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POP: Luzerner Original war der König der Backstage-Zone

Freddy Vonwyl suchte die Nähe der Stars – und fand sie. Das Luzerner Original war bestens vernetzt und erfüllte auch delikate Sonderwünsche. Jetzt sind einmalige Erinnerungsstücke aufgetaucht. Über einen Mann, der vor keiner Dreistigkeit zurückschreckte.
Samuel Mumenthaler
Stets zu Diensten: Freddy Vonwyl als selbst ernannter Bodyguard von Jimi Hendrix 1968 in Zürich. (Bild: PD)

Stets zu Diensten: Freddy Vonwyl als selbst ernannter Bodyguard von Jimi Hendrix 1968 in Zürich. (Bild: PD)

Samuel Mumenthaler

kultur@luzernerzeitung.ch

Um ihn kamen nachtaktive Menschen in den 1960er- bis 1980er-Jahren nicht herum: Freddy G. Vonwyl war überall, wo die Erfolgreichen waren. Bescheidenheit war nicht die Hauptstärke des Luzerners. Im damals noch identitätsstiftenden Telefonbuch der PTT fungierte er als «Direktor», laut Visitenkarte war er in der «promotion of international managements» tätig. Wovon er wirklich lebte, wollte niemand so genau wissen.

Doch in den Nachtclubs und Backstagezonen, vom Hazyland bis zum Hallenstadion, war Vonwyl omnipräsent. Sänger Rod Stewart trug ihn anlässlich eines Konzerts der Jeff Beck Group 1968 in Luzern eigenhändig auf die Bühne – Freddy trug standesgemäss einen Gold-Lamé-Anzug. Angeblich soll er es in St. Moritz einmal gar an den Tisch des Schahs von Persien geschafft haben.

Wie ein Chef liess er Leute des Lokals verweisen

Wie Woody Allens Filmfigur Zelig im gleichnamigen Film grinste Vonwyl immer von irgendwo ins Bild, zusammen mit den Schönen und Coolen (und manchmal auch Reichen). Wenn er nicht auf der Gästeliste stand, konnte er sich so überzeugend empören, dass ihm dennoch ein Freieintritt als V.I.P. gewährt wurde. In gewissen Lokalen führte er sich gar so auf, als sei er der Chef.

Es konnte durchaus vorkommen, dass Freddy – stets krawattiert und in modern geschnittenen Anzügen auftretend – das Sicherheitspersonal anwies, eine ihm nicht genehme Person des Lokals zu verweisen. Auch vor Identitätswechseln schreckte er nicht zurück. Als der damalige «Pop»-Chefredakteur und heutige Multimillionär Jürg Marquard einmal um Einlass zu einer von ihm organisierten Veranstaltung ersuchte, wurde ihm beschieden, der Herr Marquard sei schon da. Freddy Vonwyl hatte sich unter seinem Namen angemeldet. Nicht überall kam sein selbstbewusstes Gebaren gut an: Die Zahl der Lokale, in denen Freddy als Persona non grata Hausverbot erhielt, stieg stetig.

Jimi Hendrix: «To Freddie – be groovy»

Dass er den Draht zu den Stars aber auch wirklich fand, zeigt Vonwyls Kollektion von Pop-Memorabilien, die fast 20 Jahre nach seinem Tod 1999 auf einer Website zugänglich gemacht wird, nachdem ein Luzerner Sammler Teile davon retten konnte. An den von ihm besuchten Anlässen hatte Vonwyl stets eine Aktenmappe dabei, in der er Schallplatten mitführte, die er sich unterschreiben liess – quasi zum Beweis seiner internationalen Starkontakte. Die Widmungen von AC/DC «To Freddy – thanks for everything» (siehe Bild rechts) über Jimi Hendrix («To Freddie – be groovy») bis zu Uriah Heep («We love ya!») zeigen, dass die Stars Gefallen am kauzigen Insider fanden.

Das lag auch daran, dass Vonwyl seine Kontakte bei der Befriedigung ihrer Begehrlichkeiten in Sachen Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll spielen liess. Laut dem verstorbenen Impresario Hans-Ruedi Jaggi (der die Rolling Stones, Jimi Hendrix und Muhammad Ali in die Schweiz holte) war Vonwyl der «beflissene Lieferant für alle Sonderwünsche der durchreisenden und ansässigen Musikprominenz, und er nützte sein Wissen bei Gelegenheit schamlos aus».

Wer Vonwyl unterschätzte, wurde unsanft eines Besseren belehrt. Freddy galt auch als Intrigant, und wer ihn zum Feind hatte, musste sich warm anziehen. Dank Insiderinformationen, die er sich bei ständigen Besuchen auf Agenturen, Zeitungsredaktionen und in endlos vielen Nachtclubs holte, konnte er fast jede Persönlichkeit des Showbusiness in Verlegenheit bringen – und zögerte im Zweifel keine Sekunde, es zu tun.

Der Lift rasselte mit Deep Purple in den Keller

Sein Alter hatte der 1919 in einfache Verhältnisse geborene Vonwyl stets verschwiegen. Als er am legendären Zürcher «Monsterkonzert» 1968 als «Bodyguard» von Jimi Hendrix unterwegs war, war er schon fast 50, ein biblisches Alter in der Zeitrechnung, welche die Rocker damals noch anwendeten. Dass er dennoch den Zugang zu den jungen Musikern fand, hatte Freddy seinem umgänglichen Wesen, seiner Dreistigkeit und seiner Grosszügigkeit zu verdanken. «Everything okay?», pflegte er laut Zeitzeugen die Stars in seinem Luzerner Englisch zu fragen, nachdem er sich ungefragt als «Famous Freddy» vorgestellt hatte. «You need something? Okay?» Gerne bewirtete er seine prominenten Schützlinge auch in seiner Wohnung in Luzern. Er zwängte sich mit ihnen in den engen Lift und verpflegte sie anschliessend mit erlesenen Köstlichkeiten, deren Herkunft allerdings nicht immer über alle Zweifel erhaben war.

Als er nach einem Auftritt die britischen Hardrocklegenden Deep Purple bei sich zu Hause zur grossen Party lud, schrieb Vonwyl laut Legende beinahe Popgeschichte: Der überladene Lift raste samt Band und Gastgeber in den Keller. Dass alle Beteiligten den rasanten Niedergang unbeschadet überlebten, grenzte an ein Wunder. Die Mitbewohner des Miethauses, in dem Vonwyl während Jahrzehnten lebte, waren wenig erbaut über den regelmässigen Star-Besuch und dessen Lautstärkepegel. Eine Kündigung seines Logis konnte Vonwyl nur rückgängig machen, indem er Abbitte leistete. «Sie verpflichten sich, sich strikte an die Hausordnung zu halten und auch dafür Sorge zu tragen, dass Besucher Ihrer Wohnung diesbezüglich keinerlei Anstände verursachen», stand im Abmahnschreiben der Hausverwaltung.

1999 starb Freddy Vonwyl in Luzern. Fast wäre er vergessen gegangen. Doch nun erzählen die Erinnerungsstücke aus seinem Nachlass seine Geschichte – und jene der Anfänge der Pop- und Rockmusik in der Schweiz.

Hinweis

Mehr musikalische Erinnerungsstücke aus dem Nachlass von Freddy Vonwyl sind aufwww.sams-collection.chzu sehen. Zur Komplettierung werden Fotos und weiteres Material gesucht. Kontakt via selbe Website oder sam@sams-collection.ch.

Stars mochten Vonwyl, hier Carl Wayne, Sänger von The Move. (Bild: Marcel Aeby Collection)

Stars mochten Vonwyl, hier Carl Wayne, Sänger von The Move. (Bild: Marcel Aeby Collection)

1968: Vonwyl (mit Sonnenbrille) und Manfred Mann samt Band. (Bild: PD)

1968: Vonwyl (mit Sonnenbrille) und Manfred Mann samt Band. (Bild: PD)

Zahllose Plattenhüllen liess sich Vonwyl mit persönlichen Widmungen versehen. (Bild: PD)

Zahllose Plattenhüllen liess sich Vonwyl mit persönlichen Widmungen versehen. (Bild: PD)

Vonwyls nur ganz leicht übertreibende Visitenkarte. (Bild: PD)

Vonwyls nur ganz leicht übertreibende Visitenkarte. (Bild: PD)

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