POP: Anna Ternheim: «In meinem Kopf tobt es immer»

Anna Ternheim (37) gehört zu den bekanntesten Stimmen aus Schweden. Auf ihrem neuen Album verarbeitet sie eine Trennung und schwärmt im Gespräch von New York.

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Das Schreiben der Songs habe sie stark gemacht, sagt Anna Ternheim. (Bild: PD/Monika Manowska)

Das Schreiben der Songs habe sie stark gemacht, sagt Anna Ternheim. (Bild: PD/Monika Manowska)

Steffen Rüth

Das sehr alte und sehr schöne Södra Teatern in Stockholm, wo Anna Ternheim an diesem Winterabend vor eingeladenem Freunde-Familien-Medien-Publikum erstmals ihr neues Album «For The Young» präsentiert, ist vertrautes Terrain für die 37 Jahre alte Sängerin und Songschreiberin. «Hier habe ich das erste Konzert meiner ersten Tournee zu meinem ersten Album ‹Somebody Outside› gespielt», sagt Ternheim, als wir sie am Nachmittag vor der Show in ihrer Garderobe sprechen.

Elf Jahre ist das her, sie wurde seinerzeit schnell erfolgreich, sammelt seitdem Schweden-Grammys und hat in vielen Ländern ein treues, interessiertes Publikum. «Einerseits fühlt es sich an, als sei noch mehr Zeit vergangen seitdem», sinniert sie, «denn in meinem Leben ist seitdem ganz schön viel passiert. Andererseits ging es ganz schnell. Die Erinnerung ist noch sehr intensiv und präsent.»

Etwas schwermütig werden

Der Lauf der Zeit, Veränderungen, Einschnitte, Triumphe, Tiefschläge und das Älterwerden – das sind die Themen, mit denen sich Anna Ternheim auf ihrem nunmehr fünften Album auseinandersetzt. «Who said that youth is only for the young» singt die gebürtige Stockholmerin im Titelstück, wer sagt, dass die Jugend nur etwas für junge Leute ist. Solche Fragen stellt man, wenn man auf die 40 zugeht und von Natur aus etwas schwermütig veranlagt ist.

Es sei seltsam. Die Zeit vergehe, und «meine Gefühle den meisten Situationen gegenüber sind noch die gleichen wie vor 20 Jahren. Du willst das Leben weiter mit jungen Augen anblicken, aber die Welt um dich herum schaut dich an wie eine Erwachsene.» Sie sei immer stärker davon überzeugt, dass das Lebensalter der Seele nichts mit dem Lebensalter des Körpers zu tun habe. «Ich kenne viele sehr offene, das Leben liebende Menschen, die doppelt so alt sind wie ich.»

Man sagt Anna Ternheim aufgrund ihrer häufig eher traurigen, von Melancholie durchzogenen und recht düsteren Liedern nach, dass sie ohnehin eine alte Seele sei. Diesem Eindruck widerspricht sie, und diesen Eindruck macht die in einen grauen Hosenanzug gekleidete Musikerin mit dem gescheitelten Kurzhaarschnitt auch nicht, wie sie ziemlich munter und vorfreudig auf das abendliche Konzert über ihr Leben spricht. «Meine Seele kann gar nicht alt sein, denn ich habe das Gefühl, dass meine Seele in New York zu Hause ist. Und New York ist eine Stadt, in der sich pausenlos alles verändert und erneuert.»

Seit sieben, acht Jahren hat Anna zwei Wohnsitze – einen in Stockholm, einen im East Village von Manhattan, auf dem Albumcover steht sie, begleitet von einem Luchs neben einem angeschwemmten Piano am Strand vor der Williamsburg Bridge. «Stockholm steht für Beständigkeit, für alte Freunde. New York steht für das Chaos. Immer wenn ich dort bin, fühle ich mich total daheim. Interessanterweise komme ich in New York besser zur Ruhe als in Stockholm.»

Ende einer Beziehung

Dass «For The Young» nach einer privat turbulenten Phase inklusive dem Ende einer Liebesbeziehung entstand, gibt Ternheim gerne zu, es ist auch nicht zu überhören. «Vor allem ist es ein Weitermach-Album», sagt sie. «Wenn Liebe endet und du weiterziehst, dann ist das traurig. Aber du machst dich auch unvermeidlich auf einen neuen Weg.» Das Schreiben der neuen Songs habe sie stark gemacht und ermutigt.

«In meinem Kopf tobt immer so viel Zeug, Schönes, aber auch kompletter Mist. Dabei müsste ich mir doch keine grossen Sorgen machen, ich komme aus einem ruhigen Land, habe zu essen und werde nicht von Bomben attackiert. Trotzdem mache ich mich oft selbst verrückt. Das Komponieren und das Livespielen sind für mich die beiden Tätigkeiten, bei denen ich mein Denken am besten abstellen kann.» Auch deshalb möchte Ternheim dieses Leben nicht missen.

Produziert hat sie «For The Young» gemeinsam mit ihrem schwedischen Kumpel Andreas Dahlback. Nachdem sie auf ihrer letzten Platte «The Night Visitor» einen Aufnehmausflug nach Nashville unternahm und zuvor auf «Leaving On A Mayday» mit Pop-Experte Björn Yttling arbeitete, ist das neue Album mehr denn je ein Anna-Ternheim-Werk. «Es fühlt sich nach mir an», sagt sie selbst. Manche Songs, wie das Titellied oder «Still A Beautiful Day» sind gross und opulent produziert, mit Streichern und Schlagzeug. Andere, etwa «Walk Right In» und das abschliessende «Just As Friends», beschränken sich ganz auf die akustische Gitarre und Annas Gesang.

Suche nach Glück

Eine weitere Stärke dieser wie üblich bei Ternheim mit Folk, Blues, Jazz, Pop und Rock spielenden Platte sind die starken Melodien, besonders ins Ohr geht zum Beispiel «Caroline», ein Lied über eine Ex-Nachbarin, «die eines Tages auszog, um in Kalifornien ihr Glück zu suchen».

Ob sie es gefunden hat, weiss Anna Ternheim genauso wenig zu beantworten wie die Frage, nach ihrem persönlichen Glückslevel. «Das wechselt. Es gibt keine Gewissheiten. Ich weiss nur, dass ich mich gut fühle, wenn ich Musik machen kann.»

Anna Ternheim: «For The Young» (Universal)

Bewertung: 4 von 5 Sternen