POP: Schweizer Pop-Stimme mit geheimnisvoller Aura

Das neue Album der Basler Musikerin Anna Aaron (29) bestätigt ihre besondere Qualität. Das Klangbild ist elektronischer geworden.

Pirmin Bossart
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Anna Aaron im Februar 2014. (Bild: Keystone)

Anna Aaron im Februar 2014. (Bild: Keystone)

Nicht dass die Songs sperrig wären oder emotional von einem fremden Stern. Im Gegenteil: Viele folgen geradezu süffigen Melodielinien und entfalten sich in sanfter hymnischer und gelegentlich auch rockiger Pracht. Dennoch braucht «Neuro», das neue Album von Anna Aaron, mehr Zeit, um sich als Ganzes irgendwie festzuhaken, als das durchschnittliche Popalbum, das gerade gefeiert wird. Aber wer hat behauptet, Anna Aaron sei durchschnittlich!

Kühl und feierlich

Die Basler Sängerin und Songschreiberin (bürgerlicher Name: Cécile Meyer) war so etwas wie die dunkle Schwester von Sophie Hunger, als sie 2009 ihre erste EP vorlegte. Ihre Stimme modulierte in tieferen Lagen, die Songs hatten eine feierliche, kühl-elegische Qualität. Da war kein neues Popmädchen, das sich dem Hype-Hunger der Medien andiente, sondern eine junge Frau, die mit dem Dunklen und Spirituellen flirtete und wenig von sich preisgab.

Zwei Jahre nach ihrer ersten EP folgte 2010 das erste Album «Dogs In Spirit», auf dem Anna Aaron ihre mythologisch verbrämte Songwelt ausbreitete. Die grösste Überraschung war dann, wie gut und profund es die Baslerin mit einer ausgezeichneten Band und einer persönlichen Bühnenintensität schaffte, den Songs auch auf der Bühne Gestalt und Vitalität zu geben – etwa an ihrem Luzerner Auftritt im Rahmen von Blue Balls im Musikpavillon Luzern.

Das musikalische Fundament von Anna Aaron liegt nicht in den Folk- und Bluesgründen der amerikanischen Roots-Geschichte, sondern im popveredelten Kosmos der 1980er-Generation, die sich mit dunkel getönten Versatzstücken aus Wave, Kitsch, Kunst und Glam herumschlug, um daraus eine postmodernistische Identität zu bilden. In jüngster Zeit höre sie viel Talk Talk, sagt Anna Aaron und meint Achtziger-Meisterwerke wie «The Laughing Stock» oder «Spirit From Eden». Auch David Bowie und Kate Bush gehören zu ihren regelmässigen Hörerfahrungen.

Urbane Poesie

«Neuro» mag den synthetisch-chilligen Abdruck der Achtziger-Ästhetik als Ausgangsspur noch in sich tragen. Trotzdem ist es mit seiner Mischung aus hymnischer Kraft und urbaner Poesie ein zeitgemässes Album. Die Emotionen tragen raue Kanten, die Intensität ist kontrolliert, die Aura bleibt geheimnisvoll.

Die Qualität des Albums dünnt mit fortlaufender Zeit nicht etwa aus, sondern zündet im zweiten Drittel eine neue Stufe. «Neurohunger» ist ein monoton und unbeirrbar dahintreibender Ghost-Song. «Heathen» entpuppt sich als veritabler Disco-Club-Ohrwurm. «Simsteam» schliesslich ist ein inniger, verwunschener und sphärisch dekorierter Song, der die einnehmende Stimme von Anna Aaron nochmals voll zur Geltung bringt.

Mehr Elektronik

Sie habe nach ihrem Debütalbum auf dem Nachfolger bewusst etwas anderes machen wollen, sagt Anna Aaron auf die Frage, was sie sich mit dem zweiten Album vorgenommen habe. «Das neue Album sollte elektronischer werden und nicht mehr so stark vom akustischen Folk geprägt sein.» Gleichzeitig hatte sie Lust, auch von den Texten her noch besser, umfassender, präziser zu werden. Dazu gehörte die Aufbereitung und Verarbeitung von viel Material.

«Ich habe lange Phasen, wo ich viel lese und Filme schaue.» Diesmal war es vor allem Science-Fiction-Literatur. Insbesondere die «Neuromancer»-Trilogie von William Gibson hat sie inspiriert. «Gibt es Zusammenhänge zwischen dem neuronalen Netz des Menschen und dem Internet? Kann das Digitale mit dem Physischen verschmelzen? Das sind Fragen, die mich beschäftigt haben.» Es sind Themen, die extrem verdichtet und persönlich gefärbt auch in ihren Texten auftauchen. Es ist nicht leicht, diese zu entschlüsseln. Man ahnt mehr, als man versteht. Als Glücksfall erwies sich die Zusammenarbeit mit David Kosten, dem Produzenten von Bat For Lashes. «Der Sound von Kosten hat eine magisch leuchtende Qualität, die märchenhaft ist, aber trotzdem sehr modern und zugänglich.» Also habe sie ihm mal ein paar Demos geschickt. «Ich habe nicht mit einer Antwort gerechnet. Aber dann hat er sich gemeldet und die Songs tatsächlich gut gefunden.»

«Arbeite gerne mit Sprache»

Kosten kam nach Basel, und schon einen Monat später wurden die Studioaufnahmen terminiert. Der Songprozess gehe bei ihr relativ schnell und intuitiv, sagt Anna Aaron. Sie würde niemals einen Text schreiben und dann ein Lied daraus machen oder umgekehrt. Beides hänge für sie zusammen. «Ich habe das Glück, dass Text und Musik bei mir meistens aus einem Guss kommen und auch ziemlich präzis sind in Bezug auf das, was ich sagen will. Ich arbeite gerne mit Sprache.»

Anna Aaron: Neuro (Two Gentlemen/Irascible) •••••

Anna Aaron: Der Videoclip zum Song «Linda» auf www.luzernerzeitung.ch/bonus