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Poetry Slam: Das sind die Besten

An den deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften in Zürich haben sich die besten 200 Slam-Poeten gemessen. Dabei zeigt sich: die Szene hat sich massiv professionalisiert.
Julia Stephan
Die "Slam-Opas" Wehwalt Koslovsky und Frank Klötgen im Volkshaus Zürich. (Bild: Marcial Sommer/PD)

Die "Slam-Opas" Wehwalt Koslovsky und Frank Klötgen im Volkshaus Zürich. (Bild: Marcial Sommer/PD)

Mein «erstes Mal» hatte ich vor zwölf Jahren. Damals, im Zürcher Schiffbau, eroberte das Literaturformat Poetry Slam mein Teenagerherz im Sturm. Wie konnte man dem Sog als junger Mensch auch widerstehen, wenn Menschen, kaum älter als man selbst, in einem Wettkampf mit vollem Körpereinsatz ihre Botschaften und Literaturbrocken aus der Kehle schrien! Das war neu, weit weg von Deutschstunde oder Lesung, und ziemlich cool. Die beiden weit hergereisten Münchner Moderatoren Ko Bylanzky und Rayl Patzak, die damals den Abend orchestrierten, hatten für mich eine neue literarische Welt erschlossen.

Im selben Jahr hatte Gabriel Vetter als erster Slam-Poet den Kabarettpreis Salzburger Stier gewonnen. Die spätere Bachmann-Preisträgerin und Lyrikerin Nora Gomringer lief noch undercover durch Zuschauerreihen und sammelte jeden Schnipsel, der irgendwie mit Slam zu tun hatte. Und der Berner Theaterautor und Literat Jürg Halter erklärte einem am Telefon, die Zahnbürste zwischen die Zähne geklemmt, seine Sicht der Welt.

Auch die junge Hazel Brugger tauchte wenige Jahre später auf den Agglo-Bühnen auf. Man sagte sich: Wow, die ist viel zu gut für ihr Alter, wenn sie mit dem ausdruckslosen Pokerface, für welches das Fernsehpublikum sie heute so liebt, ihren schwarzen Humor vom Stapel liess.

So selbstverständlich wie ein Kinobesuch

Heute ist das Veranstaltungsformat so eng mit dem Kulturbetrieb verzahnt, dass man es so selbstverständlich hinnimmt wie eine Kinovorstellung. An den deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften in Zürich jedenfalls, die diesen Samstag zu Ende gingen, recken nur noch wenige Finger in die Luft, wenn ein Moderator fragt, ob jemand nicht wisse, was da auf ihn zukomme. An mehr als zwanzig Veranstaltungen konnte das Publikum dort während fünf Tagen den 200 besten Slam-Poeten, die der deutschsprachige Markt derzeit zu bieten hat, bei der Schlacht um den Titel zuschauen.

Etwa im Kulturhaus Kosmos an der Europaallee. Normalerweise sind hier die intellektuellen Linken Zürichs unter sich. Morgens wird meditiert, mittags sieht man alt Bundesrat Moritz Leuenberger gerüchteweise beim Mittagessen. Abends debattiert man über die Lage der Welt.

Am vergangenen Mittwochabend mischte der quirlige deutsche Moderator Hinnerk Köhn mit Wolfgang-Petry-Zitaten die gesittete Runde mächtig auf. Auch Ko Bylanzky wird später vorm Moderationsmikro stehen, im Zürcher Club Plaza. Das Publikum ist jung wie vor zwölf Jahren im Schiffbau, wegen der Partylocation vielleicht noch ein klein wenig jünger. Bylanzky selbst ist einfach nur älter geworden.

Aber was macht das schon in einer Szene, die so offen und gross ist, dass sich die LGBT-Gemeinschaft darin aufgehoben weiss und Alt und Jung sich nicht auf die Füsse treten – am Halbfinal des Teamwettbewerbs am Donnerstagabend im Volkshaus Zürich inszenierten sich die alten Füchse der deutschen Slamszene, Wehwalt Koslovsky (Jahrgang 1972) und Frank Klötgen (1968), ironisch als alte, schaffensmüde Männer. Wie in einem klassischen Theaterprolog hielten sie in Altherrenmanier mahnend ihre Finger hoch und erläuterten die Fallstricke zum schnellen Bühnenerfolg. Das Publikum tobte.

Die Inspiration gibt’s auf Youtube

Die Vorträge, bei denen Performer sich hinterm Blatt Papier verbarrikadieren, sind definitiv passé. Ko Bylanzky wundert das nicht: «Heute kann man sich Youtube-Videos anschauen, die einem dabei helfen, den Habitus eines Slammers einzustudieren», sagt er in Zürich. War früher die Literatur einziges Vorbild, orientieren sich Slammer heute an den erfolgreichsten ihrer Zunft, von denen in der Schweiz heute die besten in den Comedy- und Kabarettbereich abgewandert sind.

Der Sieger der deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften 2018: Jean-Philippe Kindler gewann mit Texten zur MeToo-Debatte und zum Mindestlohn.

In Zürich erlebte man eine Generation, die auf Youtube-Kanälen, Instagram-Accounts und Musical-Apps gelernt hat, dass Worte nur halb so viel Wert sind, wenn der Mensch sich nicht stimmig zu ihnen verhält. Natürlich ist man da manchmal naiv. Der Österreicher Emil Kaschka referiert elaboriert über rechte Gesellschaftsränder. Dazu trägt er eine modische braune Lederjacke.

MeToo hat auf den Slam abgefärbt

Am meisten überraschten die Frauen. Vor zehn Jahren brachten sie einen noch mit Tagebuch­poesie auf die Palme oder erzeugten mit der Replikation billiger Geschlechterklischees schnelle Lacher. Doch die MeToo-Debatte hat auch im Slam die Textur verändert. Bewertungen von Weiblichkeit wurden in Zürich in poetischer Verdrehung auf Männer übertragen. In einem Text wurde der Nacken eines Politikers auf Facebook zum Politikum stilisiert. Schliesslich stehe der für einen starken Willen. Und die Luxemburgerin Fee dachte durch, was sich denn ändern würde für uns alle, «wenn Schlau das neue Schön wäre».

Die Verzweiflung der Generation Y ob des «Ihr könnt mal alles werden», das ihnen die Eltern einst in bester Absicht eingetrichtert haben, fand im Publikum besonders stürmischen Zuspruch.

Auch der gesellschaftlichen Polarisierung kamen die Poeten mit rhetorischen Spielereien bei – besonders klug: der Deutsche Philipp Herold. Und Nik Salsflausen wagte sich sprachphilosophisch an den Begriff der Menschlichkeit:

«Menschlichkeit ist nicht Arte, sondern das ganze Fernsehprogramm.»

Zusammen mit der jungen Daniele Sepehri, die ohne rhetorischen Schmuck die wahre Fluchtgeschichte einer Afghanin nacherzählte, um ihr eine Stimme zu geben, stehen diese Poeten möglicherweise für die schleichende Politisierung einer jüngeren Generation.

Düsseldorfer wird bester Poetry-Slammer 2018,
Team-Titel geht an die Schweiz

Der Düsseldorfer Jean-Philippe Kindler ist Meister im Poetry Slam. Er gewann in der Nacht auf Sonntag in Zürich das Finale der
22. Deutschsprachigen Meisterschaften. Der 22-Jährige überzeugte das Publikum mit politischen Texten zur MeToo-Debatte und zum Mindestlohn. Damit lag er im Trend: Sehr viele Texte befassten sich mit der Ungleichheit von Arm und Reich – und den Geschlechtern. Der Titel im Team-Wettbewerb blieb im Gastgeberland Schweiz. Das Duo Interrobang, Valerio Moser und Manuel Diener, gewann zum zweiten Mal nach 2015 – frenetisch bejubelt vom Publikum in Zürich.
Der Einzel-Meister Kindler sagte, sein Sieg habe ihn überrascht. «Ich hätte eigentlich gedacht, dass jemand aus der Schweiz gewinnt.» Kindler, der als freischaffender Autor arbeitet, sagte, er schreibe immer über das, was ihn bewege. Der Sieg bei den Meisterschaften bedeute viel. Er werde jetzt wohl viele Anfragen erhalten. «Ich werde lernen müssen, nein zu sagen.» Offiziell gab es nur einen Apfelbaum und Whiskey zu gewinnen. Einige frühere Gewinner sind inzwischen erfolgreiche Autoren. Der bekannteste dürfte Marc-Uwe Kling («Die Känguru-Chroniken») sein. Nach Angaben der Veranstalter besuchten 15000 Menschen das fünftägige Festival in Zürich. Die nächste Poetry-Slam-Meisterschaft findet 2019 in Berlin statt. (sda)

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