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PIANO-FESTIVAL: Nach dem Poeten meldet sich der Draufgänger

Schumanns Musik klingt je nach Pianist immer wieder völlig anders. Der Franzose Jean-Yves Thibaudet suchte am Samstag Drama und Schönklang.
Jean-Yves Thibaudet ging ohne Berührungsängste ganz nahe an die Musik heran. (Bild: Priska Ketterer)

Jean-Yves Thibaudet ging ohne Berührungsängste ganz nahe an die Musik heran. (Bild: Priska Ketterer)

Florestan und Eusebius sind die beiden Künstlernaturen, die Robert Schumann in sich verspürte und denen er auch in seinen Klavierwerken Gehör verschaffte: Der Erste ist ein musikalischer Draufgänger, der Zweite ein feiner Poet. Das ungleiche Paar war dieser Tage am Lucerne Festival nicht zu überhören.

Bereits am Donnerstag spielte der Pianist Piotr Anderszewski Schumanns «Papillons» op. 2 im KKL, am Samstag nun der Franzose Jean-Yves Thibaudet die fis-Moll-Klaviersonate op. 11. Die Fantasiefiguren spielten dabei nicht nur in den Werken eine Rolle, sie verrieten auch, welchem Typus die Interpreten am Klavier tendenziell angehörten.

Anderszewski (46) bekannte kürzlich im Interview mit unserer Zeitung, dass die Schriften Robert Walsers seine Wahrnehmung von Schumanns Musik beeinflusst hätten. Und er bestätigte seine poetische Ader bei seinem Auftritt mit den «Papillons»: Die «Schmetterlinge» flogen zwar über die Klaviertasten, ja, aber der Pianist schien nicht gänzlich in dem virtuosen Tastenflug aufzugehen, sondern ihn mit innerer Distanz zu verfolgen (Ausgabe von Samstag).

«Starke Sehnsucht spürbar»

Thibaudet (54) eröffnete sein Rezital am Samstag verhalten mit Schumanns «Kinderszenen» op. 15 und taute dann in der Klaviersonate op. 11 mit Florestan und Eusebius richtig auf. «Er schien näher bei der Musik zu sein als Anderszewski», meinte ein junger Zuhörer und Mitglied der Jungen Freunde des Lucerne Festival im Pausengespräch. Ein anderer «Junger Freund» meinte: «In Thibaudets Spiel lag mehr Ausdruck, man spürte eine starke Sehnsucht.» Vor allem die Sonate habe ihn durch die «starke Dynamik» beeindruckt.

Berührungsängste kannte Thibaudet auch nach der Pause in den Werken des musikalischen Impressionisten Maurice Ravel nicht. In der «Pavane pour une infante défunte» gestaltete er die Tempowechsel dramatisch aus, betonte einzelne Passagen mittels Rubato und liess die Klaviersaiten mit gedrücktem Pedal schwingen. Der meditative Charakter des Stücks kam dadurch etwas abhanden, doch man wurde mit anderen Momenten entschädigt.

Besonders eindringlich wirkten Stellen, in denen der Pianist alles bisher Gesagte zurückzunehmen und für Augenblicke in eine Art musikalisches Schweigen zu verfallen schien. Da lag ein Zauber in der Luft, der mit Thibaudets rundem Klavierklang zusammenhängen musste.

Zu gewollt wirkte hingegen der Attacca-­Übergang von Ravels «Pavane» zu den «Miroirs». Die flirrenden Klänge und spitzen Rhythmen des fünfsätzigen Zyklus gehörten schlicht einer anderen Welt an: kühn, dissonant und ständiger Wandlung unterworfen.

Wie ein Kahn auf den Wellen

Thibaudet arbeitete auch hier dramatische Züge heraus, plusterte die Arpeggien im Satz «Noctuelles» gespenstisch auf, liess die Vöglein in «Oiseaux tristes» beinahe aggressiv trällern und kehrte das feine Liebesgeplänkel in «Alborada del gracioso» ins Marionettenhaft-Brüske. Die «Barque sur l’océan» geriet hingegen zum Sinnbild für den runden, ausgewogenen Klavierklang Thibaudets: Die linke Hand schien mit der Meeresströmung zu gehen, die rechte wie ein Kahn mit dem Gang der Wellen, bis beide so aufgewühlt waren, dass sie sich kreuzten – ein atemberaubender Moment.

Mit vier Zugaben von Brahms, Chopin, Cherkassky und einem nicht zuordenbaren besinnlich-weihnächtlichen Stück füllte Thibaudet die zweite ­Konzerthälfte aus, die sonst etwas kurz geraten wäre. Und der Pianist liess es sich nicht nehmen, das Pedal am Schluss jeweils lange gedrückt zu halten, auf dass sein schöner Klavierklang im Konzertsaal verweile.

Simon Bordier

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