POP: Martina Linn - Wechselspiel der Emotionen

Die Singer-Songwriterin Martina Linn (24) hat ihr zweites Album veröffentlicht. Sie zeigt auch auf, wie viel Kraft in der Reduktion stecken kann.

Merken
Drucken
Teilen
Martina Linn hat wunderbar schlichte Songs. (Bild: PD/Tabea Hüberli)

Martina Linn hat wunderbar schlichte Songs. (Bild: PD/Tabea Hüberli)

Pirmin Bossart

«Stars will always be/up in the sky facing me», hebt eine zarte Stimme an, und bald schwingt eine weitere Stimme mit ein, dann die ersten Gitarrenklänge: Martina Linn eröffnet ihr zweites Album geradezu feierlich, um nicht zu sagen mit einer fast sakralen Intimität. Später kommen Streicher dazu und die «uhh uhhh uhhhs» der Stimme machen diesen Sehnsuchtsbolzen eines Songs perfekt.

Goldener Mittelweg

Erdiger und auch griffiger kommt der zweite Song: «Pocket Of Feelings» ist das Titelstück des Albums, und seine paar kernigen Gitarrenlicks erfreuen unser Herz. Der Song nimmt uns an der Hand und führt uns in die Wechselspiele des Lebens, zu diesen Auf und Abs, die unsere Emotionen prägen und die mehr als genug zum bevorzugten Stoff von Singer-Songwritern werden. Sehnsucht und Schmerz, Glück und Verzagtheit, Abschied und Neubeginn.

In der Entstehungszeit der neuen Songs habe sie extreme Gefühlslagen durchlebt, sagt Martina Linn. Manchmal sei sie euphorisch und glücklich gewesen, dann wieder das Gegenteil. «Es kam mir vor, als ob jeder Song von einem der beiden extremen Gefühle geprägt worden ist. Deshalb auch der Albumtitel.»

In diesem emotionalen Prozess habe sie gemerkt, dass sie eigentlich den goldenen Mittelweg suche. «Between the cold and the fire/between the desert and the snow/there ’s a place right down in the middle/most of us will never know», heisst es im Titelstück. Eigentlich, sagt die Singer-Songwriterin, fühle sie sich in der Mitte wohl. Und lächelt. «Aber bis du dorthin kommst, musst du auch die Extreme durchleben.»

Streicher und Bläser

Mit Christian Winiker (g), Andy Schnellmann (b), Mischa Maurer (piano, hammond) und Iwan Steiner (dr) hat Martina Linn eine kompetente Band hinter sich. Viele ihrer Stücke, die sie zunächst mit der Gitarre entwickelt und dann in den Übungsraum bringt, werden mit gemeinsamen Ideen arrangiert und auf den Punkt gebracht. Erstmals hat Linn für einige Songs Bläser- und Streicherarrangements geschrieben.

Bei dieser Komponier- und Arrangierarbeit habe sie von der Jazzausbildung profitieren können. «Ich habe dort gelernt, über schwierige Harmonien zu improvisieren und dadurch mein Gehör zu trainieren.» Sie hat Spass daran gefunden und träumt schon davon, auf einem nächsten Album noch mehr Bläser und Streicher einzusetzen. «Am liebsten würde ich mal für ein ganzes Orchester schreiben.»

Der Schreibende zaudert noch, das vorbehaltlos zu unterstützen. Erstens gefallen ihm auch auf diesem Album vor allem die schlichten Songs, und zweitens sieht er ohnehin nicht ein, warum heutzutage immer alle Musiker gleich so orchestral abfahren wollen. Natürlich: die Klangfarbenpalette. Der mächtige Sound. Aber: ein einzelnes elektrisches Gitarrenriff. Eine sparsam begleitete Stimme. Eine knappe Melodiefigur auf den akustischen Saiten, mit Verve gespielt: Wie viel Welt und Power kann darin sitzen!

Down To The City

Martina Linn ist stolz darauf, dass sie das Album gemeinsam mit ihrer Band live im Studio eingespielt hat. «Das war eine gute Entscheidung und wird uns auch an den Konzerten helfen.» Aufgenommen wurde im Soundfarm Studio von Marco Jencarelli in Obernau/Kriens, der ein sehr transparentes Soundbild realisiert und das Album auch produziert hat.

Stilistisch deckt «Pocket Of Feelings» ein eingängiges Americana-Spektrum ab, in dem sich Singer-Songwriter Pop, folkige Momente und countryeske Spuren vermischen. Zwischen allen Eigenkompositionen taucht plötzlich «Old Man» von Neil Young auf. Ein herausragender Song ist «Down To The City». Vielleicht ist er deswegen so berührend und handfest gelungen, «weil wir lange nicht wussten, was wir mit ihm wollten und ihn erst ganz am Schluss noch aufgenommen haben».

Der Song ist auch für Linn ein Beispiel, wie sie ihre Musik am liebsten hätte. «Wir haben ihn frisch von der Leber direkt eingespielt und ihn mehr oder weniger so gelassen. So möchte ich in Zukunft mit den Jungs arbeiten.» In solchen Prozessen entstehe etwas Magisches. «Man spürt, wie alle Musiker den Song von Herzen fühlen, während sie ihn spielen. Für solche Momente lebe ich.»

Mit Qualität

Nach drei Jahren Jazzschule in Basel ist Martina Linn zurzeit daran, an der Jazzabteilung in Luzern noch den Master zu machen. Daneben pusht sie ihr Projekt und möchte so viel als möglich Konzerte geben. So könne ihre Musik weiter wachsen. Das Material ist gut, viele Songs werden nach mehrmaligem Hören eher besser.

Trotzdem: Es gibt Hunderte von Singer-Songwriterinnen, die ihren Seelenstoff mal rauer, mal zerbrechlicher einem Publikum darbieten. Wie will sie sich angesichts dieser inflationären Produktionen noch Gehör verschaffen und als Musikerin ganz darauf setzen? Martina Linn lächelt. «Ganz einfach, und das soll jetzt nicht überheblich tönen: mit Qualität.»

Hinweis

Martina Linn: Pocket Of Feelings (Soundfarm).

Plattentaufe: 22. Oktober, 20.30, Treibhaus Luzern.
Bewertung: 4 von 5 Sternen