POP: Adele - Die Regisseurin ihres eigenen Erfolges

Adele eroberte die Welt und meldete sich gleich wieder ab. Auf dem Superstar und ihrem Comeback-Album ruhen die Hoffnungen der Musikbranche.

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Adele (25) ist die Antithese zum klassischen Popstar und trotzdem erfolgreich. (Bild: Getty)

Adele (25) ist die Antithese zum klassischen Popstar und trotzdem erfolgreich. (Bild: Getty)

Stefan Künzli

«Spieglein, Spieglein an der Wand ...» Nein, die Schönste in der Welt des Pops ist Adele nicht, aber die Erfolgreichste. Über 30 Millionen Mal verkaufte sich «21». Das 2011 erschienene Album ist das bisher mit Abstand erfolgreichste des 21. Jahrhunderts. Lady Gaga mit «The Fame», Amy Winehouse mit «Back To Black» und erst recht Madonna hat ­Adele damit um Längen distanziert. Mehr geht nicht. Oder doch? Wird Adele ihre eigenen Rekorde noch einmal toppen können? Die Indizien sind viel versprechend. ­Video-Clip, Vorabsingle «Hello» sowie Vorbestellungen des Comeback-Albums «25» (siehe Box) haben alle Rekorde gebrochen. Tatsächlich hat es einen solchen Hype um eine normale Album-Veröffentlichung im darbenden Pop-Geschäft schon lange nicht mehr gegeben.

Dabei stellt sie in ihrer jungen Karriere die Gesetzmässigkeiten der Popwelt immer wieder auf den Kopf. Fast fünf Jahre sind seit «21» vergangen. Eine Ewigkeit in jener kurzlebigen Welt, in der der Erfolg von gestern heute schon vergessen ist. Nicht so bei Adele. Die britische Sängerin bekam völlig abseits der Öffentlichkeit ein Baby, und lange war gar nicht klar, ob sie überhaupt wieder zurückkehren würde. Doch ­Adele ist nicht vergessen gegangen. Im Gegenteil: Ihr Ruhm und Nimbus ist in der Abwesenheit noch gestiegen – ohne ihr eigenes Zutun. Als erwachsene Diva, als der erste ganz grosse Popstar ihrer Generation, kehrt sie zurück.

Musikalische Qualität

Doch worauf beruht eigentlich ihr phänomenaler Erfolg? Zuallererst ist es diese berührende Stimme, deren Wirkung sich nur ein Eisklotz entziehen kann. Diese ungekünstelte, leicht heisere, manchmal suchende Stimme, die in den besten und spannendsten Momenten von «25» zu zerbrechen droht und sich doch immer wieder zu neuen Höhen aufschwingen kann.

Adele verkörpert wie zuvor Amy Winehouse die Retro-Welle in der Popmusik. Es gibt denn auch kulturpessimistische Stimmen, die ihr ein Innovationsdefizit vorwerfen. Tatsächlich bezieht sich ­Adele auf die Vergangenheit. Doch sie transferiert dieses Vertraute überzeugend ins Hier und Jetzt. Adele steht für die Rückbesinnung auf musikalische Substanz, Ehrlichkeit und Qualität.

Aber das ist nur die eine Seite des Erfolgs. Adeles Weg ist ungewöhnlich, denn sie pfeift in vielen Belangen auf die als unumstösslich geltenden Regeln und Konventionen des Popgeschäfts. Sie hat ein hübsches Gesicht, aber alles andere als eine Modelfigur. «Wäre ich nicht übergewichtig, hätte ich vielleicht gar nicht all den Erfolg», sagt sie. Das macht sie zur Identifikationsfigur für viele Menschen, die ein paar Pfund zu viel auf den Rippen haben.

Aura des Geheimnisvollen

Aber Adele verweigert sich nicht nur den roten Teppichen dieser Welt, sondern auch konsequent der Macht der neuen Medien. Im Gegensatz zu ihren Konkurrentinnen wie Rihanna und Lady Gaga ist sie auf Twitter und Facebook kaum präsent und entzieht sich dem scheinbaren Zwang, das Leben als Star zu vermarkten. «Wie könnte ich mich als Künstlerin ernst nehmen, wenn ihr da draussen alles über mich wisst? Privatsphäre ist sehr wertvoll», sagt sie im Interview mit der «Zeit». Dauerpräsenz entmystifiziert die Stars.

Alles unter Kontrolle haben

Adele ist die Regisseurin ihres eigenen Erfolges. Schon als Teenager hat die noch unbekannte Sängerin mit dem damals noch kleinen britischen Independent-Label XL einen Vertrag ausgehandelt, der ihr ungewöhnlich viele Freiheiten lässt. «Es ist immer mein Ziel gewesen, mir diese Freiheiten zu bewahren», sagt sie. So hat Adele immer das letzte Wort. Sie lässt sich nicht fremdbestimmen, und alles geschieht aus ihrem eigenen Antrieb. Eine Erfolgsformel, die gerade im Popgeschäft immer wieder unterlaufen wird.

Stärke zu zeigen, hat Adele von ihrer Mutter gelernt. Als sie im Londoner Vorort Tottenham zur Welt kam, war ihre Mutter noch ein Teenager. Und als ­sie drei Jahre alt war, machte sich ihr Vater aus dem Staub, Mama Adkins musste sich als alleinerziehende Mutter behaupten. Das hat auf die Tochter abgefärbt. Adele will alles unter Kontrolle halten.

Jetzt ist sie zur Hoffnungsträgerin der Branche geworden. Der Druck, der auf Adele und ihrem Comeback ruht, ist riesig und nicht nur für ihre Karriere entscheidend. Die Tonträgerbranche hofft mit Hilfe von Adele auf einen Turnaround, einen Umschwung nach Jahren des Niedergangs. Dabei steuert der Formatkrieg auf eine Entscheidung zu. Hat die CD überhaupt noch eine Zukunft? Adele ist aber auch Anwältin der Musiker. Denn wie Taylor Swift fordert Adele die Streamingdienste heraus. Ihre Musik will sie nicht gratis verscherbeln lassen.

Vielleicht ist es auch nur ein letztes Aufbäumen. Adele hat in ihrem Status des Superstars immerhin gute Karten in der Hand. «25» kann zwar die hohen Erwartungen nicht ganz erfüllen. Das Album ist aber immerhin gut genug, um der Musikindustrie fürs Weihnachtsgeschäft neuen Schub zu verleihen.

Grosses Gefälle

Album sk. In den Songs von Adele ging es bisher um Trennungen und gescheiterte Beziehungen. Es waren Lieder, gesungen aus voller Verzweiflung. Jetzt ist alles anders. «Ich habe ein wunderbares Kind, einen tollen Freund. Mein Leben ist super», sagt Adele. Sie lebt als Mutter ein neues Leben. Die elf neuen Songs auf «25» beschreiben ihre neue Lebenssituation. «Das Leben war eine Party, aber das war vor Millionen Jahren», singt sie zu sparsamer Begleitung auf der akustischen Gitarre in «Million Years Ago», einem der schönsten Lieder auf «25». Noch in zwei anderen Song beschreibt sie den Verlust der unbeschwerten Jugend. Sonst beherrschen Liebessongs das Album. Es geht um Sehnsucht und Begehren, Zuneigung und Hingabe. Themen, die eine 25-Jährige halt so beschäftigen.

Fantastischer Bogen

Und musikalisch? «Hello» ist eine Pop-Perle, «When We Were Young» eine gospelartige Ballade mit einem fantastischen Spannungsbogen und einer fantastischen Steigerung. Zum Weinen schön. «Million Years Ago» lebt von seiner hübschen und charmant-kindlichen Melodielinie. Sowieso, die Balladen sind ein sicherer Wert. Dort, wo die grosse Stimme von Adele unverfälscht zur Geltung kommt. Am wirkungsvollsten in sparsam instrumentierten Songs wie in «Remedy», wo sie nur vom Piano begleitet wird. Doch schon «Love In The Dark» und «All I Ask» wären Allerweltsballaden, wenn da nicht diese Sängerin wäre.

«Send My Love» ist ein für Adele überraschend fröhliches Stück. «I Miss You» will aber einfach nicht in die Gänge kommen. Andere wie «Water Under The Bridge» oder «River Lea» sind eher durchschnittliche Songs ohne wirklich zündende Idee.
So hinterlässt «25» einen durchzogenen Eindruck. Das qualitative Gefälle ist gross, und fast scheint es, als habe die Plattenfirma mit den vorab veröffentlichten Songs «Hello» und «When We Were Young» das Pulver etwas verschossen. Waren die Erwartungen zu gross? An das Vorgängeralbum «21», das kaum eine Schwachstelle aufwies, kommt «25» jedenfalls nicht heran.


Adele: 25, XL/Musikvertrieb.