POP: «Ich will mich jetzt zur Ruhe setzen»

Mit anderen Schweizer Musikern war Polo Hofer (68) an einer Rock & Blues Cruise auf hoher See. Doch vom «Zirkus» namens Musik- business hat er genug.

Interview Stefan Künzli
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Polo Hofer präsentiert auf der Rock & Blues Cruise sein neues T-Shirt. (Bild: PD)

Polo Hofer präsentiert auf der Rock & Blues Cruise sein neues T-Shirt. (Bild: PD)

Mit gut 30 Bands war die 5. Rock & Blues Cruise bis letzten Sonntag eine Woche lang unterwegs, auf einem Kreuzfahrtschiff im Mittelmeer. An Bord: viele bekannte Namen der Schweizer Musikszene, von Philipp Fankhauser über Adrian Stern bis zu Chica Torpedo und Les Sauterelles, dazu auch Innerschweizer Gäste wie Dada Ante Portas, die Dusty Boots, Richard Koechli, Fabian Anderhub sowie die amerikanischen Chartsstürmer Hot Chocolate. Und mit Polo Hofer (68) kreuzte auch der Altmeister des Berner Mundartpop durchs Mittelmeer.

Polo Hofer, haben Sie auf der Rock & Blues Cruise auch Neues und Überraschendes entdeckt?

Polo Hofer: Eine Entdeckung ist sicher die in Zürich lebende Nigerianerin Justina. Sie ist als Gast auf die Cruise gekommen und hat in Gastauftritten voll eingeschlagen. Erfreulich ist zudem, wie sich Bruno Dietrich entwickelt. Ich kenne ihn seit Kindsbeinen, und er hat als Sänger, Schlagzeuger und Keyboarder alles, was es braucht: Talent, Persönlichkeit und Charisma. Eine richtige Bühnensau. Magische Momente hat es zudem in den Konzerten von James Gruntz und Sandra Rippstein gegeben.

Ihr generelles Fazit?

Hofer: Auffällig ist, wie viele hochklassige Musiker es in der Schweiz hat. Ein Heer von Gitarristen wie Marc Gerber, Richard Koechli, Mario Capitanio oder Fabian Anderhub, die punkto Virtuosität oder Sound ihre ganz persönliche Note einbringen. Aber auch die Keyboarder Chris Heule, Hendrix Ackle und Hans-Peter Brüggemann können es auf internationaler Ebene problemlos mit allen aufnehmen. Dabei haben wir auf der Cruise nur einen kleinen Ausschnitt gesehen. In der Schweiz gibt es gemäss dem Bandportal mx3 16 000 registrierte Bands.

Dabei steckt die Musikindustrie in einer grossen Krise.

Hofer: Das betrifft ja eigentlich nur die Tonträger-Industrie. Man verkauft zwar immer weniger Tonträger, aber umso mehr Musiker und Bands gibt es. Das ist diskrepant. Man muss sich alles neu überlegen. Die Konzerte werden wichtiger und der Verteilkampf grösser. Fazit: Die Schweizer Musikszene ist lebendig, aber sie rentiert nicht.

Man muss sich als Musiker den neuen Bedingungen anpassen.

Hofer: Genau. Musik ist ein Urbedürfnis. Mehr noch: Sie war noch nie so präsent wie heute. Und gerade das Internet eröffnet neue Möglichkeiten zur Promotion. Die Abhängigkeit von den Labels hat abgenommen. Musikerinnen und Musiker können vieles selber machen und Knebelverträge mit Major-Label umgehen. Sie müssen allerdings auch eine Ahnung von Marketing haben. Es genügt heute nicht mehr, gut singen zu können und gut auszusehen.

Bekannte Musiker sind in diesem Konkurrenzkampf im Vorteil.

Hofer: Sicher. Trotzdem stossen erfreulich viele Newcomer nach, die den Alten einheizen. Pegasus, 77 Bombay Street, Bastian Baker und Co. Wer ausruht, hat schon verloren.

Ist denn alles nur gut?

Hofer: Es hat in der Menge auch viel Schrott. Komponisten, die sich an Radio Energy orientieren und Songs auf dem Reissbrett oder dem Compi kreieren. Konstrukte, die mit Fantasie, Kreativität und Originalität nichts zu tun haben. Dazu werden die Texte immer armseliger. Kinderlyrik, vieles ist so banal. Oberflächliches Beziehungsgesülze ohne gesellschaftliche Relevanz. Da ist Steff la Cheffe ein Lichtblick.

Aber sie sagt auch: «I ha ke Ahnig.»

Hofer: Das ist aber wieder interessant. Denn sie bringt die Überforderung der jungen Generation zum Ausdruck. Sie fühlt sich nicht kompetent. Wahrscheinlich flüchtet sich diese Generation genau deshalb ins Belanglose. Die junge Pop-Generation ist ein Abbild einer entpolitisierten Generation. Es scheint, dass diese Überforderung und das Desinteresse auch eine Wohlstandserscheinung ist. Dabei gäbe es genug Probleme und Anlässe, Stellung zu beziehen und kritisch zu hinterfragen. Die heutige Generation ist das Gegenteil der 68er-Generation, die für sich in Anspruch nahm, alles besser zu wissen.

Wie reagieren Sie persönlich auf die veränderten Bedingungen im Musikbusiness?

Hofer: Ich bin froh, dass ich nicht mehr muss. Überhaupt: Ich will mich jetzt zur Ruhe setzen. Ich mag bei diesem Zirkus nicht mehr mitmachen. Ich trete zwar immer noch gern auf, will aber nicht mehr touren. Das ist auch eine körperliche Kraftfrage, das Alter macht sich bei mir schon bemerkbar. Dazu muss ich alle drei Monate ins Spital zur Kontrolle. Ich habe seit meiner Bauchspeicheldrüsen-Erkrankung Zucker. In diesem Jahr werde ich deshalb nicht auf Tour gehen. Hier auf dem Schiff haben die letzten Konzerte stattgefunden.

Wirklich?

Hofer: Ja, dafür habe ich andere Eisen im Feuer. Ich bin in die Werbebranche gewechselt und habe Spots für die Post Finance und mit Knackeboul für Edelweiss gedreht. Die Werbebranche ist auch eine mögliche Einnahmequelle für Popmusiker. Aber natürlich erst, wenn man einen gewissen Status hat. Ich stelle mein Gesicht zur Verfügung. Die Zeiten haben sich geändert. Früher wäre ich in der Szene als Kommerzschwein betitelt worden. Diese linke Haltung ist aber verschwunden. Die heutige Generation hat keine Angst mehr vor dem Kommerz.

Wie steht es mit Ihrem letzten Album?

Hofer: Es steht noch nichts. Ich bin am Sammeln von Ideen. Das ist nun mein Hobby als Pensionär.

Wie wärs mit einem Album von Polo Hofer und Hanery Amman als Schlusspunkt? Damit würde sich der Kreis schliessen.

Hofer: Schon, aber zuerst hoffe ich, dass wir Schweizer Musiker kein Tributalbum machen müssen. Das Wichtigste ist, dass Hanery die Operation gut übersteht und wieder gesund wird. Ich drücke ihm die Daumen. Er hat ja ein ganzes Archiv, eine Schatztruhe von unveröffentlichten Songs.