Pianist Konstantin Lifschitz vor seinem Auftritt in Luzern: «Ich muss jede Silbe auf die Waage legen»

Die neue Konzertreihe «Vierwaldstätter Konzerte» präsentiert am Freitag Arnold Schönbergs «Pierrot Lunaire» in ausserordentlicher Besetzung: Der Pianist Konstantin Lifschitz agiert als Sprecher und Sänger.

Interview: Katharina Thalmann
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Der Pianist Konstantin Lifschitz. (Bild: PD/Sona Andreasyan, 20. Januar 2014)

Der Pianist Konstantin Lifschitz. (Bild: PD/Sona Andreasyan, 20. Januar 2014)

Wenige Tage vor dem Konzert kommt Konstantin Lifschitz ­gerade von einem Spaziergang mit seinen zwei Hunden nach Hause. Der ukrainische Pianist unterrichtet seit 2008 an der Hochschule Luzern – Musik. Sein Klavierrepertoire erweitert er nun durch eine Sprecherrolle: Er mimt den Pierrot in Arnold Schönbergs «Pierrot Lunaire».

Wie liefen die Proben?

Konstantin Lifschitz: Sehr gut. Schon bei der ersten Probe habe ich festgestellt, dass es ohne Dirigent besser läuft, als das letzte Mal, als ich bei «Pierrot Lu­naire» selber am Klavier sass – und ein Dirigent das Ensemble geleitet hatte. Aber das Stück ist derart kammermusikalisch, dass ich sage: Lieber mehr proben, dafür ohne Dirigent spielen. Obwohl: Wir haben fünf Proben, für die Uraufführung 1912 brauchte es noch 40!

Den Klavierpart wird Marina Vasilyeva übernehmen, die bei Ihnen studiert. Wie fühlt es sich an, von der eigenen Studentin begleitet zu ­werden?

Auch ich fühle mich als ewiger Bettelstudent! (lacht) Im Ernst: Ich bin vielleicht ein bisschen länger in der Branche als meine Studierenden, aber das heisst nicht, dass ich aufgehört habe, zu lernen und zu studieren.

Wie kam die Idee zustande, dass Sie den Pierrot singen und sprechen?

Marina hatte das Stück in den Klavierunterricht gebracht, weil sie es mit einer Sängerin einstudierte. Wir haben uns gemeinsam intensiv mit dem Klavierpart auseinandergesetzt. Da habe ich meine ehrliche Meinung geäussert: Ich finde es schade, dass der Pierrot nur von Frauen dargestellt wird – immerhin redet ER von seiner Liebe zu Colombine!

Wie steht es denn mit ­männlichen Pierrots in der Rezeptionsgeschichte?

Nach einigen Recherchen habe ich herausgefunden, dass das Werk zwar schon mit männlichen Stimmen gespielt wurde, doch keine dieser Versionen wurde dokumentiert. Insofern ist das Konzert morgen für mich sowohl eine grosse Verantwortung als auch eine grosse Ehre.

Haben Sie Erfahrungen als Sänger, Sprecher, Darsteller?

Nein, überhaupt nicht. Eigentlich bin ich schüchtern und habe keine besonders laute Stimme. Für «Pierrot Lunaire» kommt ein Mikrofon für mich aber nicht in Frage.

Was ist die Herausforderung am Sprechpart in Pierrot?

Schönberg will explizit nicht, dass die Stimme ihren Part zu sehr hervorhebt. Die Partitur für das Gesamtensemble ist exakt so geschrieben, dass alles zur Geltung kommt, was zur Geltung kommen muss. Ausserdem ist der symbolistische Text von Albert Giraud, beziehungsweise die deutsche Übersetzung von Otto Erich Hartleben, sehr provozierend, voller archaischer, skurriler Worte. Ich muss da jede Silbe auf die Waage legen.

«Pierrot Lunaire» wird nicht nur von Sängerinnen ­gespielt; auch die Geigerin Patricia Kopatchinskaja hat den Pierrot im Repertoire. Wieso funktioniert das?

Patricia ist nicht nur eine Geigerin, sondern auch eine tolle Musikerin. Sie will anders sein und probiert viele Dinge aus. Nicht alles funktioniert, aber das ist das Interessante: Sie ist auf der Suche. Ich habe mit ihr John Cage in Hamburg gespielt, auch dort gab es viel Text, Silben, Stimmklänge. Sie hat viel Erfahrung im performativen Bereich.

Kopatchinskaja ist ja auch üppig kostümiert und ­geschminkt.

...Wie viele andere Sängerinnen auch. Ich versuche aus der Musik zu kommen. Rhythmus und der Umgang mit Zeit spielen wichtige Rollen. Meine Challenge ist, diese Wahrnehmung ohne Kostüm und ungeschminkt, also mit blossen musikalischen Mitteln, zu erreichen.

Sie unterrichten jetzt seit 2008 an der Luzerner ­Musikhochschule. Welche Entwicklungen beobachten Sie?

Damals galt die Musikhochschule als ziemlich provinziell. Ich habe mit drei, vier Studierenden angefangen, inzwischen habe ich 16, 17 in meiner Klasse. Die Schule wird internationaler. Ausserdem bin ich nun schon mit dem dritten Direktor tätig; Valentin Gloor arbeitet sich jetzt in sein Amt ein. Nächstes Jahr ziehen wir in den Neubau beim Südpol – die letzten Jahre leben wir auf Dreilinden mit dem Gefühl: Dieser wunderschöne Ort wird nicht für ewig sein. Auf den Konzertsaal im Neubau freue ich mich dafür besonders.

Hinweis: Vierwaldstätter Konzerte, Gala & «Pierrot Lunaire», Samstag, 23. No­vember 2019, 19.30 Uhr, Markuskirche Luzern, Haldenstrasse 31. Tickets: 35/20/5 Franken.