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POP: Faber und der Mut zur grossen Geste

Faber ist derzeit überall. Der Zürcher singt clevere Texte zu rumpliger Musik. Dabei wirkt der 24-Jährige manchmal fast schon seltsam erwachsen.
Michael Graber
Faber raucht viel und oft. Manchmal sogar in einem Bademantel mit einem eher gewöhnungsbedürftigen Blumenmuster. (Bild: Stefan Braunbarth)

Faber raucht viel und oft. Manchmal sogar in einem Bademantel mit einem eher gewöhnungsbedürftigen Blumenmuster. (Bild: Stefan Braunbarth)

Michael Graber
michael.graber@luzernerzeitung.ch

Wenn man Fabers Stimme hört, denkt man: Der Typ muss pausenlos am Rauchen sein. Wenn man Faber gegenübersitzt, merkt man: Der Typ ist pausenlos am Rauchen. Zigarette um Zigarette klaubt er aus der Schachtel. Er wirkt dabei aber nie gestresst, oder gar süchtig, sondern furchtbar lässig. Wie eigentlich auch alles an ihm. Die Wuschelfrisur, das schelmische Lächeln und wenn er den Kopf abdreht und ins Leere schaut, wenn er kurz nachdenken muss.

Sowieso: Nachdenken. Faber macht Musik mit hochdeutschen Texten, die eigentlich eher nach einem gebrochenem 40-Jährigen als nach einem fröhlichen 24-Jährigen klingen. Er singt von Kummer, gebrochenen Herzen und von vielen Gestalten, die es nicht nur einfach haben im Leben. Kurzum: Faber klingt für sein Alter seltsam erwachsen. «Ich nehme ‹erwachsen› jetzt einfach als Kompliment», sagt Faber im Zürcher Restaurant.

Grosser Erfolg in Deutschland

In dieser Stadt ist Faber vor eben 24 Jahren als Julian Pollina geboren – sein Vater ist Pippo Pollina. Dort wohnt er auch bis heute («Unsere WG zieht alle paar Monate um, damit wir preisgünstig wohnen können»), und dies obwohl er mittlerweile vor allem in Deutschland grosse Erfolge feiert. In jeder grösseren Stadt hat er bereits ausverkaufte Konzerte gespielt und dies obwohl die Hallen immer grösser wurden.

Um den Mann mit der grossen Frisur und der rauchigen Stimme ist aber auch hierzulande in den letzten Wochen ein richtig kleiner Hype entstanden. Faber war im Radio, in Magazinen und auch sonst eigentlich überall. «Ich weiss auch nicht, warum alle auf mich hereingefallen sind», lacht Faber. Er meint das ernst. Also versuchen wir die Erklärung selber zu liefern: Faber hat Charme, clevere Texte und vor allem hat er Mut zur grossen Geste. Oder anders formuliert: Es ist alles sehr pathetisch, was Faber macht. Da wird mit voller Inbrunst geröhrt, da wird das Herz ausgeschüttet und man hört, wie er mit seinen Texten mitleidet. Er selber nennt es einfach «Kitsch», fügt aber gleich an: «Man darf davor einfach keine Angst haben.»

Der Mann traut sich was. Was ihn dann doch deutlich vom kitschverseuchten Schlager abhebt, sind seine Texte. Oberflächlichkeiten und Worthülsen findet man bei Faber wenige. «Wir fahren zum ersten Mal ans Meer, ich frage wie es dir gefällt, es ist schön, doch unter uns, ich hätts mir grösser vorgestellt», singt er brummend in «Es könnte schöner sein» um die ständige Unzufriedenheit vieler jungen Menschen recht genau zu sezieren.

Auf seiner Platte «Sei ein Faber im Wind» wimmelt es nur so von Wortspielen, umgedeuteten Sprichworten und Dingen, die sich erst beim zweiten oder dritten Durchhören genau erschliessen. «Ich bin ständig am Sammeln von solchen Sätzen», sagt Faber. Dann holt er – nicht zum ersten Mal an diesem Nachmittag – weit aus. Kurz zusammengefasst: «Im Pop ist die Masche doch klar: ‹Cooler Satz, der wird der Refrain›.» Er dagegen mache es eher wie beim Hip-Hop, «da ist jeder Satz eine Punchline». Sein Ziel sei es, seine Musik «mit solchen ‹Punchlines›» vollzupacken. Und sowieso: «Am wichtigsten sind mir eigentlich die ersten Sätze in jedem Lied.»

«In Paris brennen Autos und in Zürich mein Kamin», ist einer dieser ersten Sätze. Und tatsächlich: Der ist unfassbar gut, er schafft es auch, dass man nachher zuhört, was dieser Mann zu sagen hat. Es kommen dann Sätze wie «Die einen ertrinken im Überfluss, die anderen im Meer». Da bekommt man daheim auf dem bequemen Sofa ein schlechtes Gewissen gegenüber all den Ungerechtigkeiten da draussen. Viel mehr kann Musik aus der Schweiz gar nicht wollen.

Sehnsuchtsgetränkte Musik

Aber warum so ernst, lieber Faber? «Vielleicht bin ich einfach sehr sensibel», sagt er. Ohne Lächeln. Er schreibe lieber, wenn es ihm nicht so gut gehe. «Wenn ich einen Song schreibe, will ich die Stimmung in etwas Kreatives packen und so darüber hinwegkommen.» Dieses Bedürfnis habe er eben nicht, wenn er glücklich sei – und das sei er also durchaus oft. Jetzt lächelt er wieder.

Die ständige Schwermut, die aus Fabers Texten tropft, wird von der rumpligen Musik unterstützt. Allen voran durch die markigen Punkte vom Toggenburger Posaunist Tillmann Ostendarp. Es steckt viel Balkan-Groove in den 13 Songs, aber nicht in der wilden Party-Variante, sondern reichlich sehnsuchtsgetränkt.

Mittlerweile steht Weisswein auf dem Tisch und Faber spricht über Sizilien, Belgrad und Marina Abramovic. Auf Fragen antwortet er oft mit einer Gegenfrage, und der Aschenbecher wird bereits zum zweiten Mal geleert. Er ist die schöne Antithese zu all den selbstsüchtigen Selbstoptimierern, von denen es gerade so wimmelt. Diejenigen, die in jeder freien Minute ins Fitnessstudio rennen, um auch den letzten Fehler der Natur zu korrigieren. Faber, so vermutet man, liest dann lieber ein Buch und raucht dazu.

Das Übertriebene in seiner Musik begleitet Julian Pollina scheinbar halt auch in seinem Leben. Zur Zeit humpelt er. Ein Velounfall spätnachts – die Strasse sei nass gewesen, aber natürlich habe er etwas getrunken. Ganz erwachsen will der Mann also im Moment noch nicht sein.

«Glück ist eine Einstellungssache»

Faber nennt sich Faber unter anderem wegen «Homo Faber» von Max Frisch. Wir haben dem Zürcher einige Fragen aus dem Fragebogen von Frisch gestellt:

Hätten Sie lieber einer anderen Nation angehört?

Nein.

Überzeugt Sie Ihre Selbstkritik?

Nein. Bei Selbstkritik schwingt immer mit, dass man gerne selbstkritisch wäre, aber man ist es eigentlich gar nicht. Der Wille zur Selbstkritik ist oft grösser als die Selbstkritik selbst.

Hassen Sie leichter im Kollektiv oder eine bestimmte Person, und hassen Sie lieber allein oder im Kollektiv?

Ich glaube, man hasst viel lieber im Kollektiv und viel lieber gegen Kollektiv. Das ist auch deutlich einfacher und wird ja auch immer ausgenützt von der Politik.

Lieben Sie jemanden?

Ja.

Und woraus schliessen Sie das?

Ich weiss es nicht genau. Vielleicht ist es ein guter Indikator, dass manchmal meine Gedanken ausschliesslich um diese Person kreisen.

Was fehlt Ihnen zum Glück?

Ich glaube, dass Glück eine Einstellungssache ist.

(mg)

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