PIANOFESTIVAL: Benjamin Grosvenor: «Ich habe absolute Werte»

Benjamin Grosvenor ist Englands berühmtester Pianist. Bald spielt der 22-Jährige, der die toten Klavierlegenden bewundert, am Pianofestival in Luzern.

Christian Berzins
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Ohne Fliege, aber mit Flügel: der britische Pianist Benjamin Grosvenor (22). (Bild: Decca/Sophie Wright)

Ohne Fliege, aber mit Flügel: der britische Pianist Benjamin Grosvenor (22). (Bild: Decca/Sophie Wright)

Benjamin Grosvenor, das Kind mit der Fliege?», fragt der Bekannte, und wir staunen einmal mehr, wie prägend CD-Covers doch sind. Dieser in England heftig bejubelte, auch im aktuellen deutschen Fono Forum hoch gelobte englische Pianist, war auf dem Cover-Bild seiner zweiten Decca-CD 2013 mit Fliege zu sehen. Schon war die Marke geboren.

Ist das gut?, fragen wir Grosvenor (sprich Grouv’ner) gleich zu Beginn im leeren Frühstücksraum eines Hotels in Hannover, obwohl er jetzt Jeans und einen schlabbrig-gemütlichen Pulli trägt. «Ein Kind bin ich nicht mehr.» Und zum Thema «Fliege» erzählt der 22-Jährige belustigt die Geschichte, wie er für das Decca-Fotoshooting in einem hoch­eleganten Geschäft Kleider auszusuchen hatte. «Dank Doktor Who, der britischen Science-Fiction-Fernsehserie, waren diese Kleider mitsamt der Fliege damals gerade sehr angesagt. Aber das bin nicht wirklich ich, ich trage nie Fliegen.»

Im Olymp der britischen Musik

Kindheit vorbei, Fliege weg ... Was bleibt? Der «junge» Pianist? Der jüngste Brite, der je bei Decca einen Vertrag unterschrieb? Ists eine Qualität für sich, dieses Jungsein? «Ich mache mein Spiel nicht älter oder jünger: Ich habe absolute Werte», sagt Grosvenor. Schon mit 11 Jahren gab er sein Konzertdebüt, mit 14 spielte er in der riesenhaften Royal Albert Hall, im Olymp der britischen Musik. 2012, eben 20 geworden, war er der jüngste Pianist der Geschichte, der je die Eröffnung der legendären Londoner Proms-Konzerte spielte. Gibts etwas Besseres für einen britischen Künstler? «Ja, das Proms-Schlusskonzert!» Grosvenor grinst.

Wie anders war sein Spiel vor zehn Jahren im Vergleich zu heute? «War es anders?», fragt er zurück, um Zeit zu gewinnen. Wurde damals nicht einfach ein Knabe mit guter Technik bewundert, während heute ein Pianist, der verblüffende Interpretationen wagt, mit den Grössten verglichen wird? Bohren wir nach. «Ich spiele nie etwas anders, nur damit es anders ist», entgegnet er. «Ich weiss nicht mal, ob ich eine eigene Interpretation habe – aber die Leute sagen es.» Wieder lächelt er verschmitzt.

Verstorbene Legenden als Vorbild

Kommt Grosvenor doch mal nicht weiter mit einem Werk, hört er gerne in die Vergangenheit hinein und lauscht den toten Pianisten. Die Gleichaltrigen – die klavierspielenden jungen Frauen, die anderen Jung-Genies, Trifonow, Blechacz und Lisiecki – interessieren ihn hingegen wenig. Erstaunlich allerdings, dass viele der Twens genauso wie Grosvenor lieber die verstorbenen Legenden – Richter, Horowitz, Moiseiwitsch, Cherkassky – über alles in der Welt lieben. Grosvenor begeistert deren Individualität, deren Eigenheit, die es erlaubt, nach wenigen Takten zu sagen: «Ja, das ist Horowitz!». So möchte auch er spielen. Hört er die Legenden, gilt es zu merken und zu formulieren, warum er etwas gern habe.

Wahrlich individuelles Spiel

Vielleicht erlebten das gleiche auch die Hannoveraner am Abend zuvor im Konzertsaal – und waren leicht irritiert. Grosvenor stürzte sich übermütig in Franz Liszts 1. Klavierkonzert – und verhaute sich gleich dreieinhalbmal. Aber was Grosvenor danach mit dem eigenartigen Werk anstellte, war unglaublich famos: Stimmung, Emotion und Form waren vereint, das Spiel war wahrlich individuell. Doch als wir ihn fragten, wie er denn den Abend selber empfunden hat, schüttet er erst mal reichlich Zucker in seinen Cappuccino und das Gesicht verfinsterte sich so, als ob die Patzer noch einmal hörbar wären. «Heute Abend will ich es besser machen. Mein Onkel, ein Schauspieler, pflegte zu sagen: Die Premiere ist schrecklich – nachher wirds immer besser.»

Mit Mutter auf Konzerttour

Auch seine glanzvollen CD-Aufnahmen betrachtet er nicht nur jubelnd, sondern erzählt, wie schwierig es für ihn sei, sich selbst zu hören. «So, wie wenn Sie auf Aufnahmen Ihre eigene Stimme hören – schrecklich! Es kann zur Obsession werden, wenn man immer noch etwas verbessern will. Wann ist eine Aufnahme fertig?» Anders gesagt: Wann ist man mit seiner Kunst zufrieden?

Grosvenor, der grübelnde Einzelgänger, der ein Leben mit seinen 88 Tasten führt? Nichts wäre falscher. Mit vier grösseren Brüdern wuchs Benjamin auf. Davon, dass er Czerny-Etüden spielte, derweil die anderen Fussball spielten, will er nichts hören. Doch nicht die Fussball-Brüder, sondern der zwei Jahre ältere Jonathan, der mit einem Down-Syndrom geboren wurde, stand ihm immer am nächsten. Als Teenager waren die zwei oft zusammen mit der Mutter zu dritt unterwegs auf Konzerttour. Die Mutter, seine erste Klavierlehrerin, ist bis heute, wo er die Karriereleiter schon schwindelhoch hinauf gestiegen ist, eine Ratgeberin geblieben.

«Eine Balance finden»

England ist erobert, folgt jetzt der Rest der Welt, die Carnegie Hall? «Meine Agenturen haben einen Langzeitplan, ich hingegen habe nicht die brennende Ambition, überall auf der Welt zu spielen. Es gilt, eine Balance zu finden, das Leben und die Karriere zu führen», sagt er sachlich und fügt, rührend für diesen jungen Mann, mit kindlichem Charme hinzu: «Und dann will ich eine Familie gründen.» Das Warten in seelenlosen Hotels wie hier in Hannover scheint diesen Wunsch noch zu verstärken.

Unterwegs ist er mit seinen Werken und grossen Ideen – dennoch ist er überzeugt, dass seine Interpretation von «Gaspard de la nuit» in zehn Jahren ganz anders tönen wird als auf seiner grossartigen ersten Decca-CD von 2012. Und schon ist er wieder bei einem grossen Toten: «Horowitz spielte ein und dasselbe Werk an zwei aufeinanderfolgenden Abenden bisweilen völlig verschieden!» Horowitz – der alte Mann mit der Fliege.

Hinweis

Lucerne Festival am Piano: 22. bis 30. November. www.lucernefestival.ch

Konzert mit Benjamin Grosvenor: 28. November, 12.15 Uhr, Lukaskirche, Luzern.

CD-Aufnahmen von Benjamin Grosvenor: Chopin, Liszt, Ravel (Decca2012). «Rhapsody in Blue», Saint-Saëns/Ravel (Decca 2013). Dances, Bach, Chopin u. a. (Decca 2014).

Videoclip: Benjamin Grosvenor spielt Bach. www.luzernerzeitung.ch/bonus