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POP: David Bowie - Dunkle Fantasie für Jazzband und Saxofon

David Bowie (68) bietet auf «Blackstar» schwere Kost: geheimnisvoll, verstörend und grossartig.
David Bowie legt zu seinem 69. Geburtstag am 8. Januar sein verstörendstes Album vor – und eines seiner besten. (Bild: Sony Music/Jimmy King)

David Bowie legt zu seinem 69. Geburtstag am 8. Januar sein verstörendstes Album vor – und eines seiner besten. (Bild: Sony Music/Jimmy King)

Von Stefan Künzli

Im Laufe seiner langen, mehr als 50-jährigen Karriere hat David Bowie seinen Fans schon manches zugemutet. Immer wieder hat er alle überrascht und sich neu erfunden. Im Herbst seiner Kar­riere gelingt dem Verwandlungskünstler dies aufs Neue. Das Album «Blackstar», das am 8. Januar – an Bowies 69. Geburtstag – erscheint, ist musikalisch sein dunkelstes, düsterstes, geheimnisvollstes und verstörendstes – und eines seiner besten.

Gemessen an den formatgetriebenen Anforderungen der Musikindustrie ist «Blackstar» eine Provokation. Auf fast zehn Minuten winselt sich Bowie auf dem Titelsong durch die imaginäre Auferstehung eines mysteriösen Blackstars. Unregelmässige Beats stolpern, rumpeln und lassen im Video Körper zitternd erschaudern. Ein Saxofon quietscht und spielt mit Obertönen. Dann fällt der Song in sich zusammen: «On The Day Of Execution». Ein Hoffnungsschimmer kommt auf, aber es ist nur die scheinbare Erlösung. Ein Trugschluss. Das Dunkle setzt sich durch, und die Welt versinkt abermals im Chaos. Ein Albtraum, eine Horrorvision, eine musi­kalisch und dramaturgisch meisterhaft umgesetzte Zumutung.

Prägendes Sax von Donny McCaslin

Doch es geht noch schlimmer. Der Song «Tis A Pity She Was A Whore» wurde vor einem Jahr, aus Anlass des 50. Bühnenjubiläums von Bowie, erstmals aufgenommen und reflektiert die «schockierende Brutalität des 1. Weltkrieges». Knüppelharte Schlagzeug­salven stehen für das Dauer-Bombardement. Die nervig-schrillen Keyboard-Sounds des Originals werden hier durch das Saxofon von Donny McCaslin ersetzt. Der Amerikaner setzt sein Horn mehr klanglich als melodisch ein und lässt es schreien. Die Verzweiflung wird hörbar und steigert sich ins Unerträgliche. Chaotisch, subversiv, grossartig.

Bowie hatte immer schon eine Schwäche für Saxofone. Auf dem 1975er-Album «Young Americans» war David Sanborn mit von der Partie. Bowie selbst hat sich immer wieder am Instrument versucht. Zuletzt vor allem am mächtigen Bariton­sax – mit mässigem Erfolg. Jetzt hat er seinen Mann am Horn gefunden: Donny McCaslin ist neben Bowie der eigentliche Star des Albums. Auf sechs der sieben Stücke spielt der Saxofonist und Flötist eine prägende Rolle, als Solist und Klangfärber. In der Schweiz ist er kein Unbekannter. Schon vor Jahren spielte er in der hochkarätigen George Gruntz Concert Jazz Band. Bekannt ist er heute vor allem als Mitglied des Maria Schneider Orchestra, dem seit einigen Jahren mit Abstand besten Gross­­orchester des Jazz, das kürzlich im KKL Luzern gastierte. Als dessen Mitglied ist McCaslin jetzt für sein Solo auf Schneiders «Arbiters Of Evolution» für die Grammys nominiert worden.

Maria Schneider, die im nächsten Sommer am Lucerne Festival als Dirigentin auftritt, ist denn auch die Verbindung zu Bowie. Schon im letzten Jahr haben die beiden zusammen­gearbeitet und das Stück «Sue (Or In A Season Of Crime)» für die 50-Jahre-Compilation «Nothing Has Changed» komponiert und arrangiert. Es ist jenes Arrangement, das in diesen Tagen ebenfalls für die Grammy Awards nominiert wurde. Es war denn auch die Orchesterleiterin, die dem englischen Star ihren Lieblingssaxofonisten empfohlen hat.

Avantgarde-Rock mit Jazzband

McCaslin erinnert sich: «Bowie kaufte sich mein Album ‹Casting For Gra­vity› und kam ans Konzert meiner Band in der 55 Bar in New York City. Danach sprach er mich an und fragte, ob ich bei ‹Blackstar› mitmachen wolle.» Aber nicht nur das. Bowie war so begeistert, dass er gleich die ganze Band mit dem Gitarristen Ben Monder, dem Pianisten Jason Lindner, dem Drummer Mark Guiliana und dem Bassisten Tim Le­febvre für sein neues Projekt anheuerte.

Nein, keine Angst, «Blackstar» ist kein Jazz-Album. Bowie bleibt Bowie. Aber die Entwicklung des Projekts kam den Jazzmusikern entgegen. «Bowie machte konzeptuelle Vorschläge, gab mir aber keine spezifischen Instruktionen», sagt McCaslin: «Er sagte bloss: ‹Let’s have fun and see, what happens.› Er wollte wirklich, dass wir einfach unser Ding machen.» «Blackstar» ist also Ergebnis der kreativen Eingebung jedes einzelnen Musikers.

Auch der Grammy-Favorit «Sue» wurde in dieser Besetzung neu aufgenommen. Geblieben sind die nervösen Drum’n’Bass-Rhythmen, die aber härter und rockiger klingen. Ohne die Bläserschichten ist der Gesang im Vordergrund. McCaslin und die Band kreieren dazu ein wirres Stimmengeflecht, das sich zu einer Geräuschwand verdichtet. Gegen Ende des Stücks finden Gesang und Musiker zueinander. Es sei «in der Hitze des Gefechts, im Überschwang des Augenblicks» passiert, betont McCaslin, «meine Lieblingsstelle auf dem Album».

Das Album des Jahres 2016?

Bereits heute erscheint auch die etwas versöhnlichere zweite Single «Lazarus», der Titelsong zum gleichnamigen Theaterstück von Bowie, das am 7. Dezember am Broadway Premiere feierte. «Lazarus» ist inspiriert von Walter Trevis’ Novelle «The Man Who Fell To Earth» und nimmt Bezug zum Science-Fiction-Kultfilm von 1976, in dem Bowie den Ausserirdischen spielte. Auf «Blackstar» übernimmt McCaslin auf dem Sax die Backing Vocals der Theaterversion und steigert in lang gezogenen Melodiebögen in den emotionalen Höhepunkt.

«Blackstar» ist schwere und schwer verdauliche Kost. Es bietet alles andere als Hitparaden-Futter oder Radio-Sauce. Ähnlich anderen alternden Popstars wie Robert Plant, Sting, Elton John schert sich Bowie heute mehr denn je um die Konventionen der Musikindustrie und macht nur das, was er will und gut findet. Das spült zwar keine Millionen in die Kassen, ermöglicht im besten Fall aber popmusikalische Glanzlichter, wie sie leider immer seltener werden. Aber «Blackstar» ist ein Versprechen für das kommende Jahr. Vielleicht ist «Blackstar» das Album des Jahres 2016, bevor es begonnen hat.

Hinweis

David Bowie: «Blackstar» (Sony) erscheint am 8. Januar 2016. Alle erwähnten Titel sind ver­öffentlicht oder findet man online.

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