POP: Bernegger etwas gar poppig

Nicole Bernegger (36) hatte zwischen Castingsieg und Platte eine grosse (Baby)-Pause. Vielleicht war diese fast ein bisschen zu lang.

Michael Graber
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Jetzt ohne Babybauch unterwegs, dafür mit neuer Platte: Nicole Bernegger. (Bild: PD)

Jetzt ohne Babybauch unterwegs, dafür mit neuer Platte: Nicole Bernegger. (Bild: PD)

Wie schnelllebig unsere Zeit ist, erkennt man auch daran, für wie lange wir plötzlich sieben Monate halten. So viel Zeit ist nämlich seit dem Sieg von Nicole Bernegger bei der Castingshow «The Voice of Switzerland» vergangen. Eine halbe Ewigkeit, gemessen an anderen Castingsternchen, deren Alben jeweils direkt nach dem Sieg in den Läden stehen.

Eigentlich könnte man dies als gutes Zeichen werten: Da wurde nicht schon während der Ausmarchung hinter den Kulissen gewerkelt und schnell, schnell der Hype ausgenutzt. Es könnte aber natürlich auch daran liegen, dass Bernegger in der Endphase der Castingshow derart hochschwanger war, dass an PR-Termine und Konzerte gar nicht zu denken war.

Kein Musikbrei

Auf jeden Fall jetzt, eben sieben Monate nach ihrem Sieg, ist «The Voice» da. Der schrecklich unbescheidene Titel der Platte, der irgendwie so gar nicht zur Nicole Bernegger aus der Sendung passen will, gibt die Marschrichtung klar vor. Konsequent wird die Stimme der Powerfrau in den Vordergrund gerückt. Da unterscheidet sie sich Gott sei Dank von all den anderen Castingsternchen, die zwar auch oft eine gute Stimme haben, die dann aber in einem wahren Musikbrei ertränkt wird.

Für die Sauce zum Gesang ist Bern­eggers Coach aus der Sendung verantwortlich: Stress. Der hat sich auch eine ganze Menge Freunde dazugeholt. Bligg hat ebenso mitgeschrieben wie Yvan Peacemaker und Fred Herrmann von «Hitmill», jenem Studio, das irgendwie für fast alle grossen Schweizer Acts (Bligg, Stress, Baschi usw.) verantwortlich zeichnet – böse Zungen behaupten, sie hätten ihre Erfolgsformel gefunden und halten nun auf Teufel komm raus daran fest.

Neues Gewand

So bekommt auch Nicole Bernegger ihr «Hitmill»-Gewand. Und das ist bedeutend poppiger als noch jenes in der Castingshow, als sich Bernegger vor allem als Soul-Röhre präsentierte. Auf diesem Weg büsst sie eine ganze Menge an Eigenständigkeit ein – das ist schade. Aber auch kein Weltuntergang. Es ist vielleicht die logische Konsequenz der längeren Produktionszeit. Anstatt einfach das zu machen, was Bernegger schon vorher gut konnte, hat man ihr das auf den Leib geschmiedet, von dem man dachte, es komme beim Publikum am besten an.

Das scheint sich nicht unbedingt ausgezahlt zu haben – die Singles floppten. Dabei ist das Gebotene gar nicht mal schlecht. Klar, es ist mainstreamiger und auch farbloser, als man es von Bernegger aus «The Voice of Switzerland» gewohnt war, aber innerhalb dieses Spektrums bewegt sie sich doch im oberen Niveau.

Vielleicht ist es ja auch ein wenig gemein: Gerade weil man von Nicole Bernegger – die überhaupt nicht dem Castingshow-Klischee entspricht – mehr erwartet hatte, ist man jetzt enttäuscht. Zahlreiche andere vermeintliche Popstars wären froh, ihre erste Platte hätte das Format von «The Voice». Man hört hier eine Frau singen, die offensichtlich über Erfahrung verfügt – ihre Band The Kitchenettes gab es schon vor der Sendung und gibt es weiterhin. Zwischendurch muss sie durch Refrains waten, die nicht so recht passen wollen, aber immerhin macht sie das gut mit.

«The Voice» ist sicherlich kein Meilenstein. Es ist eine Platte, von der nur wenig im Ohr bleibt, aber auch keine, die man sich einfach als Hintergrundmusik antun kann, weil Bernegger über eine wirklich ausserordentliche Stimme verfügt. Diese rettet sie auch über den dritten «Ohohoh»-Part auf der Platte oder wenn plötzlich ein merkwürdiger Beat einsetzt. Sicherlich wünscht man sich zeitweise, es wäre mehr «The Voice of Switzerland»-Bernegger auf der Platte, doch irgendwie soll man doch froh sein, dass jemand nicht stehen bleibt, sondern auch etwas Mut beweist und leicht neben den vorgegebenen Wegen geht. Um die Abgründe tanzt sie herum, und ja: Nicole Bernegger macht auch auf «The Voice» immer noch Spass.

Nicole Bernegger: The Voice (Universal) •••••