POP: «Mit Schweizern lässt sich gut frotzeln»

Herbert Grönemeyer (58) zeigt sich auf seinem neuen Album so politisch wie lange nicht mehr – und erst noch überraschend optimistisch.

Interview Tara Hill
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«Die eigene Mitte für sich zu finden, das kennen wir Deutsche ja gar nicht mehr»: Herbert Grönemeyer. (Bild: PD/Ali Kepenek)

«Die eigene Mitte für sich zu finden, das kennen wir Deutsche ja gar nicht mehr»: Herbert Grönemeyer. (Bild: PD/Ali Kepenek)

Das Lachen ist ihm ob der hitzigen politischen Debatten in seinem Heimatland offenbar noch nicht vergangen: Zum Interviewtermin im Zürcher Hotel Dolder Grand erscheint Herbert Grönemeyer (58) mit einem breiten Lächeln. Sein neues Werk «Dauernd Jetzt» – das insgesamt 14. Studioalbum – ist eben erschienen. Die Erfolgsaussichten des deutschen Barden sind intakt: Seit dem vor 30 Jahren erschienenen «4630 Bochum» kam zumindest in Deutschland noch jedes Grönemeyer-Album auf Platz eins der Hitparade.

Herbert Grönemeyer, Sie wirken bestechend gut gelaunt. Stimmt das?

Herbert Grönemeyer: Da haben Sie völlig Recht. Ich habe eben noch darüber gescherzt, dass man mir früher, vor 30 Jahren, hier im Dolder keinen Einlass ins Restaurant gewähren wollte, weil ich so sträflich «underdressed» war – denn ich trug nicht mal eine Krawatte! (lacht) Da sieht man, wie die Zeiten sich ändern, auf beiden Seiten. Aber bevor man diese Anekdote nun falsch versteht: Ich bin eben gerade gut gelaunt, weil ich hier in der Schweiz bin.

Es wird behauptet, Sie seien öfter in der Schweiz.

Grönemeyer: Ich war lange mit einer Schweizerin zusammen. Das ist leider auseinandergegangen, aber ich bin immer noch sehr gerne in der Schweiz. Ich mag dieses Land.

Die Schweizer lästern ja gern über die Deutschen.

Grönemeyer: Solange man akzeptiert, dass wir unterschiedlich sind, sollte das kein Problem darstellen. Viele Deutsche wissen das nicht, aber mit den Schweizern lässt sich sehr gut frotzeln.

Sie haben unlängst ein ganzes Album auf Englisch aufgenommen. War es schwierig, diese kulturell-sprachlichen Eigenheiten zu überwinden?

Grönemeyer: Eigentlich weniger, als man erwarten könnte. Denn ich singe meine Lieder ja grundsätzlich zu Beginn immer mit englischem Bananentext, während ich sie komponiere. Die Lieder sind also immer bereits in gewissem Sinne englisch.

Dann gibts auch in Zukunft wieder etwas Englisches?

Grönemeyer: Unbedingt! Das Album gibts mit Sicherheit in Kürze auch auf Englisch – nicht weil wir müssen, sondern weil uns dieses Projekt letztes Mal so viel Spass gemacht hat. Ich habe die USA nach unserer Tour ja von der Ost- zur Westküste bereist. So versteht man den Geist dieses Landes: Vor allem prägt Amerika ja diese endlose Weite – irgendwie esoterisch! (lacht) Aber ebenso hat mich der positive Geist fasziniert. Beide Dinge haben auch das aktuelle Album beeinflusst.

Mit diesem positiven amerikanischen Einfluss scheinen Sie eher antizyklisch. Die meisten Kulturschaffenden sehen die USA zurzeit kritisch.

Grönemeyer: Es gibt da zwei Seiten: einerseits natürlich die Tatsache, dass die Amerikaner uns extrem unterstützt haben, andererseits dass wir – wie man am Beispiel Berlins sieht – auch stets in Nachbarschaft zum Osten gelebt haben. Und ebendiese Position, die hat natürlich was von einem «Spreizschritt», wie sich immer deutlicher zeigt.

Über genau diese Ambivalenz haben Sie ja auf dem neuen Album auch ein sehr persönliches Lied namens «Unser Land» geschrieben – einerseits über den Nationalstolz, andererseits über die Unsicherheit, was dies denn konkret bedeutet.

Grönemeyer: Genau! Es geht darum, das Land zu mögen, was natürlich völlig richtig und schön ist, aber andererseits auch darauf zu schauen, dass dieses «Mögen» nicht bald schon wieder einer Arroganz weicht, nach dem furchtbaren Motto: «Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!» Also bloss kein unkritisches «Tralala, wir sind wieder wer!». Diese eigene Mitte für sich zu finden, das kennen wir Deutsche ja gar nicht mehr. Das hiesse, eine aktive Haltung einzunehmen der Welt gegenüber.

Ist das auch die Botschaft des neuen Albums «Dauernd Jetzt» – die Forderung, eine gemeinsame Basis zu finden, um geeint in die Zukunft zu schauen?

Grönemeyer: Ja, in diesem Sinne. Nur, dass dies heute nicht nur für Deutschland, sondern auch für Europa gilt. Man muss Europa die Chance geben, sich dahin zu entwickeln, also in diese Richtung zu streben.

Sie waren ja schon immer ein ausgesprochen politischer Zeitgenosse im Pop-Zirkus. Stimmt der Eindruck, dass diese politische Ader in Ihrem neuen Album wieder stärker im Zentrum steht?

Grönemeyer: Das ist richtig. Dies kommt auch nicht von ungefähr: Das sieht man an all den Problemen und Konflikten, die uns in Atem halten, seien es nun die ganzen Flüchtlingsströme aus Afrika und Syrien oder in Europa auch der Ukraine-Konflikt. Die Frage scheint: Was machen wir denn nun aus dieser schwierigen Situation?

Und wie lautet Ihre Antwort auf die Frage?

Grönemeyer: Also: Für mich ist das 21. Jahrhundert eigentlich das Jahrhundert der Mitmenschlichkeit. Ich rufe das jetzt einfach mal aus! (lacht) Irgendwer muss ja anfangen damit. Das heisst, dass wir nach diesem ganzen Wahn, alles nach Kapital und Gewinn zu beurteilen, wieder merken, was stattdessen Sinn macht: Mitgefühl, Empathie, Zusammenhalt – aber kein Mitleid! Wenn der Rest der Welt uns mittlerweile so nah ist, dass Syrien nicht weiter scheint als der Nachbarort auf der anderen Seeseite, dann ist das doch eine Chance!

Herbert Grönemeyer: Dauernd Jetzt (Universal)

Live: Dienstag, 19. Mai 2015, 20 Uhr, Hallenstadion Zürich. www.ticketcorner.ch

Grönemeyer: Hörproben aus dem neuen Album auf www.luzernerzeitung.ch/bonus