PIANO-FESTIVAL: Das Klavier reisst alle Grenzen ein

Weniger Besucher, höhere Auslastung: Das Festival führte an diesem Wochenende mit Beethoven und Individualisten beide Programmschienen zu Ende.

Urs Mattenberger
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Auch eine gerissene Saite brachte ihn nicht aus der Ruhe: Martin Helmchen (32) am Samstag im Konzertsaal des KKL. (Bild: LF / Georg Anderhub)

Auch eine gerissene Saite brachte ihn nicht aus der Ruhe: Martin Helmchen (32) am Samstag im Konzertsaal des KKL. (Bild: LF / Georg Anderhub)

Urs Mattenberger

Stabilisierung auf hohem Niveau durch Konzentration der allgemeine Trend der Lucerne-Festival-Veranstaltungen bestätigte sich dieses Jahr auch beim Piano-Festival, das gestern mit einem Rezital von Marc-André Hamelin zu Ende ging. «Mit 85 Prozent haben wir eine sehr hohe Auslastung erreicht», freut sich Intendant Michael Haefliger. Möglich machte es eben die Konzentration auf 11 statt 13 Konzerte im Vorjahr. Damit sank zwar die Besucherzahl auf 11 800 (Vorjahr 12 000), aber bei leicht gestiegener Auslastung. Mit 5000 Besuchern bewegte sich das Off-Stage-Programm mit Jazzpianisten in Luzerner Hotel-Bars im üblichen Rahmen.

Stilbruch als Programm

Möglich macht den Auslastungserfolg ein doppeltes Profil auf Seiten der Interpreten wie der Programmierung. So war bei den Interpreten bis hin zu den Debüts ein ausgeprägter Individualismus Trumpf. Individualität als Programm: Pointiert abgeschlossen wurde diese Schiene gestern im Abschlusskonzert mit dem Franzosen Marc-André Hamelin, der scheinbar willkürlich, aber pianistisch schwerelos alle möglichen Gegensätze aufeinanderprallen liess.

Nach einer zwischen orchestralem Tusch, romantischer Emphase und Barock-Filigran wechselnden Haydn-Sonate tauchte man ein in impressionistische Klangwelten von Debussys «Images»: ein traumhafter pianistischer Höhepunkt, bei dem Hamelin die Farben glitzern liess und mischte, als wären sie noch nass. Dieser Debussy verwies zwar auf den Liszt-Teil nach der Pause, aber dazwischen setzte Hamelin so unpassend, dass es Absicht sein musste, seine eigenen Variationen über ein Thema von Paganini.

Auch diese erheben lustvoll Stilbrüche zum Programm: Die virtuosen Exzesse wie die Anleihen von Beethoven bis zum Jazz machen daraus eine raffinierte Musik über Musik, die das Publikum ebenso amüsiert wie begeistert quittierte. Da waren alle Grenzen eingerissen: durch eine neue Musik, die süffig auch den Wunsch nach süffiger Musik aufs Korn nimmt, wie sie Hamelin im Zugabenteil mit einem Chanson von Charles Trenet zwischen Mozart und Chopin nachlieferte («En avril, a Paris», arrangiert von Alexis Weissenberg).

Als nicht weniger bedeutsam erwies sich die thematische Programmlinie. Zwar gibt es am Piano kein «Motto» wie im Sommer. Vielmehr sind bloss einzelne Komponisten etwas häufiger im Programm vertreten und bilden damit eine Art roten Faden. Konventioneller, könnte man meinen, lässt sich ein Festival nicht programmieren. Aber dieses Jahr zeigte der Fokus auf Beethoven exemplarisch, wie das bei einer konzentrierten Festival-Woche Sinn macht.

Nochmals von vorn

So konnte man Beethovens fünf Klavierkonzerte mit Leif Ove Andsnes und dem Mahler Chamber Orchestra tatsächlich als Drama von der Heldenwerdung des Solisten hören. Und nach deren Entwicklung hin zu Menschheitspathos und grosser Geste wirkten die letzten Sonaten erst recht als Antithese: mit der Wendung ins Intime und Verrätselte, das Paul Lewis mit einem Schubert-Anklang verdeutlichte.

Auch diese Programmschiene wurde am Wochenende prominent zu Ende geführt. Der deutsche Pianist Martin Helmchen lieferte am Samstag mit den Diabelli-Variationen eine schillernde Synthese zu den genannten Beethoven-Polen. Denn in den 33 Variationen ist in Miniaturform quasi der ganze Beethoven drin vom jugendlichen Übermut über Anklänge an die Mystik des Spätwerks bis zum Humor, dessen Bedeutung in diesem Werk Helmchens Lehrer Alfred Brendel herausgestrichen hat.

Helmchen stellte dem unterschiedliche Spielarten von Variationenwerken von Mozart, Schubert und Webern voran und erwies sich da über virtuose Fingerfertigkeit hinaus als Ausdrucksmusiker. Selbst aus den flirrenden Variationen von Mozarts «Ah, vous dirais-je Maman» spielte er überraschende Affekte heraus, die konzentrierten Klangchiffren von Weberns «Variationen» lud er gar mit einer Spannung auf, die sie zum emotionalen Zentrum machte. In den Diabelli-Variationen selber verfolgte Helmchen eher einen analytischen Ansatz freilich mit einer Souveränität, der auch eine gerissene Flügelsaite nichts anhaben konnte: Das Werk sei eben auch für das Instrument anspruchsvoll, erklärte der Pianist lachend dem Publikum und begann nochmals von vorne, nachdem der Steinway durch einen bereitstehenden Ersatz ausgewechselt worden war.

Auszeichnung für Jugendprojekt

Da konnte man sich die Eigenarten des Themas gleich nochmals einprägen. Und hörte im Verlauf der 33 Variationen umso besser, wie Beethoven etwa dessen Gegenakzente in immer neuer Weise abwandelt und weiterführt. Oder wie er sie umkehrt, zu einem Spiel mit Pausen verkehrt, die man hier wie die Negativform des Spiels mit Betonungen hörte. Möglich machte es ein klar artikuliertes Klavierspiel, das aufbaute auf markant und vital gestalteten Bässen. Sie führten auch die Schlussgruppe mit den rabenschwarzen Farben des «Andante sempre cantabile» zu einer emotionalen Verdichtung, die einen Steigerungsbogen spannte bis zum Schluss.

Profil bekam dieses Festival aber auch über den Konzertsaal hinaus, weil neben Off-Stage, Meisterkursen und Piano-Lectures das «Feel the Music»-Projekt für gehörlose Kinder einbezogen wurde. Das führte Vermittlungsprojekte, wie sie das Festival im Sommer und an Ostern durchführt, erstmals ins Piano-Festival hinein. Dass das der richtige Weg ist, wurde diese Woche offiziell bestätigt: mit dem Junge-Ohren-Preis 2014, den eine international zusammengesetzte Fachjury für Produktionen für junge Menschen im deutschsprachigen Raum vergibt. Ausgezeichnet wurde damit die Produktion «Heroica», mit der das Lucerne Festival im Sommer die Konzertplattform «Young Performance» lancierte und die nächstes Jahr noch einmal in Bern und Winterthur zu sehen ist.