Interview

«Photos sind versöhnlicher als die Wirklichkeit»: Der Nidwaldner Arnold Odermatt über seine Arbeit als international bekannter Polizeifotograf

Der frühere Nidwaldner Polizeifotograf Arnold Odermatt feiert am 29. Mai seinen 95. Geburtstag. Auf diesen Anlass hin führte sein Sohn Urs Odermatt ein ausführliches Interview mit ihm, basierend auf Fragen des Wiener Fotografen Sebastian Gansrigler. Vater und Sohn führten das Gespräch in Dialekt, der Sohn formulierte es dann auf Schriftdeutsch. Im folgenden publizieren wir das Interview in voller Länge.

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Stans 1973: Polizist Noldi von Büren macht einen Handstand an einem autofreien Sonntag. Ein Foto mit Kultcharakter.
14 Bilder
Biennale dell'Immagine Chiasso, 2019: Arnold Odermatt vor einem seiner berühmteten Unfallfotos.
Stansstad 1967: Eines der berühmtesten Bilder aus der Werkreihe «Karambolage».
Hergiswil, 1975: Der Lastwagen füllt fast exakt die Fahrbahnen.
Luxemburg 2013: Arnold Odermatt mit seinem Sohn, dem Regisseur Urs Odermatt.
Alp Alpelen Beckenried 1975: Dokumentierter ländlicher Alltag.
Berlin 2014: Arnold Odermatt vor einem weiteren seiner bekannten Fotos.
Buochs 1980: Waren die Tücken des Schnees schuld?
Oberrickenbach. Wolfenschiessen, 1993: Alltägliche Besonderheit. Auch solche hat Arnold Odermatt dokumentiert.
Hergiswil 1968: Die richtige Perspektive macht aus der Haverie quasi eine Art Kunstwerk.
Hergiswil 1982: Unfälle erzeugen zuweilen unfreiwillige Form- und Farbenpracht, wie diese geschmolzene Heckleuchten.
Ein anderes Beispiel
Und noch eines.
Stans 1950: Arnold Odermatt als 25-jähriger Polizist.

Stans 1973: Polizist Noldi von Büren macht einen Handstand an einem autofreien Sonntag. Ein Foto mit Kultcharakter.

Bild: Arnold Odermatt,
© Urs Odermatt, Windisch

Was ist Photographie für Sie?

Photographie war der Ausweg. Bei meinem Eintritt in die Kantonspolizei Nidwalden vor über siebzig Jahren bekam ich die Aufgabe, Autounfälle mit Bleistift, später mit Tusche zu skizzieren. Ich konnte nicht zeichnen und photographierte die Autounfälle vom Standpunkt, an dem die Übersichtskizze entstanden wäre. Gegen den Willen und zum Entsetzen meines Vorgesetzten. Er kannte die Photographie nicht und war überzeugt, dass Photos – anders als Bleistiftzeichnungen – Fälschungen Tür und Tor öffneten. Mein Vorgesetzter hielt mir ein Hotelplakat unseres Hausbergs Stanserhorn – der Photograph hatte für Touristen das Matterhorn mittels Doppelbelichtung in den Bildhintergrund montiert – unter die Nase: der Beweis für die Lüge der Photographie!

Später war ich Zeuge, wie ein Richter meinen Vorgesetzten überschwenglich für die Einführung der Photographie bei Ermittlung und Protokoll lobte. Mein Vorgesetzter drehte auf der Stelle und verfügte, dass Polizeibeamte Autounfälle künftig nicht mehr skizzierten, sondern photographierten. Ich war der einzige, der wusste, wie man einen Film in die Kamera legte.

Paris 2011: Arnold Odermatt im Zwiegespräch mit seinem Sohn Urs Odermatt.

Paris 2011: Arnold Odermatt im Zwiegespräch mit seinem Sohn Urs Odermatt.

Jasmin Morgan

1925 wurden Sie in Oberdorf, Nidwalden, geboren. Wie war die Jugend?

Wir waren elf Kinder, sechs Buben und ein paar Mädels. Wir lebten, von was Garten und Stall hergaben. Der Vater war Kantonsförster und als Kavallerist – wie die meisten Nidwaldner – fast immer in der Armee. Die Mutter kümmerte sich um Kinder, Haus, Garten, Stall, Steuern, Geld und Buchhaltung und war froh, dass sie nicht noch den Sonntagsfussmarsch zur Wahl gehen musste. Wenigstens die Politik sollten die Männer allein auf die Reihe kriegen; Armee und Politik waren in Nidwalden patriarchal – das Leben funktionales Matriarchat. Hunger gab es nicht, wir hatten ein Dach über dem Kopf, und die Küche war im Winter geheizt. Der Älteste wird Haus und Hof bekommen, ein Kind gehörte der Kirche, und es musste irgendwie gehen, dass der Jüngste studieren konnte.

Sie begannen nicht als Photograph, sondern als Bäcker?

Nicht als Bäcker, sondern als Konditor. Üppige Hochzeitstorten waren meine Spezialität. Anders als heute fühlte ich mich dabei als Künstler. Das war in La Chaux-de-Fonds im Neuenburger Jura, um französisch zu lernen; dieser Austausch über die Sprachgrenze in jungen Jahren war gute eidgenössische Tugend. Wenn man morgens um vier in der Backstube steht und mit den Hühnern schlafen geht, hält sich der Sprachkontakt aber in Grenzen. Bald bekam ich eine Mehlstauballergie, musste in der Konditorei aufhören und beschloss, in den Belgisch-Kongo auszuwandern. Dann wären die Gesichter auf meinen Photographien heute nicht so bleich.

Mein Vater wollte vom bereits gepackten Überseekoffer für den Belgisch-Kongo nichts wissen und meldete mich kraft seines Amtes bei der Kantonspolizei Nidwalden an. Es gab Bewerber, die weit besser qualifiziert waren, aber Vater Arnold Odermatt, der Kantonsförster, setzte durch, dass Französisch-bis-sieben-zählen-können das entscheidende Kriterium für einen Polizisten sei, und ich wurde gewählt. Etwas Afrika hatten wir auch in Nidwalden.

Wie fingen Sie bei der Polizei an?

Mit Fahrrad, Photokamera, Schreibmaschine und Handschellen aus zweiter Hand. Die Polizei besass damals nichts. Als junger Polizist musste ich mich selbst ausrüsten. Nur eine Uniform in Einheitsgrösse stand zur Verfügung. Straftäter wurden zu Fuss oder auf dem Fahrrad verfolgt. Gut, ausser Wilderei und Verstösse gegen die behördliche Sperrstunde in der Dorfkneipe gab es kaum Verbrechen zu ahnden. Dafür sehr viele Autounfälle, verursacht durch die ganz wenigen Autos im Kanton Nidwalden. Alkohol, kein Tempolimit und kurzluntiges Bauerntemperament waren die Hauptursache. Da Autos damals so stabil waren wie Pappe oder Sperrholz und es keine Sicherheitsgurte gab, war der Blutzoll, auch bei Bagatellschäden, hoch. Weil die meisten Autounfälle für die Fahrgäste an der Windschutzscheibe endeten. Da endete oft nicht nur die Fahrt.

Anfangs hatte ich als Polizist kein eigenes Bureau und nutze den Platz, der gerade frei war – oft zugestapelt, dass es ein Stehplatz blieb. Die Polizeinotrufnummer wurde nach Dienstschluss an meinen Privatanschluss umgeleitet. Hätte das Telephon nicht jede Nacht über meinem Bett geklingelt, müssten sich mehrere Söhne über den Nachlass einigen.

War es seltsam, als Polizist zu photographieren?

Seltsam ist, wie wenig seltsam mir mein damaliges Treiben mit der Kamera vorkam. Ich entdeckte schnell, dass die besten Aufnahmen der Autounfälle entstanden, wenn ich aufsichtig von oben photographierte. Aufsicht brachte Übersicht. Niemand hinderte mich daran, den VW-Bus mitten auf die Autobahn zu stellen, mit Stativ und Kamera aufs Dach zu klettern und die Autobahn für die perfekte Aufnahme eine Stunde lang zu sperren. Notfalls auch die unfallfreie Gegenfahrbahn, wenn das die bessere Perspektive und ein leeres Bild versprach. Niemand hinderte mich daran, mitten in der Nacht am Nachbarhaus zu klingeln, in Socken aufs Bett der Hausherrin zu steigen und die Karambolage vom Schlafzimmer der Dachmansarde aus zu photographieren. Niemand hinderte mich daran, Baukräne zu entern, in luftiger Höhe den Ausleger hinauszurobben und den alle Fragen beantwortenden Topshot des Autounfalls zu photographieren. Schliesslich trug ich die Dienstuniform der Kantonspolizei Nidwalden.

Die Nachsicht fand ihre Grenzen, als ich für einen am Seeufer gestrandeten Volkswagen die Uniformhose hochkrempelte, ins Wasser watete und die Aufnahme vom See her machte. Mein Vorgesetzter hätte statt meiner haarigen, nackten Beamtenbeine lieber gesehen, wenn ich für die Aufnahme per amtlichen Funkspruch einen Lastkahn mit sieben Mann Besatzung herbeordert hätte. Aus dem Rotzloch, so heisst ein Ortsteil mit Hafen in Ennetmoos, damals mit Tanzcafé und Damenwahl – ich habe meine Frau aber nicht im Rotzloch kennengelernt.

Sie waren der erste Schweizer Polizeiphotograph?

Ich dachte immer, ich sei der einzige – und die Polizisten in den anderen Kantonen müssten bleistiftzeichnen und tuschemalen. In Nidwalden versuchte ich, nicht der einzige zu bleiben und meine Kollegen auszubilden. Talent und Interesse waren überschaubar.

Als ich später Oberleutnant, Chef der Verkehrspolizei und Vizekommandant der Kantonspolizei war, hatte der kleine Kanton Nidwalden die Nerven, mich als einzigen Nichtakademiker an die Schweizerische Konferenz der Verkehrspolizeichefs zu delegieren. Als ich als Mann der Praxis in langen Sitzungen zur Sicherheit im Strassenverkehr den statistik- und expertisebewaffneten, akademisch gebildeten Verkehrspolizeichefs der anderen Kantone schilderte, wie es sich anfühlt, allnächtlich Autounfalleichen vom Asphalt zu kratzen und die Schilderungen mit Schwarzweissphotos aus Nidwalden dokumentierte, war deren universitäres Wohlbehagen bald so erschüttert, dass sie meinen Forderungen nach strengeren Tempo- und Promillelimits zustimmten.

Später waren sich mein Sohn, der Herausgeber, genauso mein Berliner Galerist und der Göttinger Verleger, einig: Meine Photos seien eigen und unverwechselbar, weil sie von einem bockigen – das Wort „stur“ fiel nicht – Beamten hinter den sieben Bergen und ohne jeden Einfluss, von von wem auch immer, gemacht wurden.

Wie reagierten die Nidwaldner auf das Photographieren?

Gar nicht. Es hat niemanden interessiert. Gut, es kann sein, dass ich allen auf den Wecker ging, weil ich mich ausschliesslich für das Photographieren interessierte. Polizeiarbeit und Photoarbeit – andere Gesprächsthemen gab es für mich nicht. Aber, wie mein Sohn sagt, Lob ist in Nidwalden nicht endemisch. Meine Photos waren einfach da. Wenn’s gepasst hat, nutzte man sie. Nicht zu knapp. Wenn nicht, dann nicht. Worte verloren hat man deswegen keine. Wahrscheinlich war’s die vertraute Art der Wertschätzung – schlechte Qualität nutzte der Nidwaldner nicht. Aber meine Leidenschaft und meine Lust nach Austausch hungerten. Später, in Chicago, in Venedig, in Krakau – dort war ich ein Star. Zuhause war ich der Noldi, der die Föteli gratis macht. Mein Sohn hasst den Rufnamen Noldi und nannte mich lange als einziger Arnold, weil Noldi für ihn für all das steht, wovon er aus Nidwalden fortlief.

Jetzt ist alles anders. Jetzt sprechen mich hier viele Leute an, die ich nicht einmal vom Sehen kenne, loben mich, laden mich ein, wollen mit mir gesehen werden, machen Dingens – Selfies! –, fragen, warum ich alles mit den Deutschen mache und versichern, schon immer gewusst zu haben, dass diese Photos einmal berühmt werden. Das Nidwaldner Museum kuratierte eine schöne, grosse Ausstellung und kaufte viele Abzüge in die Kunstsammlung an. Allerdings erst viel später, nachdem ein Zürcher die Leitung des Hauses übernommen hatte.

Was waren die Schwierigkeiten am Anfang?

Ich gewann als Zehnjähriger eine Boxkamera bei einem Wettbewerb der Zürcher Seifen- und Waschmittelfabrik Steinfels und wusste nichts. Meinen ersten Film nahm ich nach drei Aufnahmen aus der Kamera und hielt ihn gegen die Sonne, neugierig, ob schon etwas zu sehen sei. Fehlanzeige, war wohl zu früh – Chemie und Wunder brauchten Zeit. Ich rollte den Film wieder in die Boxkamera, hielt als kluges Kind die Hand satt vor die Kameraoptik und drückte dreimal den Auslöser, damit die ersten drei Photos nicht zwei verschiedene Motive übereinander zeigten. Der aus Basel zugezogene Stanser Dorfphotograph kam später aus der Dunkelkammer und meinte, Bübchen, so einen schwarzen Film hätte er noch nie gesehen. Er schenkte mir einen neuen Film und ein paar Ratschläge.

Später bei der Kantonspolizei Nidwalden waren die Probleme komplexer: ein Verkehrsunfall, nachts, ausserorts, bei Regen, kein Strom weit und breit, aber bitte achtzig Meter Schärfentiefe, damit die ganze Unfallsituation amtlich und scharf zu erkennen sei. Ein paar Telephongespräche mit Fernvorwahl, die damals ein Vermögen kosteten, brachten mich auf Magnesium. Für die ersten Versuche schüttete ich das Blitzlichtpulver auf die Innenseite der Radkappe meines DKW 3=6 und malte so im Bildmotiv selbst jedes Detail mit grell leuchtendem Magnesium nach, bis alles hell war. Querwärts, nicht längswärts, damit ich in der Langzeitbelichtung nicht auf dem Negativ zeichnete – soviel hatte mich die Pike schon gelehrt. Am Schluss kam die Radkappe wieder an den Reifen. Fertig!

Mit welcher Kamera arbeiteten Sie?

Ich photographierte eine ganze Weile mit einer einfachen Boxkamera aus Pappe oder Bakelit, die schneller kaputt war als der Film voll. Aus dieser Zeit stammt wohl mein Streben nach stabil und unkaputtbar über alles. Die Boxkameras waren Billigteile mit einlinsigen Objektiven und langen Verschlusszeiten, die mit 4,99 DM beim Händler angeschrieben waren, obwohl wir in der Schweiz weder Mark- noch Pfennigpreise kannten, und sie lieferten flaue, unscharfe Bilder. Die zweiäugige Rolleiflex 3.5, die ich mir Anfang der fünfziger Jahre leistete, war das absolute Gegenteil. Sie war unverwüstlich wie ein Land-Rover und kostete, was ich bei der Nidwaldner Kantonspolizei in zwei Monaten verdiente. Sie hatte, wie schon die Boxkamera, Mittelformat – nach meiner unsentimentalen Beamtenlogik versprach das grössere Negativformat die detailgenauere Vergrösserung. Ein Rollfilm hatte zwölf Aufnahmen; da ich aus Gründen der Sparsamkeit von jedem Motiv nur eine Aufnahme machte, schien mir weniger mehr – und übersichtlicher für meine ortschaftsortierte Einzelbildnegativablage als die sechsunddreissig Aufnahmen eines Kleinbildfilms. Und die Rolleiflex 3.5 hatte keine Wechselobjektive – das entsprach meiner Art, zu reduzieren, was geht, und erst das Bild zu denken, bevor ich die Kamera auf das Stativ baute.

Als sich in den späten sechziger Jahren die Aufgabe stellte, von den Dienstmotiven sowohl ein Schwarzweissbild für Richter und Lokalpresse als auch ein Farbbild für das Anwerben von jungen Polizisten zu machen, habe ich die Rolleiflex SL 66 entdeckt. Sie hatte zwei Magazine für Rollfilme, eines für Farbe, eines für Schwarzweiss – erfunden für mich: ich musste nicht mehr zwei Kameras und zwei Stative durch Nidwalden schleppen.

Die Wahl der Kamera war entscheidend?

Ja, ich arbeitete sehr lange für den Erwerb einer Rolleiflex 3.5, später einer baugleichen, aber lichtstärkeren Rolleiflex 2.8, sie passte perfekt zu mir, sie sollte ewig halten. Jedem Handwerker, der sein perfektes Werkzeug fand, ist dieses perfekte Werkzeug wichtig. Nein, die Kamera war ein Dienstgerät und nicht mein Augapfel; nicht jeder Kratzer, nicht jeder Schmutzspritzer, nicht jeder Fettfinger oder Blutfleck, den die Kamera im Einsatz abbekam, warf mich in eine Krise.

Die beiden Rolleiflex waren keine Etepetete-Hasselblads, sie arbeiteten bei jedem Wetter und dienten der Polizeiarbeit, bei der es oft schnell und zackig ging und bei der auch Rekrutenburschenhände zupackten. Für das Schliessen des Objektivdeckels musste aber immer Zeit sein, sonst konnte ich lauter werden als das Martinshorn.

Besitzen Sie die Kamera noch?

Die Rolleiflex SL 66 war bis vor drei Jahren im Einsatz, jetzt kann ich nicht mehr photographieren, meine Sehkraft liess wegen einer degenerativen Netzhauterkrankung nach. Zum Glück einigermassen stabil, ich bekomme alle sechs Wochen furchtbar teure Spritzen ins Auge, die fast so viel Gewissensbisse wie Schmerz bereiten, aber mein Sohn rechnete mir vor, ich könne – da ich nie krank war und ein Beamtenleben lang einbezahlt habe – die Spritzen bis ins Alter von hundertvierzehn machen lassen, ohne dass die Krankenkasse, das Gemeinwesen, drauflege. Das beruhigte mich – wenn also jemand Stativ, Kamera, Objektive und den Photographen zum Motiv trägt und die Schärfe scharf zieht, kann ich gerne noch einmal den Auslöser für Nidwalden drücken.

Die Rolleiflex 2.8 habe ich ausgemustert und meinem Sohn vererbt. Der arbeitete mit ihr lange weiter und übernahm meinen Zelluloidgeiz, meine Strenge. Von der Deutschen Presse-Agentur kam einmal der Auftrag, nach Klosters in den Kanton Graubünden zu fahren, Königin Silvia von Schweden exklusiv mit ihrem Kind im Skiurlaub zu photographieren und den Film per Taxikurier nach Frankfurt am Main zu schicken. Mein Sohn hat das bestellte eine Bild gemacht („Ein Bild war bestellt, nicht Bilder!“) und den Rollfilm ansonsten leer dem dpa-Labor ausliefern lassen. Von den erbleichten Gesichtern der Photoredakteure beim Sichten des zu elf Zwölfteln leeren Filmstreifens gibt es leider keine Aufnahme, dafür Belegexemplare des einen Bilds aus Klosters in Zeitungen von Ecuador bis Taiwan.

Sie entwickelten die Photos selbst?

Nach Feierabend und am Wochenende im ehelichen Badezimmer. Meine Gattin liess sich deswegen nicht scheiden. Unsere Generation sah solche Übergriffe gelassener. Mein Sohn warf mir später vor, das erste, was er von Photographie wusste, sei, dass sie stinke. Später bewilligte der Kanton Nidwalden das Budget für einen Wasseranschluss in einer Besenkammer des Polizeibureaus; in der Folge konnte ich mein privates Durst-Vergrösserungsgerät aus dem Südtirol und meine Chemiesammlung in den Staatsdienst stellen. Ich bin absoluter Autodidakt und brachte mir die Laborarbeit durch Versuchen, Schätzen und Fehlermachen selbst bei. Es gab niemanden, den ich hätte fragen können, und zu lesen gab es nur, was auf Verpackung und Beipackzettel stand. Verstanden habe ich davon meistens nur Bahnhof. Also: Ausprobieren!

Viele Jahre später wollte Jasmin Morgan, Filmproduzentin und Partnerin meines Sohns, wissen, was das Künstlergeheimnis sei, wenn ich im Labor Photos vergrösserte. Ich merkte: Keine Ahnung. Ich probiere aus, weiss, was geht, was nicht, was vielleicht, wo abwedeln, ungefähr bis jetzt, mhm – noch etwas, gut. Aber erklären? Fehlanzeige. Wissen weiss nur meine Erfahrung, meine Reflexe, mein Bauch. Ich war erst besorgt, als mein Berliner Galerist handabgezogene Editionen meiner Photos anbieten wollte. Acht plus drei gleichaussehende Prints – wie soll mir Amateur ohne Lehrzeit und Lehrbuch dies gelingen? Robert Springer beruhigte mich bei der Ablieferung der ersten Edition. Alles Unikate, eindeutig, sogar der vergessene Krümel von der Künstlerstulle hatte für ihn den Charme des Authentischen. Mein Sohn war viel strenger und sorgte in der Folge dafür, dass nur noch das beste nach Berlin kam.

Wurden die Photos damals veröffentlicht?

Ja, vor allem in der Lokalpresse, wenn der Autounfall oder das Sommerloch gross genug waren. Meist ohne Budget, da Polizisten ohnehin Staatskosten kosten und – je nach Tagesform des Layouters – im Quer- oder im Hochformat, aber nie im Originalformat der Rolleiflex, quadratisch. Ich fing an, selbst im Labor einen Abzug in Quer- und einen in Hochformat als Vorlage zu vergrössern, auch wenn ich an der Kamera die Aufnahme quadratisch gestaltete. Doch meine Ausschnitte waren für die Lokalpresse eine Art Entwurf; kaum ein Layouter hielt sich daran. Diese Freiheiten konnte ich mir beim Bussgeldbescheid nicht nehmen; die Tarife des Gesetzgebers waren Festpreise.

Gelegentlich hatte ich das zweifelhafte Glück, dass die Fahrzeuge der Autounfälle ausländische Kennzeichen trugen – das besonders schreckliche Schicksal eines amerikanischen Touristenbusses, dessen Chauffeur seine Fahrgäste in die Tiefen des Vierwaldstättersees fuhr, brachte meine Photos bis in den San Francisco Chronicle. Noch mehr als die Photos wurde mein Licht veröffentlicht, vor allem nachts, bei Regen, ausserorts. Kaum strahlte mein Magnesium für dreissig Sekunden hell über dem Autounfall, drückten ganze Einheiten von Presseleuten auf den Auslöser. Aber: Nur ich stand auf dem Dach des VW-Busses aufsichtig mittig über der Sachlage. Der Frechste unter den Reportern verzieh mir erst an der Ausstellung in Zürich, dass ich ihn von Amtes wegen nie aufs Dach klettern liess.

Sahen Sie sich mehr als Polizist oder als Photograph?

Ich war immer ein Polizist, der die Aufgabe hatte, den Tatbestand bildlich festzuhalten, als Angehöriger der Verkehrspolizei in der Regel Verkehrsunfälle. Mit dem tauglichsten Werkzeug, das mir zur Verfügung stand: der Photographie. Ein gutes Bild muss scharf sein und alle Details klar festhalten, vom Vordergrund bis zum Hintergrund, bei jedem Wetter, bei jeder Tages- und Nachtzeit. Ein gutes Bild muss sich streng von allem trennen, was nicht zum Sachverhalt gehört, und es muss einen Kamerastandpunkt haben, der dem Betrachter hilft, zur Sache zu kommen: Aufsichtig, symmetrisch, frontal, mit klaren Bezügen statt Perspektiven, die irgendwo im Nirwana landen. Dass aus diesem von mir erwarteten Handwerk eine eigene Handschrift wurde, liegt daran, dass ich nichts wusste, keinen fragen konnte und alles selbst herausfinden musste. Mit dem Druck des Geldbeutels, jeden Fehler nur einmal zu machen. Dass aus der Handschrift später Kunst wurde, dafür kann ich nichts; es ist das Werk der Zeitläufte – ähnlich wie bei uns in Nidwalden im Leben sture und bockige Zeitgenossen im Nachruf konsequent und gradlinig sind.

Mitte der sechziger Jahre hatte ich die Aufgabe, in den Schulen junge Burschen für den Polizeidienst anzuwerben. Es war eine wilde Zeit, die Jugend wollte gegen die Polizei rabatzen, demonstrieren und lange Weiberfrisuren tragen, aber nicht in Uniform und Bürstenschnitt für Ruhe und Ordnung sorgen. Die Nidwaldner Kantonspolizei verlangte eine abgeschlossene Berufslehre, damit die jungen Polizisten nicht allzu jung, sondern etwas im Leben geerdet waren. Abgebrochene Mittelschuljahre, Lehrzeiten in bewusstseinserweiternden Plantagen und kreative Südamerikareisen mit Gitarre und Rucksack haben die Polizei bei der Musterung nicht interessiert. Ich bereitete Lichtbildvorträge für die Grundschule vor, um der Schuljugend zu zeigen, was die Polizei grossartiges hatte und konnte: Autos mit Blaulicht, Motorboote, Motorräder, ordentliche Waffen, Funkgeräte, Radar, gnadenlose Reifenkrallen. Am meisten interessierte die Dorfjugend die Sperrungen. Die Macht, zu sperren, fanden einige ganz toll. Jahre später feierten sie ihre bestandene Matura mit einer Phantombaustelle auf der Autobahn und sperrten eine Fahrspur. Das fand die Polizei nicht wirklich toll. Ein paar nette Polizeirekruten lockten die Lichtbildvorträge immerhin an.

Wie war der Alltag?

Es war nicht nur Alltag, sondern auch Allnacht. Jede Nacht. Ich besass kein eigenes Bureau, ich war der „Gang-go!“, der Geh-mal! der Nidwaldner Kantonspolizei und für alles zuständig, was die Kollegen nicht aus dem angewärmten Stuhl erledigen konnten. Das einzige, das ich anwärmen konnte, war der Sattel meines Fahrrads, da ein paar der elf Gemeinden Nidwaldens nicht im Talgrund lagen. Gangschaltung und Bremse hatte das Fahrrad nicht, dafür Rücktritt, um das Hinterrad zu blockieren. Wenn die Kette riss oder vom Ritzel sprang, war die Rücktrittbremse funktionsunfähig. Dann gute Nacht, Alltag.

Später leitete ich die Abteilung und war Chef der Nidwaldner Verkehrspolizei – ich versuchte, ein paar Fehler zu vermeiden, die ich in meiner Anfängerzeit miterlebte: Ich sorgte dafür, dass die Autofahrer bei Verkehrskontrollen nicht geduzt wurden, auch wenn sie ausserdienstlich Nachbarn waren. Einige der jungen Polizeikollegen gingen dem Du und dem Sie aus dem Weg und flüchteten sich ins Ärzte-Wir. Das konnte schiefgehen, wenn der kontrollierte Autofahrer ein frecher Zürcher war. Nidwaldner Polizist: „Haben wir etwas getrunken?“ – Zürcher: „Ich nicht!“

Sie dokumentierten das Leben der Nidwaldner in Nidwalden?

Dahinter steckte kein Entschluss, sondern die Tatsache, dass der Nidwaldner immer wusste, wo der Geldbeutel sass. Wenn in einem der elf Dörfer eine neue Kuh, ein neuer Stall, eine neue Frau oder ein neuer Reisepass anstand, sparte der Nidwaldner gern die Rechnung des Dorfphotographen und rief bei Noldi an, da dieser schon qua Steuerbescheids bezahlt war und es so in einem Aufwasch ging. Ausserdem bekam ich jeweils mitgeteilt, dass die Photographie mein Hobby sei und man mir eine Freude bereiten wolle.

Über die Jahre führte diese bodenständig haushälterische Wirtschaftsführung dazu, dass in Nidwalden nichts ohne meine photographische Dokumentierung blieb. Ich gebe zu, das Eingestehen der künstlerischen Absichtslosigkeit und die achtzig Jahre Zufall in der Motivwahl widerstreben meinem trotzigen Wunschdenken, schon immer gewusst zu haben, dass meine Photographien einmal berühmt werden. Oder? Aber ohne die hiesige Nidwaldner Bockigkeit und das beharrliche Tüfteln wäre aus dem Urschweizer Einzelgänger wohl nie kein „Künstler“ geworden.

Wenn Sie auf die vierzig Jahre als Polizist zurückblicken, was gefiel Ihnen am Beruf, was nicht?

Ich sah viel Schlimmes in den vierzig Jahren, und hinter fast allem Schlimmen stand Alkohol. Ich wurde ein ziemlicher Fanatiker und trinke meist nur Tee und Wasser. Muss ich bei unausweichlichen Gelegenheiten mit Wein anstossen, landet die zweite Hälfte des Glases im Blumentopf des Gastgebers. Mein Feierabendbier ist ein dreifach verdünntes Radler. Meinem Sohn hätte ich einen Banküberfall verziehen – das kann ja mal passieren –, aber niemals Alkohol am Steuer. Ich hasse Alkohol. Ich hasse ihn, weil ich zu viele Leichen gesehen habe. Bei der Polizei gefällt mir der Fortschritt: Anfang der fünfziger Jahre hatten wir in Nidwalden ein paar Dutzend Autos mit ein paar Dutzend Verkehrstoten jedes Jahr. Heute haben wir in Nidwalden ein paar Zehntausend Fahrzeuge und oft viele Jahre nicht einen einzigen Verkehrstoten. Ich liebe diesen Fortschritt.

Die Leichen bei den Autounfällen waren nicht das schlimmste, das schlimmste war das Klingeln an der Haustür: Ihr Mann ist tot, Ihre Frau ist tot, Ihr Kind ist tot. Einmal im Monat, ein Berufsleben lang. Die Toten waren tot – es waren die Augen der Angehörigen, die mich verfolgten. Die Polizisten von heute sind Glückspilze, ihnen geschieht das vielleicht einmal im Leben. Dann haben sie Unterstützung durch nette Polizeipsychologinnen. Ich hatte nur den Hass auf Alkohol. Und die Konzentration auf die Photographie – fürs Amt und für den Richter: Scharf, genügend Licht für grosse Schärfentiefe, nachts bei Regen, Reduktion auf das Wesentliche.

Würden Sie heute andere Motive photographieren?

Nein, warum?

Hätte die digitale Technik Ihre Arbeit verändert?

Ich schraube nicht mehr Schrauben in die Wand, nur weil es jetzt Elektroschrauber gibt. Beides geht natürlich schneller, elektroschrauben und digitalphotographieren. Aber ein Bild ist ein Bild, es gibt nur zwei Sorten: gute und schlechte. Der Unterschied ist Handschrift und Handwerk des Photographen geschuldet, seinem Auge, seinem Gespür für die bildliche Komposition, seinem Gespür für den einzig richtigen Moment, seinem Timing für diesen Moment. Der Photograph muss den einzig richtigen Moment spüren, bevor er da ist, sonst ist er weg, bis der Entschluss vom Gehirn den Weg zum Auslöserfinger geschafft hat. Der einzig richtige Moment ist auch in der neuen digitalen Technik analog. Timing ist zeitlos; nicht der schnellste freit die schönste Tochter, sondern der richtige Augenblick. Für mich war der finanzielle Druck, von jedem Ereignis nur ein einziges Bild zu machen und die Zeit zu fordern, bis es passt, der Königsweg.

Doch um eines beneide ich die Kollegen der digitalen Generation: um das stets zur Verfügung stehende Polaroidbild – auf dem Kameramonitor, gratis und franko. Ich weiss nicht, ob meine Photos besser geworden wären, wenn ich Komposition und Licht vor jeder Aufnahme hätte prüfen können, aber Nerven, Geduld, Laune und letztlich meine Ehe hätte es geschont, weil erst die Entwicklung im Badezimmer die Gewissheit brachte, dass die analoge Aufnahme geglückt war. Natürlich gab es damals Polaroidmagazine bei Hasselblad-Kameras; aber das war eine andere Liga – bei meinem Beamtengehalt wäre schnell Ebbe gewesen.

Wie denken Sie über die digitale Zeit?

Auch, wenn die Antwort überrascht: Ich bin absolut begeistert! In den Jahren 1959 bis 1964 drehte ich den Bau der ersten Schweizer Autobahn auf einer zerschrammten Gebrauchtkamera mit. Es war eine stumme Paillard-Bolex-16mm-Kamera mit Federwerk, Handkurbel, abgeschnittenem Revolver für drei Objektive und Platz für eine Dreissig-Meter-Spule. Da Geld knapp war, kam stets Schwarzweissrohmaterial in die Kamera, das im Sparangebot feil war, neben teurem Kodak und Agfa oft Ilford, Perutz, Orwo oder 3M. Für eine ordentliche Negativentwicklung mit Positivkopien fehlte das Budget; ich liess das Material im Labor umkehrentwickeln, klebte alle Filmenden zuammen und spielte das einzige Original über Jahre in Baustellenkantinen und Betriebsfesten ab. Da die Projektoren schlecht gewartet waren und beim häufigen Wechseln der Dreissig-Meter-Filmspulen beim Drehen auf der Baustelle oft Staubkörner mitgewechselt wurden, war das Material Jahrzehnte später letal zerkratzter Sondermüll und zur Entsorgung bestimmt.

Mein Sohn hat im letzten Augenblick alles im Speicher entkrempelt und entrümpelt. Er montierte das verstreute Filmmaterial mit einem Schnittmeister ordentlich zu einem Dokumentarfilm, nannte diesen neuentstandenen, aber völlig versehrten und unspielbaren Film Lopper und deponierte ihn in der Cinémathèque suisse. Seine Partnerin Jasmin Morgan lieh diese Filmrollen vor ein paar Jahren in Penthaz aus und restaurierte den sorgfältig digitalisierten Film mit dem Münchner Filmrestaurateur Thomas Bakels. Das Resultat ist einfach nur phantastisch und besser, als das Original jemals war. Die digitale Revolution rettete mein analoges Nidwaldner Zelluloidgedächtnis.

Sie arbeiteten später neben schwarzweiss auch in Farbe. Wie war der Umstieg?

Unfreiwillig. Nachdem ich im Tessin-Urlaub ab und zu ein Farbphoto der Familie machen musste – meine Gattin fand, die Welt sei farbig und nicht schwarzweiss –, wollte mein Vorgesetzter eines Tages, dass ich in den Schulen Fahrrad- und Verkehrsunterricht erteile und Farbdiapositive der Polizeiarbeit zeige, damit die Sicherheit im Strassenverkehr grösser und die Nachwuchsprobleme des Nidwaldner Polizeikorps kleiner werden. Der Kommandant trieb einen stämmigen Mittelformatdiaprojektor aus Gussstahl in alten Militärbeständen auf, dessen Diaschieber mehr Kraft brauchte als ein Lastwagensteuerrad. Bei meinen Schwarzweissaufnahmen kam stets nur Rückmeldung, wenn eine Sicht oder ein Detail fehlte, sonst war alles selbstverständlich. Die Farbaufnahmen fanden plötzlich alle bunt und toll! Aber rot und blau war vor der Aufnahme schon rot und blau – die neue Wertschätzung galt Kodak, nicht dem Photographen.

Einige meiner Polizeidias nutzte ein Grundschullehrer für den eigenen Verkehrsunterricht. Entweder war dem Mann das Mittelformat unbekannt, oder er sah den Nutzen von Gussstahl statt Bakelit bei einem Diaprojektor nicht ein – er zerkleinerte meine 6/6-Originaldias zu 4/4-Dias, damit sie in den tattrigen Kleinbildprojektor der Schule passten. Mit der Schere! Körperstrafe kannte die Nidwaldner Polizei damals leider nicht mehr.

Sehen Sie Ihre Arbeit als Dokumentarphotographie?

Das hab’ ich mir nie überlegt. Ich schoss die Photos so, wie ich dachte, dass sie gebraucht werden. Wenn sie gebraucht werden. Die meisten Photos – vor allem die Karambolagen – zog ich nie im Labor ab, sondern legte sie als Negative ins Archiv. Ausser, der Richter, das Protokoll, eine Versicherung oder die Lokalpresse fragten danach. Dann sollten die Photos so sein, dass keine Frage offenblieb. Gebrauchsphotographie nach bestem Handwerk. Sachphotographie kommt der Sache näher als Dokumentarphotographie. Entstanden ohne Einfluss und Vorbild, leider, ein unfreiwilliger Autodidakt in Nidwalden.

Als ich im Ruhestand mit meinem Sohn die eine oder andere Kunsthalle besuchte, merkte ich, dass die Arbeit in dieser der Not geschuldeten Selbstbestimmung die Konzentration auf den eigenen Weg lehrte, weniger die Neugier auf anderes. So richtete sich mein Blick auf Photographen, bei denen ich eine retrospektive Augenverwandschaft sah, Photographen, die ähnlich die Welt in den Photos entrümpelten (Ist das nicht das Gegenteil von Dokumentarphotographie?) und – aufs Wesentliche konzentriert – Personen, Sachen, Sachverhalte photographierten. Etwa Peter Keetman die Sache Volkswagen, Rineke Dijykstra die Sache Pubertät, Michael Kenna die Sache Landschaft. Es gibt bestimmt viele, die ähnlich arbeiten; diese drei blieben in meiner Erinnerung – ich bin Polizist, kein Kunstmensch.

Wählten Sie die Bildsprache bewusst nüchtern?

Ich war Beamter und diente mit den Unfallphotos dem Protokoll und dem Richter. Da zählten nur Fakten. Dekoration störte, lenkte von den Fakten ab. Diese Tatsache war nicht einfach zu akzeptieren im isolierten, eintönigen Nidwalden, das damals nur mit dem Schiff oder über eine Drehbrücke zu erreichen war und wo man genau zwei Menschenrassen kannte: Wir von hier, und die anderen von woanders. Alles, was im Kanton ein bisschen grösser, schöner, schneller oder besser war, war – mangels Vergleichsmöglichkeit – sofort weltgrösstes, weltschönstes, weltschnellstes und weltbestes. Diese gestörte Weltniveauselbsteinschätzung zeigt, wie ähnlich sich geschlossene Gesellschaften sind, egal ob sie sich katholisch oder kommunistisch definieren.

In den Anfangsjahren hatte ich nichts ausser der Rolleiflex und Negativfilm für eine Aufnahme pro Ereignis. Geiz war schlicht und einfach Überlebenshilfe. Welcher Teufel mich ritt, dass ich die Schande der Mittellosigkeit nicht mit Zeug, Dingen und Krempel zutünchte, sondern – auch in den zivilen Photos – mit Reduktion, Leere und Formstrenge aus der Not eine Tugend machte, kann ich nicht sagen. Ich weiss nur noch, dass das endlose Verzögern der Aufnahme, diese Performance in Uniform – ich räumte erst kompromisslos alles Überflüssige und Un-wichtige aus dem Bild; später liess ich unter amtlichem Herumkommandieren vom VW-Bus-Dach alles von den Polizeikollegen aus dem Bild räumen –, mir damals ein Netto in der Währung Aufmerksamkeit brachte, das den fertigen Photos in Nidwalden fehlte.

Kam nie der Gedanke, dass Ihre Photos einen künstlerischen Weg gehen?

Weder mir, noch sonst wem. Kunst waren in Nidwalden die nackten Barockengel in der Pfarrkirche und die schwere Orgelmusik auf der Empore. Kunst gehörte in grosse Gebäude, wie ich sie vom Schweizerischen Landesmuseum vom Hörensagen und vom Kunstmuseum Luzern von aussen kannte. Grosse Gebäude definierten unseren Kunstbegriff. Meine Photos hatten – wenn die Wertschätzung hoch sein sollte – die Relevanz eines Jodlerchors, einer Jassrunde oder eines Karnevalwagens am Fasnachtsumzug.

Wenn ich auf dem Dach des VW-Busses stand, allein über Rolleiflex und Kamerastativ, war mir klar, dass ich selbstbestimmt – schöpferisch, vielleicht wie ein Pfeifenschnitzer – das Bild gestaltete, dass ich wusste, was ich suchte, ohne dass ich es beschreiben konnte. Ich war sicher, wann der Moment für den Auslöser da war und hätte mir an der Kamera von niemandem reinreden lassen. Im Photolabor war es völlig anders: Niemand wollte Bilder in quadratischem Format. Ich machte aus den freien Negativen unfreie Gebrauchsphotos und vergrösserte sie gemäss Ansage im Hoch- oder Querformat. Natürlich machte mein ehrgeiziges Auge nicht Feierabend, bis auch diese beschnittenen Bilder anständige Ausschnitte hatten.

Gab es Gespräche über Ihre Arbeit als Photograph?

Nein, die Photos waren recht, wenn’s passte. Gespräche über Photos, Gespräche über deren Entstehen – wie? wo? wann? – haben in Nidwalden keinen interessiert. Nicht einmal meinen Sohn, der als Jugendlicher lieber nächtelang die Dorfbibliothek leerlas und sich in den Lesepausen mit den Dorfmädels herumtrieb, als mir in der Dunkelkammer zur Hand zu gehen. Wohl meine Schuld – im Labor war ich unausstehlich, wenn ich nicht allein war. Für das Entwickeln und Vergrössern seiner eigenen Photos war ich gut genug – aber sein Blick auf Kontraste und Ausschnitte war so eisern, dass mir das nicht unzufriedene Schweigen des Richters lieber war.

Es war mir ganz recht, dass ich mit niemandem über die Photoarbeit reden musste. Was der Bauch weiss, lässt sich schlecht erklären. Aber ein paar persönliche Komplimente über die verschenkten Abzüge hätte ich gerne gehört. Heute ist alles anders – oder auch nicht. Als ich meinen Berliner Galeristen und meinen Sohn an die Eröffnung der Einzelausstellung im Art Institute of Chicago begleitete, veranstaltete der leitende Kurator im Auditorium ein fünfstündiges Symposium mit Vorträgen über meine Photos. Ich zog die beste Krawatte an und bereitete ein paar englische Grussworte vor, aber nur einer der Redner erwähnte kurz, der Künstler sei anwesend und begrüsste mich, ohne mich auf die Bühne zu bitten. Mein Sohn flüsterte mir zu, das sei oberste Liga, hier ginge es um mein Werk und nicht um mich, mehr könne ein Künstler im Leben nicht erreichen. Wenn das so ist, gut, schön, noch schöner wäre gewesen, wenn ein Journalist der Nidwaldner Zeitung in Chicago dabeigewesen wäre und zuhause berichtet hätte. Wertschätzung in Nidwalden war mir wichtiger als Wertschätzung in der Welt.

Ich las, Sie trafen Werner Bischof in Nidwalden?

Ohne Werner Bischof gäbe es meine Photos nicht. Ich traf ihn in dienstlichem Einsatz Anfang der fünfziger Jahre auf dem Bürgenstock. Ein Zürcher in zivil, der wie ich – allerdings in Uniform und mit Personenschutzauftrag – Berühmtheiten vor dem Grand Hôtel photographierte. Die Zürcher Privatperson verwickelte mich jungen Polizisten in ein Gespräch, bestrebt, sich in meiner Uniformnähe mit der Kamera näher ins gesperrte Areal wagen zu können, und er schärfte mir ein – wohl aus Gefälligkeit –, meine Negative nach Abzug und Niederschrift des Protokolls nicht wie Kohlepapier im Müll zu entsorgen, sondern ordentlich abzulegen, nach einem System, sie später wiederzufinden. Nicht, dass wir Nidwaldner damals auf Zürcher Ratschläge warteten, aber die Argumente des Zivilisten leuchteten ein: Ich schmiss in der Folge die Negative nicht mehr weg, sondern bewahrte – in bester Polizeimethode – jedes Negativ als Einzelbild in einem mit Ortschaft und Jahr beschrifteten Briefumschlag in Karteikästen auf.

Einer aus dem Tross der Berühmtheiten auf dem Bürgenstock verriet mir abends, dass diese Zürcher Privatperson der berühmte Photograph Werner Bischof war; ich stimmte zu und nickte, als hätte ich den Namen schon gehört. Ich merkte mir den Namen, weil ich jetzt ein Negativarchiv wie dieser Bischof hatte. Wahrscheinlich waren wir die einzigen Photographen, die Negative nach Gebrauch aufbewahrten... Die Photographien von Werner Bischof habe ich erst Jahrzehnte später gesehen.

Ihr Sohn, der Regisseur Urs Odermatt, löste Ihre Arbeiten aus dem Polizeikontext und brachte sie in Museen und Galerien. Wie kam es dazu?

Ich fragte ihn, ob wir zusammen ein Photobuch machten, und er sagte, nein, zusammen gehe nicht, entweder mache ich das Buch allein, oder ich gebe ihm alle Rechte und einen Freibrief, dann mache er ein Buch nach bestem Wissen und Können. Ich erlebte kurz vorher mit, wie er den Spielfilm Gekauftes Glück gegen alle Widerstände und alles Im-Regen-stehen-lassen durchgefochten und zum Erfolg geführt hatte, und da ich Dickköpfigkeit für eine hervorragende Nidwaldner Tugend halte, hatte ich genügend Vertrauen, ihm alles zu übergeben. Ich sagte: „Mach!“

Oben auf dem Stapel lagen prächtige Farbaufnahmen unserer berühmten Nidwaldner Landschaft, schöne Ortsbilder, See und Berge, dazu lustige Kinderphotos. Ich hatte eine kurzweilige Auswahl von Motiven unserer Heimat für das Buch getroffen. Ich konnte nicht ahnen, dass er bei der Recherche zum Spielfilm Wachtmeister Zumbühl den Stapel mit den alten Unfallphotos im Speicher entdeckt hatte. Davon auszugehen, jemand interessiere sich für Autounfälle und Dienstphotos in Buchform – nie wäre ich auf diese Idee gekommen. Zu spät! Mein Sohn stürzte sich auf diesen alten Chabis und holte sich gleich eine blutige Nase: Der erstkontaktierte, damals sehr bekannte Luzerner Kunstbuchverleger versicherte, fast an Eides statt, dass – wenn überhaupt – allenfalls ein Autoversicherer für den Jahresbericht, aber ganz sicher „nie kein Buchverlag“ an Unfallphotos Gefallen fände. Ich sagte nichts dazu. Ich kannte die Bockigkeit meines Sohns. Später musste ich gar die Kröte schlucken, dass ein halbnacktes Selbstauslöserschärfetestbild, das nie zum Vergrössern gedacht war und nur durch Zufall als Negativ überlebte, In zivil als Titelbild zierte. Aber: Bravo! Mein Sohn hatte recht. Ich bereue nichts. Der kleine Verlag aus Luzern gehört heute einem viel grösseren Verlag, dessen Besitzer Photographie sammelt. Mehr sage ich nicht.

Machten Sie die Einteilung der Werkgruppen und die Titel der Arbeiten gemeinsam mit Ihrem Sohn?

Nein, ich steckte die Negative einzeln in graue Amtsumschläge, klebte die Umschläge zu, schnitt ein Fünftel weg und bekam so oben offene Tüten. Die Tüten beschriftete ich mit Ortschaft und Jahr und sortierte sie nach diesem System in die Karteiholzkästen, in denen wir früher den eingezogenen Pass der Gastarbeiter deponierten, bis sie die Steuern bezahlt hatten. Dass dieses System das System der Bildtitel meiner Photos werden sollte, fand ich langweilig. Ich hätte als Titel geschrieben: Weisser Peugeot liegt regennass vor Hauswand auf dem Dach! Im Zwielicht. Mein Sohn warf als Antwort das Photo in den Eimer – dann reiche der blosse Titel!

Meine Welt war das erste Buch. Es war eine Art monographischer Einstieg. Erst ein Ladenhüter – nach der ersten Ausstellung während der Frankfurter Buchmesse 1998 ein grosser Erfolg über mehrere Auflagen. Die Werkgruppen heissen Karambolage, Im Dienst, In zivil und Feierabend. Die Namen sind naheliegend und liegen so nahe bei meinem photographischen Tun, dass ich nicht sagen kann, warum ich nicht selbst darauf gekommen. Aber vielleicht vermag den wahren Wert des Vertrauten und des Authentischen nur die Distanz eines langen Auslandaufenthalts zu entdecken. Mein Sohn musste nicht lange nachdenken.

Die Werkgruppe „Karambolage“ ist weltbekannt. Wie finden Sie das?

Anfangs schrecklich. Wenn mir einen Namen als Photograph schaffen, wollte ich diesen mit Bildern unserer schönen Nidwaldner Landschaft erwerben. Plötzlich sprachen alle entzückt von den Unfallphotos! Mein Sohn fragte mich enttäuschten Dickkopf, wieviele Photographen es gäbe. Es war Mitte der neunziger Jahre, und ich antwortete, dass ich niemanden kenne, der nicht photographiere. Also stelle sich die gleiche Aufgabe wie beim Schreiben, meinte er: Jeder, der sich einen Stift leisten könne, schreibe – doch, zu Recht, nur ganz weniges davon will jemand lesen. Das könne nicht das Problem sein, schimpfte ich, schliesslich stehe hinter meinen Photos ein halbes Leben Handwerk und Erfahrung.

Mein Sohn hat mich in eine grosse Zürcher Photobuchhandlung geschleppt – es hat mir die Sprache verschlagen. Ein Unmenge, ein halbe Kathedrale, bis unter die Decke gefüllt mit besten Photobüchern, alles allererster Güte, alles perfektes Handwerk, unterschiedlichste Handschriften, grossartigste Landschaften und Weltsichten. Keiner der Photographen war mir vertraut – jeder ein Grund, das ganze hinzuschmeissen. Mein Sohn sagte, schau genau hin, schau, was hier fehlt. Alle Photographen seien Photographen, keiner sei Bulle. Keiner könne die Transitautobahn Hamburg-Rom samt Gegenfahrbahn für eine Stunde sperren und vom amtlichen VW-Bus-Dach gelassen an Kamera, Licht und Bildausschnitt herumschrauben, bis die Delle an einem Kleinwagen ins Zwielicht gerückt und fürs Protokoll sauber festgehalten ist. „Diese Photos, dieses Thema in dieser Konsequenz und die Uniformmacht dazu, die das zulässt – das gibt’s noch nicht!“

Heute blättere ich jeden Tag ein paar Seiten im Karambolage-Buch. In den anderen Büchern auch, selbstverständlich, sie sind mein Leben. Aber Karambolage ist der Schlüssel. Damit hat alles angefangen. Ohne Karambolage wäre ich einer von Millionen Photographen. Ich bin sehr stolz auf das Buch.

Die „Karambolage“-Werkgruppe strahlt eine grosse Ruhe aus. Fanden Sie die Ruhe auch beim Photographieren?

Das Photographieren hat mich abgelenkt. Keiner will wissen, was man als erster bei einem Autounfall sieht. Nachts, weit und breit keine Menschenseele, kein Funkgerät. Jede halbe Stunde ein Auto – der Fahrer will keinen Ärger und hält Kurs. In den frühen fünfziger Jahren, als es noch keine Sicherheitsgurte gab und Fahrer wie Mitfahrer das Fahrzeug beim Aufprall durch die Windschutzscheibe verliessen, stand ich oft vor der Frage, begleite ich die letzten Lebenssekunden oder renne ich zum nächsten Bauern und frage ihn, ob er einen Telephonanschluss hat. Das Photographieren war wichtig, um Boden unter den Füssen zu haben.

Die Photographien der Karambolage-Werkgruppe wirken beruhigend? Der Gedanke gefällt mir. Er bestätigt, dass meine Arbeit einen Sinn hatte: Das Leben geht weiter.

Ihre Photographien, vor allem die Werkgruppe „Karambolage“, zeigen die Verwüstung danach. Gab es auch Aufnahmen, die „im Geschehen“ stattfanden?

„Im Geschehen“ nicht, das machen Überwachungskameras. Autounfälle führen keine Agenda und melden sich nicht an mit Dispo und Uhrzeit. Aber manchmal – wenn man sehen will – kündigen sie sich an. Situationen „vor dem Geschehen“ lichtete ich viele ab, unübersichtliche Kurven und Abzweigungen, unkrautüberwucherte Verkehrsschilder, Radfahrer, die nach dem Marktgang weder Blick noch Hände frei hatten, Schnee, Eis, regennasse Strassen mit Blättern vom nahen Waldrand, abgefahrene Reifen, Staubwolken vom Abrieb der Spikes-Reifen, auch: ungeschickte, bevormundende oder zu viel Signalisierung – selbst wenn meine Vorgesetzten das anders sahen. Manchmal etwas abstrakter: Vor der Kneipe geparkte Autos.

Meine Photos dokumentieren die Zeitlichkeit der Polizei. Die Polizei ist bei der Straftat, beim Autounfall, in Regel nicht dabei. Sie wird später gerufen, um zu ahnden, zu deeskalieren und zu helfen. Und sie versucht vorher, zu regeln, zu warnen, hinzuweisen, vorzubeugen.

Der Photograph ist weithin passiver Beobachter – wie gehen Sie mit der Schaulust um?

Schaulust ist etwas Grossartiges. Ohne Schaulust gäbe es keine Malerei, kein Kino, kein Theater, keine Photographie. Ohne Schaulust müsste man weder Landschaft noch Stadtbilder schützen. Die Bevölkerung nähme ohne Schaulust schnell ab – auch wenn keiner ohne Schaulust vor dem Rechner sitzt. Gaffer sind ein ganz anderes Thema. Auch wenn ich weiss, dass sich in Nidwalden damals Fuchs und Hase gute Nacht sagten und die Leute um jede Abwechslung vom drögen Alltag froh waren, auch wenn ich weiss, dass es den Leuten hilft, sich der eigenen Unversehrtheit zu versichern, wenn sie das Leid anderer sehen: Gaffer waren immer, höflich formuliert, zusätzliche Arbeit für uns. Wir mussten sperren, wir mussten die Sperrung durchsetzen, wir mussten das Durchkommen der Helfer sichern, den Sichtschutz planen, vorausdenken, auf welche Ideen die Gaffer kommen könnten – und manchmal eine zusätzliche Ambulanz bestellen, wenn ein Baumast wegen Gafferüberlastung eingebrochen ist. Und ich musste schauen, dass ich meine Photos über den Sachverhalt ordentlich machen konnte. Gelegentlich musste ich die Gafferreihen in die Aufnahme einbauen – einen Berg zu verschieben, wäre leichter. Ich möchte nicht wissen, wie es heute auf dem Schauplatz eines Autounfalls aussieht, wenn jeder mit dem Telephon photographieren und die Bilder im Netz wie Briefmarken tauschen kann.

Gaffer stören die Einsatzkräfte, Gaffer verletzen Intimität und Würde der Unfallopfer. Bilder können warnen, berichten, festhalten, nachweisen, erklären – sie können das am besten, wenn sie sachlich, streng gebaut und aufs Wesentliche konzentriert sind. Einige Redakteure wussten das und haben meine Photos gedruckt, obwohl die Pressereporter vor Ort waren.

Autounfälle sind tragisch und zeigen den Tod – Ihre Photos haben Charme und Witz. Absicht oder Gunst des Schicksals?

Photos sind grundsätzlich versöhnlicher als die Wirklichkeit. Als Verkehrspolizist kannte ich diese und wusste das. Das zweidimensionale Einzelbild macht jedes Grauen erträglicher als das dreidimensionale, der gebannte Moment zähmt die entfesselte Realität. Meine in ihrer amtlichen Funktion – und in meiner persönlichen Handschrift – auf Ursache und Wirkung reduzierten, sachlich gestalteten Unfallphotos waren versöhnlicher als die lauten Reportagephotos der Lokaljournalisten. Selbst wenn die Reporter in meinem Magnesiumlicht und im gleichen Augenblick wie ich den Unfall photographierten. Mit dem Aussparen von allem, was nicht dazu gehörte, mit der Wahl des – meist aufsichtigen – Kamerastandpunkts und des ordentlichen, nichtablenkenden Bildausschnitts gelang eine Art Fiktion, die den Schrecken abstrahierte und sich auf den Sachverhalt fokussierte.

Autounfälle waren nie lustig. Ich erspare dem Leser die Details. Was der Lauf der Zeit mit dem Grauen von gestern anstellt, ist eine spannende und unerwartete Erfahrung. In den Ausstellungen in Ländern mit ganz unterschiedlicher Mentalität konnte ich immer mit den Besuchern über die Karambolage-Photos lachen und albern. Zeitlich versetzte Schadenfreude ist ansteckend und befreiend. Schadenfreude ist global. Dabei vergass ich keinen Augenblick, dass ich damals selbst bei den heute sonderlich- und lustigsten Unfallphotos manchmal das Versteck hinter einer Hecke suchte – Heulen bei Polizisten gab’s nicht. Nie!

Sie hatten nie einen Autounfall?

Nein, aber es war viel Glück im Spiel. Nicht – wie fast bei allen Autounfällen – wegen Alkohols; ich war immer trocken wie ein Steuerbescheid. Wild rasende Polizeiautos gab’s nur im Radiohörspiel, später im Fernsehen. Die eheliche Wirtschaftsführung stand bei meiner Besoldungsstufe unter einem haushälterischen Stern, also fuhr ich einen DKW 3=6, anthrazit, beiges Dach und Weisswandreifen, mit Dreizylinder-Zweitakt-Motor und Fliehkraftkupplung, die den leichten Wagen endlos im Leerlauf ausrollen liess, wenn ich kein Gas gab. Wenn keiner schaute, kurz auf die Höchstgeschwindigkeit 123 km/h beschleunigt, dann Fuss weg vom Pedal – und der DKW rollte wunderbar verbrauchsfrei durch ganz Nidwalden.

Ich versuchte, so wenig wie möglich zu bremsen – die Bremswirkung der Trommelbremsen war ohnehin überschaubar: Notfälle nicht vorgesehen – und die Kurven in direktester Linie zu fahren, um möglichst viel kostspielige, zweitakttypische Benzin-/Ölmischung zu sparen. Ich kann mein damaliges Trachten nicht nachvollziehen, aber ich drehte gar Heizung, Licht und Scheibenwischer aus, in der Annahme, der Wagen werde etwas weiter rollen. Dank des unkultivierten Leerlaufverhaltens und des stotternden DKW-Furzens wussten alle zwischen Stanser- und Buochserhorn, wo ich im Diensteinsatz war – und ich wusste meinerseits, dass der Motor im Ausrollen lief, denn wenn er ausging, rastete die Lenkradverriegelung ein, und das war dann blöd. Aber das Glück stand all die Jahre auf meiner Seite. Die Dellen stammten von meiner Gattin.

Gab es Schnappschüsse, oder war alles geplant und inszeniert?

Ja, viele. Man erkennt sie an den schlechtgelaunten, genervten Gesichtern auf den Photos. Schnappschüsse brauchten Zeit, bis sie perfekt waren, sonst wären sie Pfusch, und das ging gegen meine Photographenehre. Die Leute warteten leider nicht gern, bis der richtige Hintergrund in der richtigen Achse lag, bis das Licht passte und die Sonne sich endlich von der Wolke löste, bis eine Treppe, eine Mauer oder eine Kiste gefunden war, damit die Kamera auf Augenhöhe kam – die der Leute, nicht die des Photographen... –, bis das Bild ein schönes Ebenmass hatte oder dieses herausfordernd brach, und bis alle Bildbezüge streng verortet waren. Schliesslich musste alles Unnötige weg – „alles“ konnte ich recht streng sehen –, und da ich gern eine schöne Tiefe hatte und Krempel, auch Zaungäste in grellen Blusen und bunten Hemden, selbst in der Unschärfe des Horizonts störten, konnte ein spontaner, schneller Ferien- oder Ausflugschnappschuss – auch hier nur eine einzige Aufnahme: sparsam blieb wie ein Leberfleck – gerne eine Stunde Improvisation fordern. Aber dann, endlich!, alle hielten die Luft an – stop, Moment! Zwar leider ausser Hörweite, aber die beiden versteckten Damen da hinten warteten zu nahe an der Ecke: ihr Schatten fiel auf die Strasse...

Am häufigsten sind auf den Photos die schmalgepressten Lippen meiner Familie zu sehen. Meine Frau, meine Kinder, sie kannten die Zeit, die ein spontaner Schnappschuss forderte. Sie waren immer wachsam, mich von Schnappschussmotiven fernzuhalten, ohne wenigstens einen Imbiss oder ein Buch dabeizuhaben.

Gibt es Photomotive, die Sie verpassten?

Ich habe in Nidwalden in den achtzig Jahren jeden Stein, jeden Ast, jede Pfütze, jede Nase photographiert. Mehrmals. Von allen Seiten. Bei jedem Wetter. Da bleibt kein Wunsch offen.

Was ich nicht photographierte, weil ich nicht dazu gekommen bin, sind die Gesichter der Besucher vor den Photographien bei meinen vielen Ausstellungen. Diese Sammlung hätte ich gerne. Noch lieber hätte ich Tonaufnahmen der Kommentare und Bemerkungen über die Photos. Oder beides. Ist diese Neugier eitel, eine Sünde? Pardon, ich hatte im Heimspiel nie eine Überdosis an Zuspruch.

Natürlich sind die Steidl-Bücher meines Sohns grossartig, prächtig, meisterlich, und das zwanzigjährige Interesse an den Editionen der Photographien macht mich stolz. Aber Buchkäufer lerne ich selten kennen, und Galeristen sind Könige der Diskretion, darum waren und sind die Ausstellungen für mich das grosse Spektakel. Da sehe ich die direkte, spontane Reaktion der Besucher. Die Wirkung des Bilds. Den Moment der Überraschung. Sofort, live und mit eigenen Augen. Toll!

Photographieren Sie noch?

Leider nein. Meine Sehkraft lässt nach, ich habe Probleme mit der Netzhaut, und ohne die Schaffenskraft der Augenärzte wäre ich erblindet. Aber mein Interesse und meine Neugier ist ungebrochen. Jasmin Morgan richtete mir einen Rechner mit Bildschirmlupe ein, so kann ich meine Photos in Ausstellungen, Büchern und Zeitschriften auf der ganzen Welt verfolgen – ich habe gesehen, wie Arnold Odermatt in chinesischer, japanischer, kyrillischer, arabischer, hebräischer, georgischer, indischer und in thailändischer Schrift geschrieben wird.

Es gab Ausstellungen, die grossartig waren. Stefano Stoll zeigte am Festival Images Vevey den Polizisten, der am autofreien Sonntag auf der Nidwaldner Strassenkreuzung einen Handstand machte, fünfhundert Quadratmeter gross an der fünfstöckigen Hausfassade der Waadtländischen Kantonalbank. Im Netz sieht man, wie zwei langfingerige Kransteiger die Photoplane wie einen Vorhang über die Gebäudefront ziehen. Als mich der Festivalchef in seinem elektrischen Golfwagen hinfuhr, rutschte mir die Bemerkung heraus, dass dies die richtige Grösse für meine Photos sei. Stefano Stoll war nicht überrascht und meinte, Strassenschluchten mit langen Häuserfassaden gäbe es in Vevey leider nicht. Das Festival Images müsste in eine Reissbrettstadt wie La Chaux-de-Fonds umziehen.

„Karambolage“, „Im Dienst“, „In zivil“ und „Feierabend“ erschienen im Steidl Verlag, Göttingen. Wie war die Zusammenarbeit?

Ich habe Gerd Steidl nur zweimal gesehen. Einmal in Zürich – er hielt einen Vortrag und küsste mich wie ein Russe zur Begrüssung auf der Bühne. In Nidwalden kennen wir so etwas nicht, aber zum Glück war kein Nidwaldner im Saal. Die Journalistin einer Zürcher Zeitung leitete den Abend und stelle den Stargast vor: „Herr Steidl, Sie sind der König des Steidl Verlags!“. Gerd Steidl antwortete trocken: „Nein, der Diktator.“ Die Journalistin war verstört, das Publikum nachdenklich, aber mein Sohn kam immer sehr, sehr glücklich von der Arbeit aus Göttingen zurück.

Beim ersten Mal war ich zu einem Abendessen im Messeturm anlässlich der Frankfurter Buchmesse eingeladen. Gastgeber Gerd Steidl suchte mir einen schönen Platz aus, massierte mir nach dem Hinsetzen den Nacken und führte mich in ein sehr nettes Gespräch mit dem älteren Herrn gegenüber ein. Wir zwei Rentner unterhielten uns den ganzen Abend angeregt, worüber sich Rentner halt den ganzen Abend unterhalten – „nein, am Kreuz zwickt es mich weniger, ich habe eher Schmerzen am Knie“, „oh, nein, zu Fuss bin ich eigentlich noch ganz gut, aber mein Rücken, wissen Sie, ist nicht mehr wie früher“ –, es war ein schönes Plaudern über die wichtigen Dinge des Lebens. Mein Sohn sagte später auf der Autobahn, der nette Rentner hiesse Grass und sei Nobelpreisträger. Schade, ich war gar nicht dazugekommen, zu erzählen, dass ich Polizist in Nidwalden war.

Haben wir eine Anekdote vergessen?

Spontane Geschichten waren nie meine Stärke. Wir Polizisten halten Tatbestände fest, wir antworten, wenn wir gefragt werden. Seit mein Gehör leider nachgelassen hat, muss ich dazulernen. Zu meinem neunzigsten Geburtstag kuratierten Heide und Robert Springer eine Ausstellung in ihrer Galerie – auch mit meinem Langzeitprojekt: der Baum auf dem Ennerberg in Buochs (ich habe nicht hundert Bäume, sondern über Jahre hundertmal den einen Baum photographiert) –, und sie luden zu einer kleinen Feier nach Berlin ein. Die kleine Feier war eine rammelvolle Galerie mit noch einmal so vielen wartenden Leuten draussen vor der Tür in der Fasanenstrasse. Ich sass mit den Gastgebern, der Gesprächsleiterin Dr. Beate Kemfert aus Frankfurt am Main und meinem Sohn an einem Tisch mit Mikrophon vor dem Publikum und wurde von einem Wasserfall an Fragen empfangen. Da ich bei diesem Stimmengewirr keine Frage verstand und die Blösse nicht preisgeben wollte, dachte ich mir eigene Fragen aus und erzählte ausführliche Antworten und Anekdoten. Den Leuten gefiel das, und je mehr es den Leuten gefiel, desto mehr geriet ich in Fahrt. Dass die Antworten nichts mit den Fragen aus dem Publikum zu tun hatten, merkten nur ein paar schneubische Journalisten.

Auf der Heimfahrt quälten mich Zweifel, ob mich die Leute in der Galerie überhaupt verstanden haben. Ich bemühe mich stets um ein sauberes, deutliches Hochdeutsch, so gut wir Nidwaldner dazu in der Lage sind. Den Bussgeldbescheid auf dem Weg zum Skiurlaub in Engelberg verstanden die deutschen Gäste stets, wenn sie zu hurtig unterwegs waren. Gut, das waren vielleicht Schwaben und Alemannen, keine Berliner. Seit einem Interview beim Westdeutschen Rundfunk bin ich misstrauisch: Ich schilderte im Museum Morsbroich in Leverkusen dem Journalisten das Entstehen der Karambolage-Photos in bestem Hochdeutsch – der Beitrag wurde deutsch untertitelt ausgestrahlt. Da man die ARD in Nidwalden empfangen kann, getraute ich mich kaum nach Hause.

Interviewquelle:
www.nordwestfilm.ch/arnold-odermatt-interview-95.html

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