POP: Heinzmann: «Songwriterin werde ich nie»

Die Walliserin Stefanie Heinzmann (26) veröffentlicht ihr viertes Album. Es ist eine sanfte Weiterentwicklung ihres Sounds. Das steht ihr ganz gut.

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Sommersprossen hat Stefanie Heinzmann genügend. (Bild: PD/Universal Music)

Sommersprossen hat Stefanie Heinzmann genügend. (Bild: PD/Universal Music)

Michael Graber

«Frau Heinzmann, können wir ein Autogramm haben oder ein Selfie machen», fragt die Frau am Nebentisch. Was auch nicht weiter verwunderlich wäre, wenn es sich dabei nicht um eine gesetztere Dame handeln würden – im schweren Pelzmantel. Stefanie Heinzmann macht mit und lächelt anschliessend auch noch mit der Mutter der Pelzträgerin in die Handykamera.

Die Walliserin wirkt dabei erfreulich echt. Ihr Lächeln ist längst nicht so aufgesetzt wie bei vielen anderen Popstars. «Ich mache nur, was mir passt», sagt Heinzmann. Ihr passt vieles. Das mag mit einer gewissen Professionalität nach sieben Jahren im Geschäft zu tun haben, aber auch damit, dass hier einem eine interessierte junge Frau gegenübersitzt, mit der man auch über gute Grippemedikamente schwatzen kann.

Sanfte Renovation

Der Grund für die lockere Plauderei ist Heinzmanns neues Album «Chance of Rain». Es ist ihr viertes und ihr erstes nach drei Jahren – was für Popstars eine halbe Ewigkeit ist. «Entstanden ist es quer durch die Welt», sagt Heinzmann. Los Angeles, London, Köln. Dabei hat Heinzmann mit diversen Leuten zusammengearbeitet. Neuen und alten Songwritern und Produzenten. Kein Wunder, klingt «Chance of Rain» etwas anders, etwas ungewohnt. Die Motown-Elemente sind weniger geworden (sie sind aber schon noch da), das ganze wirkt einen Hauch moderner, auch mit ein bisschen Elektronik wird gespielt.

Doch wie viel Stefanie Heinzmann steckt noch in diesem Sound? «Ich habe ja nie ganz alleine an den Alben gearbeitet», sagt die 26-Jährige, «eine Songwriterin werde ich nie. Aber ich bringe mich immer ein und sage auch, wenn mir was nicht passt.»

Bei der sanften Renovierung hat sich das wichtigste Mittel ihrer Musik aber nicht geändert: Die Stimme. Heinzmann hat neben Kraft viel Ausdruck in ihrem Organ, auch darum setzt sie sich deutlich von anderen Castingsiegern ab – Heinzmann gewann einst ein Casting bei Stefan Raab in der Sendung.

Nach dem schnellen Aufstieg folgte bei Heinzmann auch der Fall. Allerdings nicht der musikalische, sondern der gesundheitliche: Der Rücken und die Stimme machten nicht mit, Operationen wurden nötig und zwangen die zwirblige Sängerin zu einer Pause. Mittlerweile ist alles wieder besser, «also eigentlich ganz gut», lacht Heinzmann. Aber ein gewisser Respekt schwinge jetzt immer mit, und sie sei sensibler auf Zeichen ihres Körpers geworden.

Grosswetterlagen

Das (vermeintlich) unbekümmerte Mädchen bleibt sie aber auch auf «Chance of Rain». Sie singt von den typischen Wetterlagen, die ein junger Mensch durchläuft. Von stürmischen Momenten bis zu Tagen mit komplett wolkenlosem Himmel, wo man sich vor lauter Sonne kaum retten kann. «Ich habe noch nie so viel Persönliches in die Songs gesteckt», sagt Heinzmann. Natürlich steckt viel Liebe drin, aber auch einige Zweifel.

Persönliches von Heinzmann weiss man sonst wenig. Sie versteht es bestens, so viel preiszugeben, wie sie will. «Grundsätzlich gebe ich auf alles eine Antwort, wenn ich gefragt werde», so Heinzmann, «es muss mich einfach interessieren. Und es interessiert mich jetzt einfach nicht sonderlich, wer welche Freundin oder Freund hat.» Die Lust, nachzubohren, hält sich da rasch in engen Grenzen – zumal sie ja eigentlich Recht hat: Für ihre Musik ist es schlussendlich komplett irrelevant, ob sie in festen oder irgendwelchen anderen Händen ist.

Sowieso: «Mich selber zu bleiben, war mir immer wichtig», sagt Heinzmann. Manchmal fuchse es sie ein bisschen, dass ein Foto von ihrem ungeschminkten Gesicht am frühen Morgen mehr Likes kriege, als wenn sie ein Foto aus dem Studio poste, «aber deswegen fotografiere ich mich sicher nicht extra im Bikini am Strand.»

Vielleicht wirkt Heinzmann darum auch so seltsam erfrischend in dieser überzuckerten Popwelt. Sie wohnt noch immer im Wallis, in der Nähe ihrer Eltern, und sieht lieber fern, als sich auf Cüpli-Anlässen zu tummeln.

«Es muss Eier haben»

Auch deswegen kann sie Dinge sagen wie: «Es sollte Eier haben», und es wirkt nicht peinlich. Sie sagt das über ihr neues Album und meint wohl Ecken und Kanten. An denen hat Heinzmann auf «Chance of Rain» sicherlich gewonnen. Austauschbar wirkt ihr Pop mit viel Funk nur selten, egal gar nie, aber richtig mitreissend auch nicht immer. Eier hats. Aber halt nur so viel Eier, dass auch die alte Frau im Pelzmantel noch gerne ein Selfie macht.

Stefanie Heinzmann: Chance of Rain (Universal)

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