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POP: Adele spielt mit dem süssen Duft der Normalität

Die Königin hielt Hof: Adele hatte das Hallenstadion schnell im Griff. Sie tat das mit ihrer unglaublichen Nähe. Und ganz ohne Show. Wirklich?
Auch das gehört dazu: Selfie machen auf der Bühne mit Adele im Hallenstadion. (Bild: Getty/Philipp Schmidli)

Auch das gehört dazu: Selfie machen auf der Bühne mit Adele im Hallenstadion. (Bild: Getty/Philipp Schmidli)

Kurze Videos des Konzerts finden Sie unter: www.luzernerzeitung.ch/bonus

Adele schafft schnell Nähe. Berichtet von ihrer Abneigung gegen das Joggen, über ihren dicken Hintern, über Probleme in der Schwangerschaft. Das Publi­kum klatscht, filmt, nickt. Ja, diese Adele ist eine von uns, denken sich die Besucher im ausverkauften Hallenstadion. In all den (langen) Geschichten, die der britische Superstar am Dienstagabend erzählt, kann man sich problemlos wiedererkennen. Das ist ungeheuer sympathisch, ungeheuer trivial meist, und alles wirkt ungeheuer spontan.

Das ist natürlich Mumpitz. Viele dieser Geschichten – das kann man, Internet sei dank, nachlesen – hat sie auch auf anderen Stationen ihrer Tour erzählt. Die Kunst der Sängerin besteht darin, dass alles so wirkt, als entstünde es aus dem Moment heraus. Gerade jetzt und nur für euch!

Immer im selben Kleid

Dazu gehört auch, dass Adele weitgehend auf Showelemente verzichtet. Sie trägt vom ersten bis zum letzten Ton dasselbe Kleid (ein schön-schlichtes Abendkleid in glitzerndem Schwarz), abgesehen von einem Regen-Wasserfall gibt es keine Spezialeffekte, und weder Tänzer noch Tänzerinnen finden auf der Bühne ein Plätzchen. Es geht eben nur um die Musik, soll das alles sagen. Aber ist dieses Fehlen von Show am Ende nicht auch irgendwie Show? Vielleicht ist es auch schlicht ein Statement: Ich brauche das alles nicht!

Adele ist die Antithese zu all den Britney Spears, Beyoncés und Rihannas. Wo diese auf knallige Effekte setzen, tritt Adele auf die Bremse und verströmt den süssen Duft der Normalität.

Dass aber auch in dieser vermeintlichen Normalität alles sehr genau getaktet, durchdacht und geplant ist, merkt man immer dann deutlich, wenn tatsächlich etwas passieren könnte. Musikalische und gesangliche Improvisation fehlt praktisch komplett, Spontaneität gibt es nur in den Ansagen – und auch da, wie bereits geschrieben, manchmal halt auch einfach nur gut gespielt.

Macht natürlich alles nix, wenn man die Lieder so schmettern kann wie Adele. In nur eine Note von «Hello», «Someone Like You» oder «Set Fire To The Rain» packt sie mehr Kraft, als andere Sängerinnen in ihr ganzes Repertoire. Und die Stimme hält. Keine Kratzer, keine Hänger, keine Fehler. Das ist vielleicht der grösste Unterschied der 28-jährigen Adele Adkins zu ihrem Publi­kum: Sie kann verdammt gut singen. Gerne hätte man neben dem ganzen Fortissimo auch vermehrt etwas leisere Töne gehört.

In der Stube

Das stört das Publikum nicht. Sowieso herrscht im Hallenstadion das Gefühl, zu einem auserwählten Zirkel zu gehören. Man hat es geschafft, an eines der raren Tickets zu kommen (sie waren innert Minuten ausverkauft, viele standen vergeblich an). Das gehört irgendwie zum Gesamterlebnis Adele – sie vermittelt auch bei 13 000 Leuten das Gefühl, als hätte sie jeden zu sich nach Hause in die Stube eingeladen.

Einmal sucht sie (angeblich) lange nach einem Fan in der Halle. «Du da mit den schwarzen Haaren, dem Stirnband, ja genau: du. Sag mal, du warst doch auch an meinem Konzert in Köln, oder?» Wow! Adele erinnert sich sogar an einzelne Konzertbesucher, frohlockt es im Hallenstadion. Dass die Dame dann nicht wirklich schon in Köln war, vergisst die jubelnde Menge schnell wieder. Ob man Adele glaubt oder nicht, überlässt sie jedem selber. In Zürich waren die Fronten eindeutig.

Könige sind volksnah

All die (zugegeben kleinen) Risse in der Authentizitätsfassade der Adele spielten nicht die kleinste Rolle am Dienstag. Es ist schlicht und einfach ein gigantischer Triumphzug der derzeitigen Königin des Pops. Gute Monarchen geben sich immer volksnah. Ob man dann hinter den Schlossmauern nur Kaviar und Chateaubriand isst, muss das Publikum ja nicht wissen.

Das würde man Adele aber wirklich nicht unterstellen. Sie wirkt wie das klassische Mädchen aus Grossbritannien. Eine, die man sich auch an einem wilden, lauten, derben Junggesellinnenabschied vorstellen kann. Sie riecht eher nach Bier als nach Bordeaux und eher nach Bratwurst als Braten – eben dieser süsse Duft der Normalität. Adele ist eine gute Königin.

Michael Graber

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