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PIANO-FESTIVAL LUZERN: Pianist Rudolf Buchbinder: «Komponisten sind auch Entertainer»

Am Samstagabend wird das Lucerne Festival am Piano eröffnet und präsentiert eine Woche lang Jung- und Starpianisten wie den Österreicher Rudolf Buchbinder. Der bald siebzigjährige Pianist sagt, wie ihn der «Hochleistungssport» am Flügel jung erhält.
Urs Mattenberger
Legendär als Beethoven-Interpret: In Luzern indes verbindet Rudolf Buchbinder Kunst und Entertainment mit Schumann und Liszt. (Bild: Philipp Horak)

Legendär als Beethoven-Interpret: In Luzern indes verbindet Rudolf Buchbinder Kunst und Entertainment mit Schumann und Liszt. (Bild: Philipp Horak)

Rudolf Buchbinder, schade, dass wir dieses Gespräch am Telefon führen. Ihr Haus ist offenbar eine Fundgrube mit Sammlerstücken aus Musik, Kunst und Kino. Sammeln Sie so systematisch, wie wenn Sie alle Beethoven-Sonaten aufführen?

Nein, das Haus ist eine Art Sammelsurium von all dessen, was sich in 50 Jahren Ehe so ansammelt. Aber natürlich widerspiegelt es meine Interessen und Aktivitäten. Ich habe ja selber gemalt, bin ein leidenschaftlicher Cineast und habe eine umfangreiche Sammlung von Filmen seit der Stummfilmzeit. Filme interessieren mich auch wegen der Filmmusik, die sehr unterschätzt wird. Aber am wichtigsten sind für mich die Noten, die ich sammle.

Und diese nutzen Sie ganz praktisch als Pianist?

Ja, darunter befinden sich viele Frühdrucke und Autografen. Durch sie kann man immer wieder Fehler in aktuellen Ausgaben entdecken und korrigieren.

Können Sie Beispiele nennen?

Ich habe Ausgaben, in denen Brahms mit Bleistift hineingeschrieben hat, wo er sich etwa eine Sechzehntelpassage pianissimo gespielt wünscht. Und im Faksimile des fünften Klavierkonzerts verlangt Beethoven beim Übergang vom zweiten zum dritten Satz statt des üblichen Pizzicato ein schwankendes Ligato, das den Charakter entscheidend verändert und weicher macht.

Sie werden am 1. Dezember 70 Jahre alt. Haben Sie da mehr Musse für solche Studien?

Nein, das hat mit dem Alter nichts zu tun. Ein Vorteil des Musikerberufs ist, dass er keine Hierarchien kennt. Das gilt auch in Bezug auf das Alter: Alle Pianisten zwischen zwanzig und achtzig Jahren sind sowohl Freunde als auch Konkurrenten!

Der Musikerberuf ist physisch wie mental sehr anspruchsvoll. Gibt es Unterschiede, wenn man älter wird – etwa mehr Routine, aber mehr technische Unsicherheiten?

Nein, im Gegenteil. Einerseits werde ich von Tag zu Tag nervöser. Anderseits fallen mir heute Werke wie die Klavierkonzerte von Brahms technisch sogar leichter. Aber dazu gehört schon eine schonende Technik. Ich übe höchstens drei Stunden am Instrument und dafür sehr viel im Kopf. Die Hände eines Pianisten sind ja wahre Hochleistungssportler. Da muss man aufpassen, dass sie nicht, wie im Hochleistungssport üblich, mit 30 am Ende sind.

Das Piano-Festival thematisiert die «russische Klavierschule». Sie kommen aus Wien und sind mit den Festival Strings Lucerne mit ihrem «Wiener Klang» aufgetreten. Wo sehen Sie sich als Pianist in solchen Kategorien?

Schubladendenken interessiert mich nicht. Es begann, als man Haydn, Mozart und Beethoven zu «Wiener Klassikern» stempelte. Wichtiger als Verallgemeinerungen ist die Individualität! Mein Lehrer Bruno Seidlhofer hat so unterschiedliche Temperamente wie Martha Argerich, Friedrich Gulda oder mich unterrichtet, die niemand in eine Schublade stecken würde. Diese haben sowieso an Bedeutung verloren, seit der Musikbetrieb internationaler wurde und sich auch Orchester immer weniger unterscheiden.

Sie haben vor eine paar Jahren die Klavierkonzerte von Brahms mit Nikolaus Harnoncourt aufgenommen. Ist auch für Pianisten heute die Sensibilisierung für historische Aufführungsstile wichtiger als nationale Traditionen?

In dieser Frage und ihren Aspekten spielt das Klavier eine Sonderrolle: Es gibt kein Instrument, das eine derartige Entwicklung durchgemacht hat wie die Tasteninstrumente. Im Vergleich zum Flügel ist jede moderne Geige ein «altes» Instrument. Bei einer Rückkehr zum Hammerflügel sind deshalb die Unterschiede viel grösser.

War das der Grund, wieso Sie nach diesem Abstecher Brahms’ Klavierkonzerte jetzt wieder mit den Wiener Philharmonikern unter Zubin Mehta eingespielt haben?

Das Fantastische bei Harnoncourt war, dass vieles, was man mit ihm gemacht hat, für ihn das erste Mal war. Bei Zubin Mehta und den Wiener Philharmonikern gibt es dagegen eine langjährige Vertrautheit mit den Werken, was in keiner Weise mit Routine verwechselt werden darf. Ich entdecke in Konzerten auch spontan immer wieder Neues und mache nur Live-Aufnahmen, weil die Live-Spannung diese Spontaneität begünstigt.

Auf der demnächst erscheinenden Aufnahme bringen Sie am Klavier eine Intimität mit ein, zu der sich seit Abbados Formel für das Lucerne Festival Orchestra viele bekennen. Grossorchestrale Kammermusik – wo hat dieser Trend begonnen?

(Lacht) Bei Mozart! Und Beethoven und Brahms haben das in ihren Konzerten weitergeführt. Es gibt eben gute Traditionen, die man weiter pflegen muss.

In Luzern kombinieren Sie Schumanns hochromantische «Fantasie» mit einem virtuosen Showstück, Liszts Rigoletto-Paraphrase. Gehörten damals E- und U-Musik noch stärker zusammen?

Komponisten waren immer auch Entertainer, die ihr virtuoses Können zur Schau stellten! Das war schon bei Mozart der Fall. Aber auch bei Liszts Rigoletto-Paraphrase gehört beides zusammen. Das ist über alle Virtuosität hinaus eine geniale Bearbeitung von Themen aus Verdis Oper.

Interview: Urs Mattenberger

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