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PIANO-FESTIVAL: Der Klaviergott auf dem Mount Everest

Werke von gleich zwei Klavier-Titanen hatte sich Evgeny Kissin vorgenommen. Das schwierigste, Beethovens Hammerklaviersonate, brachte er im KKL zu einer ebenso elektrisierenden wie tiefgründigen Wiedergabe.
Fritz Schaub
Der Pianist Evgeny Kissin (46) am Donnerstag bei seinem Auftritt im KKL. (Bild: Priska Ketterer/Lucerne Festival (Luzern, 23. November 2017))

Der Pianist Evgeny Kissin (46) am Donnerstag bei seinem Auftritt im KKL. (Bild: Priska Ketterer/Lucerne Festival (Luzern, 23. November 2017))

Fritz Schaub

kultur@luzernerzeitung.ch

Vier Jahre nach seinem letzten Auftreten kehrte Evgeny Kissin am Donnerstagabend ans Piano-Festival zurück. Er tritt noch immer wie ein Musterknabe auf, mit einer artigen Verbeugung zum Publikum auf beide Seiten. Wenn er auf dem Klavierstuhl Platz genommen hat, nimmt er sich ein wenig Zeit, bis er die bequemste Sitzposition erreicht hat. Dann aber, wie von einer Tarantel gestochen, schiessen seine Hände auf die Tasten des Steinway-Flügels und intonieren mit voller Kraft das fanfarenartige Eingangsmotiv, das eine Huldigung an seinen Schüler und Gönner Erzherzog Rudolph von Österreich ist.

Die mit einer Urgewalt in den Raum geschlagenen siebenstimmigen Fortissimo-Akkorde («Vivat! Vivat! Rudolphus») deuten mit einem Schlag die gewaltigen Dimensionen dieser Grossen Sonate für das Hammerklavier op. 106 an, des Mount Everests der Klavierliteratur. Noch einmal erschrickt man in ähnlicher Weise, nach dem geheimnisvollen Largo, das vom langsamen Satz überleitet zum Allegro risoluto und der abschliessenden Fuge.

Aufbäumen gegen alle Konventionen

Mit einem Fortissimo-Schlag riss Kissin einen mit unerbittlicher Wucht aus den Wonnen, die das Adagio ausgebreitet hatte und machte nochmals unmissverständlich deutlich, dass jetzt abermals eine neue Welt aufbrechen und in unbekannte Gefilde münden wird, die trotz der strengen barocken Form der Fuge sich gegen alle Konventionen auf-bäumen.

Der schon fast taube Beethoven hat es sich schwergemacht mit dieser Sonate, und er macht es einem Publikum auch heute immer noch schwer. Dass sich die Bezeichnung «Hammerklaviersonate» gerade für dieses Werk eingebürgert hat, obwohl ja Beethoven seine Sonaten alle für das Pianoforte (das heisst Hammerflügel) komponiert hat, ist durchaus begreiflich.

Vorausahnung der Moderne

Es markiert ganz einfach den Ausnahmerang eines Werks, das wegen seiner technischen Schwierigkeit und wegen der inneren und äusseren Dimensionen viele Pianisten davon abgehalten hat, es zu spielen. In jüngster Zeit zeigt sich allerdings eine auffallende Affinität gerade zu dieser Sonate. Der Schweizer Oliver Schnyder und der Deutsch-Russe Igor Levit sind im Begriffe, sie einzustudieren oder haben sie schon einstudiert, am Kammermusikfestival Zwischentöne in Engelberg war sie kürzlich öffentlich zu hören (neben dem späten Streichquartett B-Dur op. 130/133, das ähnlich ungewöhnliche Dimensionen aufweist). Vielleicht hängt dies mit der Modernität zusammen, die insbesondere von der abschliessenden Fuge ausgeht mit ihren Techniken, die im 20. Jahrhundert auch die Avantgarde anwandte. Es kann aber auch sein, dass heutige Pianisten technisch ganz einfach versierter sind. Bei Evgeny Kissin jedenfalls erhielt man nie den Eindruck, er stehe technisch vor einem unlösbaren Problem.

Mit einer nie nachlassenden Intensität und Schlagkraft zog er die zu Beginn eingenommene Haltung souverän durch alle Höhen und Tiefen durch und machte deutlich, dass er die Sonate auch geistig, nicht bloss technisch durchdrungen und sie bei allen auseinander – und widerstrebenden Teilen doch als geschlossenes Ganzes dargestellt hat. Wenn es stimmt, dass man sich diesem Werk eigentlich nur annähern könne, so ist er ihm denkbar nahe gekommen.

Rachmaninow – nicht salonhaft

Grosse Klavierkomponisten sind auch grosse Klavierspieler. Das gilt nicht nur für Beethoven, sondern auch für Kissins Landsmann Sergej Rachmaninow, dem er den zweiten Teil des Rezitals widmete. Das angekündigte Prélude in cis-Moll und auch die Nr. 5 in G-Dur aus den Préludes op. 32 (1910) zog Kissin kurzfristig zurück. Man kann darin durchaus die Absicht erkennen, dem 50-minütigen Monumentalwerk Beethovens wirklich nur die allerbesten Stücke folgen zu lassen.

Noch vor wenigen Jahrzehnten hat man die Préludes wie auch die Klavierkonzerte nicht ganz für voll genommen, ihnen pianistische Wirkung auf Kosten der Substanz angetastet. Fatal war auch, dass das allererste Prélude des 19-jährigen, eben das angekündigte, aber nicht gespielte in cis-Moll, Rachmaninow zuerst berühmt machte und ihn dann nicht mehr losliess. Wenn er es nicht aufs Programm setzte, musste er es ganz sicher als Zugabe geben. Kissin gab es auch nicht als Zugabe.

Ernsthaftigkeit und Konzentration

Noch deutlicher machte der Künstler die Absicht, vor allem die Substanz ins richtige Licht zu setzen, indem er mit der gleichen Ernsthaftigkeit und Konzentration, wie bei der Beethoven-Sonate auch an die ausgewählten zehn Préludes aus den beiden Sammlungen op. 23 und op. 32 heranging. Dabei war doch ersichtlich, dass die drei Beispiele des späteren Zyklus satztechnisch anspruchsvoller sind und eher in tiefere Schichten loten.

Das trifft gerade auf das Des-Dur-Prélude Nr. 13 zu, dessen Glockenklänge an das populäre cis-Moll-Prélude erinnern, das aber im Aufbau ein Klanggemälde von fast sinfonischem Ausmass ist. Nach diesem Ausklang gab es kein Halten mehr, das Publikum erhob sich zu einer Standing Ovations.

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