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POP: «Muss Musik nicht neu erfinden»

Bligg meldet sich zurück. Nach einjähriger Auszeit legt der 41-jährige Zürcher mit «Kombination» sein neues Album vor. Ein Gespräch über alte Möbel, Pionierarbeit und Streaming.
Michael Graber
«Eine Hit-Kombination gibt es nicht», sagt Bligg, einer der grössten Hitlieferanten der Schweiz. (Bild: PD/Simon Zangger)

«Eine Hit-Kombination gibt es nicht», sagt Bligg, einer der grössten Hitlieferanten der Schweiz. (Bild: PD/Simon Zangger)

Interview: Michael Graber

Bligg, warum treffen wir uns in einem Brockenhaus?

Ich finde, das passt gut zu meinem Album «Kombination». Da geht es um das Kombinieren von verschiedenen Dingen und Stilen. Wie man es macht, wenn man im Brockenhaus einkauft.

In einem Brockenhaus hat es doch vor allem Sachen, die andere nicht mehr haben wollen.

So habe ich das natürlich nicht gemeint (lacht). Den Tisch, an dem wir sitzen, gibt es wohl schon länger als uns beide zusammen. Das ist doch der Reiz eines Brockenhauses. Alles erzählt eine Geschichte.

Wer kombiniert, verbindet Bekanntes. Ist es als Musiker nicht das Ziel, etwas Neues zu erschaffen?

Dieses absolut Neue, von dem Sie sprechen, gibt es doch gar nicht. Auch als der Hip-Hop in den 1970ern aufkam, war das eine Kombination aus verschiedenen Stilen. Eine Gitarre hat ja auch immer die gleiche Anzahl Saiten und Griffe. Die Kunst ist es, dass man innerhalb dieser Dinge seinen eigenen Sound schafft.

Ihre Erfolgskombination haben Sie eigentlich schon vor zehn Jahren gefunden. Da erschien «0816», wo sie Volksmusik und Rap zusammenbrachten. Festgehalten haben Sie daran aber nicht.

Das wäre auch so richtig langweilig gewesen. Ich muss die Musik nicht neu erfinden, aber ich muss mich doch weiterentwickeln.

Trotzdem: Das war Ihr grosser Durchbruch. Ich behaupte, das war auch der Startschuss für den Mundarttrend, den wir heute in der Schweizer Musik erleben.

Ich konnte nicht ahnen, was mit «0816» passiert – mittlerweile hat die Platte fünffach Platin erhalten. Wenn man so will, lebe ich mittlerweile seit zehn Jahre in der Zugabe dieses Erfolgs. Ganz grundsätzlich bin ich aber froh, dass derzeit viele Schweizer Musiker Charterfolge haben.

Warum?

Die Zeiten, in denen immer nur Bligg und ein paar andere grosse Künstler Erfolge hatten, brachte auch viel Neid. Oft musste man sich für den Erfolg rechtfertigen, das ist doch absurd. Eigentlich will doch jeder, dass seine Musik gehört wird. Mittlerweile ist es nicht mehr verpönt, wenn man das auch sagt. Das finde ich eine gute Entwicklung.

Etwas frech könnte man behaupten, Bligg habe einfach seine Hitkombination gefunden.

Eine Hitkombination gibt es nicht. Es gibt vielleicht eine mathematische Hitformel, mit der man berechnen kann, wie lange ein Refrain sein sollte, aber eine sichere Kombination gibt es nicht. Ich habe schon gedacht: «Hey, jetzt habe ich einen Hit geschrieben», und beim Publikum kam er nicht so toll an. Bei «Rosalie» war ich dagegen der Meinung, dass das kein Hit ist, und der ist komplett explodiert.

Eine der Kombinationen auf Ihrem Album ist ein Feature mit Xen. War es einfach, ihn, den harten Rapper aus Zürich, dafür zu gewinnen?

Überhaupt nicht. Wir kennen und schätzen uns. Wir haben beide Söhne in einem ähnlichen Alter und etwa gleichzeitig eine etwas schwierigere Zeit im Privatleben. Das verbindet. Er und seine Crew feiern mich, und ich feiere sie.

Sie haben gesagt, dass Sie immer ein bisschen Pionier waren. Aber nicht auf den Streamingdiensten.

Damals, als Spotify aufkam, war ich der erste Schweizer Künstler, der mit diesen Leuten am Tisch sass und verhandelte. Lange war mir aber alles etwas zu undurchsichtig, und ich habe dann gesagt: Da mache ich nicht mehr mit. Seit kurzem sind all meine Alben aber auch auf diesen Streamingdiensten zu finden.

Eine gewisse Grundskepsis gegen solche Dienste höre ich aber immer noch heraus?

Ja. Das mag stimmen. Vor allem die finanziellen Beiträge an die Künstler sind sehr gering. Da kannst du einen Hit mit vielen Streams haben, und am Ende kannst du dir eine Cola und ein Sandwich kaufen. Das kann doch nicht sein. Aber als Konsument finde ich Spotify und Co. grossartig.

Benutzen Sie es selber?

Vor allem die Hörspiele für meinen Sohn. Ich selber höre nicht mehr so viel Musik wie früher. Da bin ich mit Musik aufgestanden und mit Musik eingeschlafen. Heute schätze ich es, wenn ich nicht dauerbeschallt werde.

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