung entsteht und künstliche Intelligenz einmal Bewusstsein erlangen würde.

Bostrom hat eine seltsame Vorstellung von Biologie. In der Evolution war es nie so, dass Intelligenz zu Bewusstsein geführt hat. Stattdessen haben einige fühlende Wesen ein Bewusstsein ausgeprägt – einige, wie der Mensch, sogar ein Selbstbewusstsein. Das hat dazu geführt, dass der Mensch intelligenter wurde, um sich in seiner Umwelt zu orientieren. Dass umgekehrt aus Intelligenz Bewusstsein entsteht, dafür fehlen Anhaltspunkte.

Philosoph Nick Bostrom glaubt, KI werde in Zukunft ein Bewusstsein entwickeln werde.

Philosoph Nick Bostrom
glaubt, KI werde in Zukunft ein Bewusstsein entwickeln werde.

Das bedeutet auch: Egal, wie sich künstliche Intelligenz noch entwickelt, sie wird nie besser sein als wir und uns nie ablösen, weil sie eben anders funktioniert als der Mensch.

Die Frage ist, was wir unter besser verstehen. Sie ist uns jetzt schon überlegen, wenn es darum geht, etwas zu berechnen oder Muster zu erkennen und aufgrund dessen schnelle Entscheidungen zu treffen. In Zukunft wird sie uns noch viel stärker überlegen sein. Sie kann auch Emotionen erkennen oder Emotionen faken. Doch sie kann keine Emotionen empfinden. Und sie hat keine Vorstellung von ihrem Tun und kann ihm keinen Sinn abgewinnen.

Helfen uns unsere menschlichen Fähigkeiten, uns auf dem Jobmarkt gegen Maschinen durchzusetzen?

Das kommt auf den Job an. Künstliche Intelligenz ist nicht der bessere Politiker, sie wird die kreativen Prozesse in der Wissenschaft nicht alle übernehmen und in den sozialen Berufen nicht viel erreichen können. Ausserdem werden Handwerker nicht so einfach durch Roboter ersetzt. Es gibt viele Berufe, die erhalten bleiben werden. Aber auch viele, die wegfallen. Oft solche, für die man eine höhere Ausbildung braucht: in den Verwaltungen, in den Versicherungen und auf den Banken. Das betrifft sehr viele Menschen, gerade in der Schweiz.

Grosse Umbrüche hat es schon immer gegeben. Es wird auch wieder neue Jobs geben.

Das ist richtig. Aber nicht alle können Informatiker oder Big-Data-Analyst werden, weil ihnen dafür die geistige Voraussetzung fehlt. Viele technische Jobprofile werden immer anspruchsvoller, und es wird nicht möglich sein, für alle Menschen einen Job zu schaffen, den sie meistern können oder ausführen wollen. Das Grundeinkommen wird deshalb eines der wesentlichen Dinge sein, die wir im Zuge dieser Entwicklung einführen werden.

Und wer finanziert das?

Ein echtes Geldproblem haben die Regierungen in der Schweiz oder in Deutschland nicht. Das zeigt gerade die Coronakrise, für deren Bewältigung innert kürzester Zeit hohe Milliardenbeträge freigemacht werden konnten. Tagtäglich verdienen Firmen und Privatpersonen enorm viel Geld an der Börse. Wenn man da nur einen Bruchteil abziehen würde, liesse sich ein Grundeinkommen finanzieren. Wir leben derzeit in einem System, in dem vor allem die Arbeit besteuert wird, langfristig müssen wir in ein System kommen, in dem stattdessen verstärkt die Finanztransaktionen besteuert werden.

Über die Besteuerung von Arbeit werden wir unsere Sozialwerke nicht mehr dauerhaft finanzieren können.

Richard David PrechtHonorarprofessor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg und Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin

Richard David Precht
Honorarprofessor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg und Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin

Bild: Keystone

Das klingt ideologisch.

Nein, völlig nüchtern und pragmatisch. In der Debatte werden solche Ideen seltsamerweise als Visionen von linken Träumern dargestellt. Es geht aber nicht um links oder rechts, sondern um die Frage, wie wir die Zukunftsgesellschaft finanzieren, in der sich die Arbeitswelt stark verändern wird. Das System, das wir jetzt haben, mit der Einkommenssteuer und den derzeitigen Sozialwerken, sind Folgen der ersten industriellen Revolution. Nun bricht ein neues Maschinenzeitalter an, und wir müssen eine neue Blaupause ersinnen, damit die Gesellschaft weiterhin funktionieren kann.

Was tun die Menschen, wenn sie nicht mehr arbeiten müssen?

Die Zukunftsvision im Silicon Valley sieht in etwa so aus, dass die Leute die ganze Zeit online bestellen und in virtuelle Spielwelten abdriften. Schauerlich! Die Menschen könnten sehr viel Gutes tun. Etwa sozialen Tätigkeiten nachgehen und sich um ihre Mitmenschen kümmern. Ich fürchte, dass das derzeit leider die wenigsten tun würden.

Könnte man Jobs künstlich am Leben erhalten, weil sie den Menschen einen Sinn geben?

Es ist wenig sinnstiftend, wenn man weiss, dass die Tätigkeit, der man nachgeht, eigentlich unnütz ist. Da kommt man sich schnell albern vor.

Sollen die Menschen dann Kunstwerke erschaffen, statt zu arbeiten?

Das wird auch nicht sonderlich erfüllend sein, das wird die künstliche Intelligenz auch besser können.

Auch wenn sie keine Emotionen empfinden kann?

Ja, das wird gehen. Emotionen sind dafür nicht nötig. Sie kann schon einen Rembrandt malen, der genauso aussieht, als hätte ihn der Meister erschaffen. Sie wird in der Zukunft auch in der Lage sein, eigene Stile zu entwickeln. Dann ist der Kunstmarkt nicht mehr interessant, und Bilder werden rasant an Wert verlieren. Auch die Tätigkeit des Malers wird nicht mehr dieselbe Bedeutung haben. Sie müssen schon sehr kreativ sein, um sich von morgens bis abends mit etwas zu beschäftigen, das Ihnen sinnvoll erscheint, wenn die künstliche Intelligenz in den meisten Bereichen besser ist als Sie.

Das Bild «Edmond de Belamy» ist das erste Kunstwerk, das von künstlicher Intelligenz gemalt wurde. Im Jahr 2018 wurde es für mehr als 400 000 US-Dollar verkauft.

Das Bild «Edmond de Belamy» ist das erste Kunstwerk, das von künstlicher Intelligenz gemalt wurde. Im Jahr 2018 wurde es für mehr als 400 000 US-Dollar verkauft.

Bild: Artificial intelligence software / Public domain

Anders als die meisten Ihrer Kollegen schaffen Sie es, verständlich über komplexe philosophische Fragen zu schreiben. Warum geben sich deutschsprachige Philosophen weniger Mühe, verständlich zu sein, als ihre angelsächsischen Kollegen?

Wir haben in Deutschland die alte Tradition, dass die Menschen nur Respekt vor Philosophen haben, wenn sie sie nicht verstehen. Wenn man sie versteht, dann denken sie, das kann ja nichts Besonderes sein, das kapiere ja sogar ich. Das geht drauf zurück, dass wir in Deutschland einige schwer verständliche Philosophen hatten – wie Hegel oder Heidegger. Allerdings findet auch im deutschsprachigen Raum gerade ein Generationsumbruch statt.

Gibt es Gedanken, die dem breiten Publikum nicht erklärt werden können, weil sie zu kompliziert sind?

Nein, ich glaube, das gibt es nicht. Ein guter Physiker kann die Relativitätstheorie so erklären, dass sie ein Laie versteht. Ich schreibe an einer Geschichte der Philosophie. Derzeit beschäftige ich mich mit Heidegger – einem Philosophen, über den man sagt, es sei sehr schwer, ihn verständlich darzustellen. Ich bin zuversichtlich, dass mir das gelingt.

Ist das Erklären für die breite Masse wichtig, damit wir nicht in eine Expertengesellschaft abdriften, in der sich die Menschen gar nicht mehr verstehen, weil ihnen ein gemeinsamer Bezugsrahmen fehlt?

Je komplizierter die Welt wird, umso wichtiger wird die Fähigkeit, sich umsichtig zu orientieren. So gesehen, wird die Aufgabe der Philosophie derzeit immer wichtiger.

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