POP: Heinzmann: «Die Gefühle müssen raus»

Sie ist immer noch da und singt besser denn je: Stefanie Heinzmann (24) verrät, warum sie kein Retortenstar ist, dass sie von einem Leben mit Hund, Mann und Haus träumt und weshalb sie keine Skandalnudel ist.

Interview Robert Bossart
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«Ich bin zufrieden mit mir und glücklich – auf das kommts an.» (Bild: Philipp Schmidli)

«Ich bin zufrieden mit mir und glücklich – auf das kommts an.» (Bild: Philipp Schmidli)

Ich habe mir alle Mühe gegeben und fast alles über Sie gelesen. Aber ich fand nichts, das an Ihnen auszusetzen wäre. Sie sind quirlig, lebendig, kommunikativ, singen umwerfend und wirken sympathisch. Ein Engel?

Stefanie Heinzmann: Nein, aber ich habe einfach Freude am Leben. Klar gibt es auch bei mir Tage, an denen ich mal mit dem falschen Fuss aufstehe. Aber ich finde es dann jeweils nicht so schlimm. Die schlechten Tage gehören genauso wie die guten auch zum Leben.

Ein rundum glücklicher Mensch?

Heinzmann: Ja, ich bin total glücklich – mit all meinen Höhen und Tiefen.

Und wie machen Sie das?

Heinzmann: Ich versuche stets, meine Gefühle sofort auszuleben. Ich bin nicht der Typ Mensch, der die Sachen in sich hineinfrisst.

Dann erlebt Ihr Umfeld Sie auch, wenn Sie verärgert sind?

Heinzmann: Ich bin nicht so der aggressive Typ, wenn ich wütend bin, bin ich vielleicht etwas gedämpfter. Der Punkt ist, dass ich meine Gefühlslage ganz offen kommuniziere, alle wissen immer, woran sie bei mir sind. Das hat sich bewährt.

Können Sie streiten?

Heinzmann: Es gibt nur einen Menschen, mit dem ich streiten kann: mit meinem Bruder. Eigentlich sind es zwei: Mit meinem musikalischen Direktor, der mittlerweile mein bester Freund ist, geht das auch ganz gut.

Über Sie wird auch kaum getratscht und geklatscht, Skandale gibt’s auch keine. Zudem liest man von Ihnen, dass Sie nicht rauchen, nicht trinken und auf keine Partys gehen. Wenn Sie zu Hause sind, schauen Sie Fernsehen. Sind Sie langweilig?

Heinzmann: Nein, ich bin einfach eine Chillerin (lacht). Im Ernst: Mein Leben ist alles andere als langweilig – ich bin so viel mit Menschen zusammen, bin viel unterwegs und darf so viel erleben und machen. Wenn ich dann mal frei habe und zur Ruhe komme, bin ich einfach froh, zu Hause zu sein.

Sie haben mit 18 bei Stefan Raab eine Casting-Show gewonnen – und sind einige der wenigen, die nicht wieder spurlos verschwunden sind. Warum sind Sie immer noch da?

Heinzmann: Eine gute Frage. Zuerst einmal ist Stefan Raab einer, der die Musik liebt, die Leute wissen, dass es nicht einfach eine billige Show ist, die er macht. Und dann hatte ich das Glück, dass ich von Anfang an meinen Bruder mit dabei hatte. Wir zwei hören einfach nicht auf und bleiben immer dran. Mittlerweile sind sechs Jahre vorbei, wir sind ein grosses Team mit Booking Agentur, Management und einer Band, die von Anfang an mit mir auf Tour ist. Diese ganze «Blase» an Leuten um mich herum – wir sind ein richtiges Team, alle haben Bock darauf, etwas Tolles auf die Beine zu stellen. Es macht so viel Spass, und das will ich nicht aufgeben.

Sie sind im Moment daran, ein neues Album – Ihr viertes – aufzunehmen. Wirds gut?

Heinzmann: Klar fragt man sich, ob es überhaupt jemanden interessieren wird, es bleibt also spannend. In den USA und in London haben wir sehr viele Lieder geschrieben, da sind wirklich viele neue geile Songs entstanden.

Zweifeln Sie oft?

Heinzmann: Ich bin eigentlich keine Zweiflerin. Ich würde mich als optimistische Realistin einschätzen. Man weiss ja, wie schnelllebig das Musikgeschäft ist. Wie Sie angetönt haben, gibt es keine Skandale rund um meine Person, das kann ja auch langweilig wirken. Möglich, dass der Tag kommt, an dem sich niemand mehr für mich interessiert.

Haben Sie Angst davor?

Heinzmann: Nein, vor allem ist das sicher kein Grund, plötzlich irgendwelche Geschichten um meine Person zu erfinden. Ich glaube, es war vor dem dritten Album, als Leute aus der Musikbranche auf mich zukamen und sagten: Jetzt müssen wir uns schon langsam was überlegen, gibt es nichts, was wir als Geschichte über dich rausbringen könnten, um das Album zu promoten?

Und?

Heinzmann: Das widerstrebt mir total.

Ihre Brille, Ihre Piercings und Ihre Kleidung sind immer noch fast gleich wie vor sechs Jahren. Wie es scheint, lassen Sie sich nicht gerne verbiegen.

Heinzmann: Ich habe einfach rasch gemerkt, dass ich es nicht allen recht machen kann. Als ich bekannt wurde, sagten die einen, dass mein Outfit cool sei, andere fandens langweilig, ich solle doch etwas aus mir machen, ich sehe aus wie ein Botsch.

Botsch?

Heinzmann: Das ist Walliser Dialekt und heisst Bub (lacht). Aber auch wenn ich mal in hohen Absätzen an einen Anlass gehe, finden es die einen toll und die anderen sind entsetzt. Ich merkte, dass ich es vor allem schaffen muss, es mir selber recht zu machen und nicht allen anderen. Was schon schwer genug ist. Die Frage, was ich bin und wer ich sein will, ist nicht so einfach zu beantworten.

Haben Sie eine Antwort gefunden?

Heinzmann: Ich muss mich, so wie ich bin, wohl fühlen. Und das tue ich.

Lassen wir mal das Äussere. Warum singen Sie eigentlich so gut?

Heinzmann: Im Teenager-Alter habe ich richtig angefangen zu singen. Und ich merkte, dass es mir Spass macht und mich erfüllt. Aber ich habe meine Stimme zuerst gar nicht gut gefunden und mich richtig geschämt. Mit der Zeit konnte ich das ablegen, dann habe ich jeden Tag gesungen – bis mein Musiklehrer meinte, ich solle Gesangsunterricht nehmen. Und auf einmal sang ich in drei Chören, machte in Musicals und Schülerprojekten mit und so weiter.

Kein Retortenstar also?

Heinzmann: Ich war nie ein besonders selbstsicherer Mensch und habe mich wie gesagt immer auch ein wenig geschämt für meinen Gesang. Darum habe ich nie von mir aus gefunden: So, ich werde jetzt Sängerin. Mein Plan war, irgendeinen Bürojob zu machen und nebenbei etwas zu singen. Nun bin ich extrem froh, dass mir das Schicksal in den Hintern getreten hat und ich in diese Castingshow hineingeriet (lacht).

Vor ein paar Jahren mussten Sie Ihre Stimmlippen operieren. Singen Sie heute mit einer anderen Technik?

Heinzmann: Ich hatte mit 18 einen Bandscheibenvorfall und musste mich operieren lassen. Während der Raab-Show hatte ich erneut Probleme damit. Die Stimme ist ein Instrument, die im Körper ist – wenn der nicht fit ist, ist es auch die Stimme nicht. Wir Sängerinnen scheinen immer so superheikel zu sein. Aber wenn ich übermüdet bin, werde ich heiser, wenn ich verspannt bin, auch. Darum hat sich mit den Rückenproblemen meine Technik arg verschlechtert. Aber heute bin ich gesund und kann darum befreit singen.

Sie sind eine junge Frau und haben in den letzten Jahren schon Hunderte von Interviews geben müssen. Wären Sie froh, einmal so berühmt zu sein, dass Sie keine Medientermine mehr wahrnehmen müssen?

Heinzmann: Ich weiss nicht. Es ist für mich nicht so, dass ich denke: Oh nein, schon wieder ein Interview! Es ist etwas Schönes, wenn ein Interesse spürbar ist. Und mir liegt ja auch etwas daran, dass die Menschen erfahren, wer ich bin und was ich für Musik mache. Aber früher hatte ich vor jedem Interview Angst. Ich dachte, die wollen rausfinden, was an mir nicht cool ist. Heute ist das anders.

Wie denn?

Heinzmann: Voll easy! (lacht)

Nächsten Samstag geht die zweite Staffel von «The Voice of Switzerland» los. Hand aufs Herz: Warum machen Sie da mit? Geht es einfach darum, im Fernsehen präsent zu sein?

Heinzmann: Als das Fernsehen mich vor zwei Jahren das erste Mal anfragte, war für mich klar, dass ich nicht mitmachen wollte. Ich fühlte mich zu jung und dachte, dass ich doch nicht die Anwärter einfach so beurteilen könne. Dann habe ich das Konzept gelesen und gemerkt, dass das eine gute Sache ist. Es ist nicht nur das, was der Zuschauer am Fernsehen sieht, ich arbeite mit meinem Vocalcoach und Produzenten mit den Kandidaten intensiv an ihrer Stimme und Performance. Das macht unheimlich Freude. Darum mache ich auch jetzt wieder mit.

Sind Sie eine gute Gesangslehrerin?

Heinzmann: Nein, ich singe lieber selber. Aber ich denke, auf der emotionalen Ebene bin ich ein guter Coach.

Sie sind viel in Deutschland und zeichnen ein anderes Bild von den Deutschen, als es viele Schweizer haben. Nichts von zackig und unfreundlich ...

Heinzmann: Am Anfang fand ich sie auch arrogant und so. Dann arbeitete ich mit ihnen zusammen und merkte, dass sie viel einfacher gestrickt sind als wir. Wenn ich im Studio bin und einen Song einsinge, dann sagt der Schweizer Tonmeister: Stefanie, das war super, gleich noch einmal. Dann singe ich es nochmals genau gleich und er sagt nochmals das gleiche. So geht das stundenlang weiter. Der deutsche Studiomann sagt nach dem ersten Mal: Das war Scheisse, da und da musst du anders singen. Dann singe ich es beim zweiten Mal gleich viel besser.

Sind die Schweizer zu umständlich?

Heinzmann: Ich liebe die Schweizer, ich bin ja auch eine Vollschweizerin, aber wir mögen es halt kompliziert. Die Deutschen sind viel direkter, deswegen aber genau so lieb wie die Leute hier auch.

Sie stehen nun seit Jahren im Rampenlicht. Sind Sie immer noch die gleiche geblieben?

Heinzmann: Irgendwie schon, ich wohne immer noch im Wallis, habe immer noch die gleichen Kollegen. Natürlich habe ich mich weiterentwickelt. Ich war früher komplizierter und unsicherer. Heute ist es aber schon schwierig, sich selber zu bleiben. Im Internet tut jeder über jeden seine Meinung kund. Unglaublich, wie viele Menschen sich über – was weiss ich – meine kleinen Brüste und meinen dicken Arsch unterhalten.

Wie bitte?

Heinzmann: Ja, und in solch einer Welt gilt es, den Überblick zu behalten und nicht aus den Augen zu verlieren, um was es geht.

Um was geht es?

Heinzmann: Sein eigenes Leben leben und das schätzen, was man hat. Man kommt nicht auf die Welt mit einer Wunschliste, wie man gerne aussehen und sein möchte. Ich bin zufrieden mit mir und glücklich – auf das kommts an.

Wie sind Sie als Mensch?

Heinzmann: Ich bin eigentlich scheu, kann aber auch extrem laut sein. Es gibt Tage, an denen ich lustig bin, an anderen habe ich gar keinen Humor. Ich bin ehrlich zu mir selber und schäme mich nicht für meine Macken.

Vor Jahren sagten Sie, Sie seien «nahe am Wasser gebaut». Hat sich das mit gebessert?

Heinzmann: Wo denken Sie hin? Die Gefühle müssen raus, auch die Tränen. Sonst bekommt man nur ein Magengeschwür.

Die Walliser sind fast alle unglaubliche Liebhaber ihrer Heimat. Sie auch?

Heinzmann: Aber sicher. Gestern bin ich acht Stunden Auto gefahren von Deutschland ins Wallis. Heute in aller Frühe reiste ich los nach Luzern. Verkehrstechnisch ist das Wallis «pain in the ass» – eine Qual. Aber ich liebe das Wallis, hier bringt mich niemand weg. Ich werde auch meine Kinder hier aufziehen.

Darauf wollte ich Sie auch noch ansprechen: Ihr grösster Traum ist – neben der Musik – ein Haus, ein Mann, Kinder, Hund, Enkel – und das alles in Ihrem Heimatort. Verzeihen Sie, aber das tönt ja richtig bieder.

Heinzmann: Ich bin generell sehr gespannt, was das Leben mir noch so alles bringt. Aber Kinder wünsche ich mir auf jeden Fall. Und der absolute Luxus wäre es noch, wenn dazu noch der richtige Typ mit dabei wäre (lacht).

Den richtigen Mann gibt es derzeit nicht an Ihrer Seite?

Heinzmann: Nein, aber wie gesagt: Das Leben bringt, was es will. Eine Katze will ich übrigens auch mal. Ich bin zwar noch allergisch – aber ich arbeite dran (lacht).

Warum sind so viele Walliser Fan vom Wallis?

Heinzmann: Es ist immer sonnig, immer chillig. Und es ist einfach eine Stufe entspannter als etwa im hektischen Zürich. Alles geht langsamer, das liebe ich.