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Andris Nelsons am Lucerne Festival: Eine Pilgerfahrt mit Wundern und Paukenschlägen

Erstmals erschien Andris Nelsons mit seinem Gewandhausorchester Leipzig in Luzern – es war eine wahre Machtdemonstration.
Fritz Schaub
Begab sich auf Abbado-Terrrain: Andris Nelsons dirigert das Gewandhausorchester Leipzig. (Bild: LF/Manuela Jans; Luzern, 25. August 2019)

Begab sich auf Abbado-Terrrain: Andris Nelsons dirigert das Gewandhausorchester Leipzig. (Bild: LF/Manuela Jans; Luzern, 25. August 2019)

Schon die deutsche Aufstellung zeigt am Sonntag Abend den Hang des Gewandhausorchesters Leipzig zur Tradition, die bis auf Mendelssohn zurückreicht. Mit den ersten und zweiten Geigen zu beiden Seiten des Dirigenten tritt keine Instrumentengruppe dominierend hervor – auch die für Bruckners achte Sinfonie so wichtigen Blechbläser sind ganz in das Orchester integriert. Für Bruckners monumentalste Sinfonie erlaubte das ein durch alle Register ausgeglichenes Klangbild.

Andris Nelsons, der mit dem Orchester einen Bruckner-Zyklus erarbeitet, vergleicht die Achte mit einer Pilgerreise, um nach Menschlichkeit, Liebe und Mitgefühl zu suchen. Dass sich der besondere Klang des Leipziger Orchesters hervorragend eignet für diesen Komponisten, zeigte sich im Verlaufe der Aufführung immer stärker. Der Streicherklang ist von einer unglaublichen Flexibilität, geschmeidigen Schlankheit und seidigen Reinheit, die Blechbläser präzis im Einsatz und kompakt. Dabei erlaubt die Akustik des KKL-Konzertsaals eine unerhörte Durchleuchtung des Riesenbaus, in dem jede kleinste Note ihre Bedeutung erhält.

Das Adagio im Mittelpunkt

Das ist zu allererst das Verdienst von Andris Nelsons, der, als die Verbindung mit dem Lucerne Festival Orchestra nicht zustande kam, Riccardo Chailly bei den Leipzigern ablöste. Im Kopfsatz schien Nelsons nach der unheimlich schleichenden Orchestereinleitung den Klangkörper fast zu entschieden an die Kandare zu nehmen. Mit dem Vorwärtsdrängen auf die Katastrophe des ersten Satzes mit der zehnfachen Wiederholung des punktierten Rhythmus des Hauptthemas erreichte er etwas gar rasch das Fortissimo.

In der originalen Fassung von 1890 steuerte Nelsons aber letztlich mit Erfolg auf die Extreme zu. Am herrlichsten im Adagio beim dreimaligen Anlauf zum fff-Höhepunkt mit den zwei vom Triangel unterstützten Beckenschlägen. Was das Orchester im Gegenzug bei den leisen Stellen an feinen Klängen in exquisiter Pianissimokultur bot, grenzte an ein Wunder. Dass das Adagio der Höhepunkt dieser Sinfonie ist, wurde hier bestätigt. Herrlich im Trio des Scherzos das unvermittelte Aufblühen in die von den Harfen intonierten himmlischen Sphären.

Überraschend dann, wie Nelsons im Finale neben der religiösen die weltliche Sphäre berührte. Die Szene, die Bruckner als das Treffen von Kaiser Franz Joseph I. mit dem russischen Zaren bezeichnete, evozierte er mit schneidend-scharfen Marschrhythmen und gewaltigen Paukenschlägen, bevor das Werk die Hauptthemen der vier Sätze im strahlenden C-Dur aufeinandertürmt.

Unorthodoxe Dirigierweise

Im zweiten Konzert des Gewandhausorchesters am Montag spielte Martin Helmchen, einstiger Preisträger des «Credit Suisse Young Artist Award», Mozarts Klavierkonzert KV 453 mit kristallklarer Durchsichtigkeit und technisch gekonnt, ohne ganz der Hintergründigkeit dieses rätselhaften Konzerts auf die Spur zu kommen.

Das kleiner besetzte Gewandhausorchester fand auf Anhieb den leichten, beschwingten Mozart-Ton, was auch einiges für die beiden folgenden Moderne-Klassiker in Grossbesetzung versprach. Mit Claude Debussys «La Mer» gerieten Nelsons und seine Musiker direkt auf Claudio-Abbado-Terrain, denn dessen begeisternde Wiedergabe im Sommer 2003 hatte den «Hype» um das Festival-Orchester ausgelöst, der das folgende Dezennium bestimmte.

Nelsons Auffassung war entschiedener auf den klangmächtigen Schluss des ersten und vor allem des dritten Satzes ausgerichtet. Die unorthodoxe Dirigierweise des korpulenter gewordenen Nelsons, der sich hier mit dem linken Arm an der Podiumsumrandung abstützte, schien erfolgversprechender bei Strawinskys «Feuervogel»-Suite – in der märchenhaft-zarten Gestaltung wie erst recht in dem im vierfachen Forte herausgeschleuderten Finale.

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