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PIANO-FESTIVAL: Piano mit Träumen und Tränen

Der Terror von Paris warf seine Schatten bis zum Piano-Festival: Die Eröffnung des Off-Stage bot über Jazz-Unterhaltung hinaus erstmals ernste Töne.
Selbst der Flügel schien bei seinem Boogie mitzutanzen: Der vielfach ausgezeichnete Thomas Scheytt beim Opening Piano Off-Stage im KKL. (Bild: Manuela Jans)

Selbst der Flügel schien bei seinem Boogie mitzutanzen: Der vielfach ausgezeichnete Thomas Scheytt beim Opening Piano Off-Stage im KKL. (Bild: Manuela Jans)

Gerda Neunhoeffer

Der Eröffnungsabend des Piano Off-Stage, bei dem sich die Jazz-Pianisten vorstellen, die anschliessend in Hotel-Bars spielen, hat sich seit Jahren als Jazz-Fest mit Bier und Wein zu Swing und Boogie etabliert. Und zieht mit guter Laune grosses Publikum an, das auch am Dienstag das Foyer des KKL Luzern restlos füllte.

Diesmal aber ging der Anlass überraschend neue Wege: Mit einer Improvisation, die an die Toten der Terroranschläge von Paris gemahnte und in der die Tränen der Trauer hörbar gemacht wurden, fand man sich mitten in den Schreckensmeldungen dieser Zeit. Und fern aller fetzigen Rhythmen wurde die berühmte Rede von Martin Luther King mit der Bitte um Frieden Grundlage für eine intensive Komposition, die nachdenklich machte.

Selbst der Moderator überraschte

Daneben kamen freilich auch die gewohnten Jazz-Stile am Dienstagabend nicht zu kurz, und bereits sie setzten individuelle Akzente. So entwickelte zum Auftakt der Schweizer Claude Diallo in seinen Eigenkompositionen wie aus einer träumerischen Suche heraus Melodien in konkretere Sphären – Virtuosität war da bloss ein leichtgängiges Nebenprodukt seiner Einfälle.

Moderator Joschi Kühne kündigte die Pianisten nicht immer namentlich an und setzte seinerseits auf Überraschungen. Dass er einmal selbst eine Introduktion auf der Mundharmonika beisteuerte und damit Thomas Scheytt in seinen Boogie lockte, beeindruckte. Scheytt liess seine Finger ungeheuer dynamisch über die Tasten tanzen, und seine Beine tanzten dabei so mit, dass man das Gefühl bekam, auch der Flügel könne tanzen. Boogie also vom Feinsten und in einer Perfektion, die mitriss.

Wie der 25-jährige deutsche Stephan Plecher mit eher leisen Tönen verschiedene Stimmungen zauberte, machte deutlich, warum er bereits viele Preise gewonnen hat. Thilo Wagner liess die Melodie von Sinatras «I’ve Got The World On A String» über satten Sounds schweben und versenkte sich still vergnügt in «I’m Old Fashioned». Der 85-jährige Johnny Varro (USA) zelebrierte Swing unnachahmlich mit klarer Artikulation und halsbrecherischer Virtuosität. Auch als er zusammen mit Thilo Wagner eine sich immer mehr gegenseitig beflügelnde Improvisation über «As Long As I Live» spielte, war er nochmal da: der Piano-Off-Stage-Drive, wie man in aus vergangen Jahren gewohnt ist.

Martin Luther King singt!

Doch die Stimmung änderte sich, als sich der Franzose Louis Mazetier, der im Hauptberuf Arzt ist, an den Flügel setzte. Er spielte zunächst «A Very Complicated Stride» mit brillanten Läufen über swingenden Akkorden. Aber sein zweites Stück widmete er den Toten der Terroranschläge von Paris. Aktueller kann man nicht improvisieren, und wie er da ein Klagelied mit hörbaren Tränen über das unfassbare Geschehen in einen melancholischen Blues wandelte, war erschütternd.

Mazetier fand zwar in einer weiteren Improvisation mit fliessenden Stilwechseln und breiter Vielfalt zur Leichtigkeit zurück. Aber die Eigenkomposition «The Prize» von Anke Helfrich führte wiederum auf bisher ungehörtes Terrain. Die deutsche Pianistin unterstrich und verstärkte Martin Luther Kings Rede «I have a dream», die vom Laptop zugespielt wurde, mit ihrem Klavierspiel, und man hörte plötzlich, dass King beim Reden eigentlich gesungen hat. Da wiederholten sich seine Worte in Halbtonschritten und wurden von der dazu komponierten Musik noch intensiviert. Durch spezielle Effekte wie das Anzupfen der Saiten kamen neue Töne hinzu, die in eine friedlichere Zukunft zu deuten schienen.

Fantastische Jam-Session

Dass Anke Helfrich anschliessend überhaupt zum ersten Mal mit Stephan Plecher improvisierte, unterstrich den spontanen Charakter, der den besonderen Reiz des Off-Stage ausmacht. Die ausgedehnte Improvisation über ein Thema von Dave Brubeck leitete über zu Julien Brunetaud, der «O When The Saints» zu einem Highlight machte: mit rauchigem Gesang und einem fast orchestralen Klavierspiel, das er dann mit Thomas Scheytt zu unglaublicher Vielfalt steigerte.

Als die acht Pianisten nahtlos die Plätze an den Flügeln wechselten und zu einer Einheit zusammenfanden, überhöht durch den groovenden Gesang Plechers, war man am Ende doch noch in einer fantastischen Jam-Session gelandet. Und das Publikum gab seiner Begeisterung lautstark Ausdruck.

Hinweis

Piano Off-Stage: Die erwähnten Jazz-Pianisten spielen täglich ab 18.30 Uhr in der KKL-Seebar und in Hotel-Bars (The Hotel, Wilden Mann, Des Balances, Schweizerhof, National, Palace und Montana. Spielzeiten: www.lucernefestival.ch

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