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POP: Melodien mit klopfenden Beats

Huck Finn haben ihr zweites Album rausgehauen: Melodiestarke Pop-Perlen, hinter denen grosse Sound-Sorgfalt blitzt. Und diese Stimme!
Martin Fischer (hinten) und Pidi Steger sind zusammen Huck Finn. (Bild: PD)

Martin Fischer (hinten) und Pidi Steger sind zusammen Huck Finn. (Bild: PD)

Pirmin Bossart

Es ist Freitag. Huck Finn veröffentlichen heute ihr neues Album. Im Helve­tiagärtli prasseln die ersten Regentropfen auf die Sonnenschirme, und unter den Sonnenschirmen leuchten kurz nach 18 Uhr zwei junge Männergesichter auf: «Hey, wir sind auf Platz 5 der iTunes-Hitparade!» Die erfreuliche News eines Kollegen wird sofort gecheckt und auf den Social-Media-Kanälen weiterverbreitet. «Before You Begin» heisst das Album, und es hat eingeschlagen, bevor es richtig begonnen hat.

Viel Sympathie

Die zwei Männergesichter gehören Peter «Pidi» Steger und Martin Fischer. Sie bilden den Kern von Huck Finn, die sich vor Jahren schon mit ihren ersten Songs in die Ohren der Schweizer Indie-Pop-Gemeinde geschrieben haben. Beide stammen aus Emmenbrücke. Fischer war Sänger bei Neviss, Steger machte seine eigene Musik mit Gitarre, Drumcomputer und Bandmaschine. Um 2007 taten sie sich mit einem elektronischen Musiker zu einem Trio zusammen. Inzwischen sind Huck Finn ein Quartett mit Simon Iten (b) und Rafi Woll (dr).

Huck Finn hatten von Anfang viel Sympathie und waren musikalisch pfiffiger und der süffigen Melodie gegenüber unverfrorener als andere, die im Zirkus der Song- und Charts-Akrobaten auf sich aufmerksam machen wollten. Da war immer dieser heimliche Drang, am perfekten Song zu tüfteln. Aber natürlich: Die beiden Huck Finn sind auch zwei wache Typen, die gut aussehen und intellektuell herumlümmeln können, ohne dass sie daraus gleich ein Hipster-Getue machen.

2008 gewannen Huck Finn die m4music Demotape Clinic. Drei Jahre später veröffentlichten sie ihr Debütalbum «Breaking In». Es wurde von Lunik-Frontmann Luk Zimmermann produziert und sorgte unter anderem mit dem Songknüller «Sofia» für begeisterte Kritiken. 2013 wurden sie mit Blind Butcher für die Förderung der Tankstelle Musik ausgewählt. Im gleichen Jahr erhielten sie von Stadt und Kanton Luzern einen Werkbeitrag von 20 000 Franken.

So viel Goodwill wird selten einer Band zuteil, die noch gar nicht über ein grösseres OEuvre verfügt oder noch keine längere Bandkarriere hinter sich hat. Bedeutete dies nicht einen gewissen Druck, das zweite Album anzugehen? Nein, sagt Steger, der Sänger. «Uns ist bewusst, dass unser Name relativ gut gesetzt ist. Aber wir haben auch diesmal gemacht, was wir können und was wir wollen.» Natürlich suchten sie schon auch «Wirkung und Feedback», sagt Martin, der Gitarrist. «Aber wir haben vor allem Spass am Musikmachen und lernen immer wieder Neues. Dieser Prozess ist für uns am wichtigsten.»

Raues Timbre

Das neue Album enthält zehn Songs, die Steger in relativ kurzer Zeit geschrieben hat. Es sind Songs mit bestechenden Melodien. Kommt hinzu, dass sie mit einer Stimme intoniert werden, der man sich schwerlich entziehen kann. Steger singt mit einem dunklen, leicht rauen Timbre, das mit Inbrunst ausgefüllt wird. Da sind Pathos und Gelassenheit drin, Zärtlichkeit und Melancholie, und immer ein grosses Gespür für die zwingenden Nuancen und Modulationen, die eine Melodie erst richtig verankern.

Die Melodien werden kontrastiert mit Beats, die mal happy dahintanzen («Sant Ferran», «Tranquilizer»), aber auch versetzter klopfen («Formentera Light ­Tower», «Afterwork») oder heftiger wuchten können («Put Some Flavor To It», «The Long Lost Union»). «In The Night» ist ein bombastisch aufgemotzter Quasi-Instrumentaltrack, «Spaceship» schleicht sich mit seiner träumerischen Opulenz als heimlicher Hit ins Gemüt. Das Titelstück «Before You Begin» wird nur von ein paar dunklen Pulsen rhythmisiert, während «Afterwork» die Atmosphäre von Huck Finn 2015 perfekt auf den Punkt bringt.

Mellotron-Sounds

Der Grundton des neuen Albums ist von der Software M-tron bestimmt, die ein Kult-Instrument der 70er-Jahre simuliert: Das Mellotron war ein Tasteninstrument, das Bänder abspielte, die mit den Klängen von akustischen Instrumenten bespielt waren. Es wurde von The Beatles («Strawberry Fields»), The Moody Blues und später auch von Prog-Rock-Bands wie King Crimson oder Genesis und vielen anderen eingesetzt.

Diese Software habe ihn extrem inspiriert, sagt Steger. Während der Umsetzung der Songs mit dem Produzenten Claud sei der Anteil von Mellotron zwar immer weniger geworden und auf dem Album nur noch an gewissen Stellen enthalten. Trotzdem: «Die Sounds des Mellotron, die etwas angestaubt wirken und zu einem Teil auch unberechenbar sind, haben die Entstehung und Qualität der Songs stark beeinflusst.»

Für Fischer, mit dem Steger seine Songs jeweils ausfeilt, ist das nur folgerichtig. «Der Klang steht bei uns ganz am Anfang. Er entscheidet letztlich, was für eine Gestalt die Songs annehmen.» Eine zusätzliche Instanz, die das Endresultat beeinflusste, war nicht zuletzt Produzent Claud, der mit Greis, Gimma oder der Sektion Kuchikäschtli gearbeitet hat. «Er weiss, wie man eine Platte von A bis Z macht. Wir hatten manchmal die Tendenz, zu dick aufzutragen. Claud gab uns den Input, zu reduzieren, aufzuräumen.»

Am Start

Das ist hörbar. Die Arbeit an der Reduktion schälte den Melodiegehalt und die Stringenz der Songs schärfer heraus. Auch die minutiöseren Sound-Texturen leuchten klarer. Andererseits überlegt man sich beim Hören, was deswegen vielleicht geopfert wurde. Man könnte sich das Pop-Universum von Huck Finn auch brachialer, verschrobener, abenteuerlicher vorstellen.

Mit «Before You Begin» zeigen sie, wie cool und präzise sie sein können, ohne an Melodie und Emotionalität einzubüssen. Es ist zeitgenössischer Pop, der weit über den Entstehungsort Luzern hinausweist und auch international bestehen kann. Steger grinst. «Wir sind effizienter und besser geworden. Aber ich habe das Gefühl, dass wir nun erst richtig am Start stehen.»

Huck Finn: Before You Begin (M’s Best) •••••

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