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POP: Morrissey – ein unermüdlicher Motzer

Morrissey ist umstritten wie kein anderer zeitgenössischer Songschreiber und Sänger. Darum ist auch sein neuestes Album «Low in High School» wieder ein Ereignis.
Hanspeter Künzler
Der britische Sänger und Komponist Morrissey. (Bild: PD)

Der britische Sänger und Komponist Morrissey. (Bild: PD)

Hanspeter Künzler

Gerade ist ein neues Solo-Album von Morrissey erschienen, sein elftes. Es heisst «Low in High School» und löst wie all seine vorangegangenen Werke extreme Reaktionen aus. Den schwärmenden Kommentaren der Fans stehen Verrisse gegenüber, wie man ihnen in solcher Aggressivität selten begegnet. 33 Jahre nach dem Début-Album der legendären Smiths vermag Morrissey die Meinungen noch immer zu polarisieren wie kein anderer, sei es mit seiner Stimme, mit seinen Liedern, mit seinen Aussprüchen, ja, mit seiner ganzen Art.

Aufgewachsen im verlotterten Manchester der 60er- und 70er-Jahre, war er ein klassischer Teenager, ein Träumer, der sich als Aussenseiter verstand und eine Band verehrte, die auf einem viel schöneren Planeten zu leben schien – in seinem Fall waren es die mit Make-up vollgepflasterten New York Dolls. Schon die erste Single von The Smiths, «Hand in Glove», erschienen 1983, verstiess gegen allerhand Tabus. Rundum gaben billige Synthis den schrillen Ton an, es wurde viel getanzt, die Kleider waren bunt. «Hand in Glove» aber wurde von einer Gitarre getragen, der Text handelte von der Einsamkeit, der Ton war melancholisch – aber das Lied kam mit einem treibenden Rhythmus daher, der die Stimmung ins Euphorische drehte.

Provokationen nicht nur als Publicitymasche

Vier Alben lang belegten die Smiths in ihrer Heimat die vordersten Chart-Ränge. Dabei reizte Morrissey die Boulevardmedien bis zur Weissglut. Einerseits vermutete man hinter seiner verschlossenen Art einen skandalösen, womöglich homosexuellen Lebensstil. Andererseits passten seine dichten und listigen Texte weder ins Bild eines seichten Popsongs noch in das von einem irischen Immigrantensohn aus der Arbeiterklasse. Als sich die Smiths 1987 auflösten – ihr Einfluss war später in Bands wie R.E.M., Strokes oder Libertines zu hören –, machte Morrissey solo im gleichen Stil weiter. Seine Umwelt liess sich weiterhin provozieren. Zum Beispiel durch die Behauptung, die Chinesen seien ihres schlimmen Umganges mit Tieren wegen eine «menschliche Subspezies».

Vor vielen Jahren durfte ich Morrissey in seiner Wohnung besuchen. Schon die Umstände, wie es zu dieser Einladung kam, waren typisch für den verqueren Künstler, der es immer wieder verstanden hat, Fans, Feinde und Medien zu verwirren. Es war 1986, kurz vor dem Erscheinen des dritten Smiths-Albums, «The Queen is Dead». Aus ganz Europa waren die Medien eingeflogen worden. In einem Hotel im Londoner Stadtteil Swiss Cottage sollte man sich treffen. Weil ich in der Nähe wohnte, war ich rechtzeitig da, begegnete dem Künstler auf der Treppe. Die Medienvertreter aber blieben mit ihrem Bus im Verkehr hängen. Als sie mit zwanzig Minuten Verspätung endlich erschienen, befand sich Morrissey – auch Mozza genannt – bereits auf dem Heimweg. Ein solches Zuspätkommen zeige einen Mangel an Respekt, den er sich nicht bieten lasse. Meine Pünktlichkeit würdigte er indes mit einer Tasse Tee in seiner guten Stube. Es war eine unvergessliche Begegnung. Wir stritten uns über diverse Themen. Dann machte Morrissey eine Aussage, die meine Perspektive mit einem Schlag umdrehte. «Ein Gespräch ist doch sinnlos, wenn man am Schluss gleich denkt wie am Anfang», sagte er. Auf vorgefasste Meinungen sei er allergisch. Diese zu hinterfragen, darum gehe es ihm. Morrissey verstand seine kontroversen Aussprüche nie als Publicitymasche, sondern als Diskussionsbeitrag.

Auf neuem Album drohen bombastische Aussagen

«Low in High School» ist ein typisches Morrissey-Album. Gitarrengetriebene Rhythmen stehen neben elegischen Streicherarrangements, Geräusche aus dem Computer setzen weitere Akzente. Natürlich tauchen auch wieder Titel auf, die kontroverse oder bombastische Aussagen befürchten lassen: «Israel» etwa, oder «The Girl From Tel-Aviv Who Wouldn’t Kneel». Dabei geht es auf dem Album oft um Fragen der Macht und der sozialen Verantwortung des einzelnen Menschen. Wie eigentlich alle Morrissey-Alben – ausser dem durchweg grossartigen «Vauxhall and I» – enthält «Low in High School» nebst Highlights («My Love, I’d Do Anything», »Jacky’s Only Happy When She’s Up On The Stage») auch dubiose Vergnügen («All The Young People Must Fall In Love»). Angehört zu werden verdient das Album sowieso.

Morrissey, «Low in High School», BMG

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