POP: «Ich lass mich nicht festnageln»

Josef Salvat schaffte es mit einem Cover zu grosser Aufmerksamkeit. Ein Gespräch über die Kraft von Werbung und über sexuelle Orientierungslosigkeit.

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«Der Erfolg mit ‹Diamonds› ist toll, aber er bringt auch eine komplett neue Art von Druck für mich», sagt Josef Salvat (27). (Bild: PD/Sony)

«Der Erfolg mit ‹Diamonds› ist toll, aber er bringt auch eine komplett neue Art von Druck für mich», sagt Josef Salvat (27). (Bild: PD/Sony)

Interview Steffen Rüth

Josef Salvat, mit Ihrer schönen, schlichten Version von Rihannas «Diamonds» sind Sie vor einem Jahr aus dem Nichts gleich ganz weit nach oben geschossen. Wie ist der Song entstanden?

Josef Salvat: Sehr schnell. Rich Cooper, der auch mein ganzes «Night Swim»-Album produziert hat, und ich haben das Lied an nur einem Tag fertig aufgenommen. Ich wollte immer schon einen Coversong machen, und «Diamonds», das ja von Sia geschrieben wurde, ist eines meiner Lieblingslieder.

Die wenigsten Youtube-Coversongs werden zu weltweiten Hits. Wieso Ihrer?

Salvat: Das Internet hat gar nicht viel damit zu tun gehabt. Sondern viel mehr die gute, alte TV-Werbung, in meinem Fall für Fernsehgeräte. Plötzlich lief der Song ständig, und dann verliebten sich Radiosender in Deutschland in das Lied, und plötzlich hatte ich innerhalb eines Tages 14 000 neue Freunde bei Facebook. Da war mir klar, das wird was.

Haben Sie auf Ihrem Album bewusst keine weiteren Coverstücke aufgenommen?

Salvat: Oh ja. Ich bin noch ganz neu, ich will nicht als der Typ mit den Coverhits in die Geschichte eingehen, sondern mit meinen eigenen Liedern überzeugen. Der Erfolg mit «Diamonds» ist toll, aber er bringt auch eine komplett neue Art von Druck für mich. Rich und ich haben mit Unterbrechungen zwei Jahre an «Night Swim» gearbeitet, geplant war ein kleines Album eines jungen Singer/Songwriters, eher Indie als Mainstream. Aber mit so einem Hit schürst du bei allen Beteiligten die kommerziellen Erwartungen, und dem muss ich mich jetzt stellen.

«Night Swim» ist ein sehr facettenreiches Popalbum. Angst vor dem One-Hit-Wonder-Fluch müssen Sie nicht haben. Einige Songs sind sehr poppig-dynamisch, andere ziemlich ruhig und nachdenklich. Woher kommt diese Vielseitigkeit?

Salvat: Ich bin einfach unwillig, mich festnageln zu lassen. Die Songs habe ich über einen langen Zeitraum geschrieben, Musik war ja eigentlich nur mein Hobby. Deshalb hören die sich auch sehr unterschiedlich an. «Hustler» zum Beispiel ist schon acht Jahre alt, das Lied komponierte ich an der Uni in Canberra.

Sie sind in Sydney geboren, haben in Canberra Jura studiert, sind nach Barcelona gezogen und leben jetzt in London. Wie kam das?

Salvat: Die Eltern meines Vaters sind aus Katalonien nach Australien ausgewandert, ich habe in Barcelona also familiäre Wurzeln. Eigentlich wollte ich nach London, weil der Drang, Musik zu machen, immer heftiger wurde, habe mich aber nicht getraut. Barcelona erschien mir als guter Zwischenschritt: billiger, wärmer, mit Strand und von Australien aus betrachtet ganz nah an London dran.

Haben Sie je als Jurist gearbeitet?

Salvat: Nein, das Studium habe ich abgeschlossen, aber ausser ein paar Praktika habe ich keine juristische Erfahrung. Ich glaube, ich und Anwalt, das wird nichts mehr.

Im Video zu «Hustler» machen Sie sowohl mit Mädchen als auch mit Jungs rum. Ist das Ihre Art zu sagen, dass Sie bisexuell sind?

Salvat: Das sollte kein grossartiges Statement werden, und als bisexuell sehe ich mich auch nicht so wirklich. Ich weiss nicht, was ich bin, und ich brauche auch keine Etiketten auf meiner Sexualität. Es ist jetzt nicht so, dass ich sage «Hey, schaut her, ich liebe auch Jungs», und dieses Bekenntnis dann versuche, in Verkaufserfolge umzusetzen, so wie es viele Kollegen gerade machen. Ich muss auch keine Schulterklopfer haben, die mir sagen, wie progressiv und mutig ich bin.

Warum dann dieses Video?

Salvat: Ich wollte bloss ehrlich sein. Erst sollte ich nur Mädchen küssen, aber ich dachte, das bin nicht ich. Also bauten wir die Jungs mit ein.

Hat Sie Ihre Sexualität als Jugendlicher verwirrt?

Salvat: Na klar. Als ich aufwuchs, war ich sehr durcheinander. An einem Tag denkst du «Ich bin hetero, weil ich eine Freundin habe», am nächsten «Jetzt habe ich mit einem Jungen geschlafen, dann bin ich wohl schwul». So ging das eine ganze Weile, bis ich ungefähr 23 war und wusste, dass es egal ist, dass ich keine feste Identität brauche, sondern dass alles im Fluss ist.

Josef Salvat: Night Swim (Sony)
Bewertung: 4 von 5 Sternen