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POP: Umklammert von der Unruhe

Florence Welch von Florence +The Machine ist der coolste Popstar von der Insel. Auf ihrem neuen Album ist sie auf der Suche nach Frieden.
«Ich habe Schwierigkeiten damit, wichtige Dinge zu den Menschen zu sagen, zu denen ich wichtige Dinge sagen sollte», sagt Florence Welch. (Bild: PD/Universal)

«Ich habe Schwierigkeiten damit, wichtige Dinge zu den Menschen zu sagen, zu denen ich wichtige Dinge sagen sollte», sagt Florence Welch. (Bild: PD/Universal)

Steffen Rüth

Die Frau ist eine Erscheinung. Riesengross, lange feuerrote Haare, und dann trägt Florence Welch auch noch einen riesigen schwarzen Hut auf dem Kopf, als wir sie zum Interview mitten in London treffen, um uns über ihr drittes Album mit dem schönen Titel «How Big, How Blue, How Beautiful» zu unterhalten. «Nachher auf dem Nachhauseweg werde ich bestimmt ganz oft angesprochen», mutmasst Welch, 28, «denn der Hut, den ich auch im Video zu ‹What Kind Of Man› trage, wird mich natürlich nicht verstecken, sondern zu erkennen geben.» Blickfang zu sein, störe sie aber nicht im Geringsten. «Ich werde heimlaufen, das dauert etwa eine Stunde. Spazierengehen ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen.» Noch lieber als laufen mag Florence übrigens Fahrrad fahren, doch sie wurde heute «ganz nobel von zu Hause abgeholt, damit ich mich nicht verausgabe».

Bejubelt von allen Seiten

Florence Welch ist also wieder da. Die beiden Alben «Lungs» (2009) und «Ceremonials» (2011) machten die Tochter einer Uniprofessorin zum coolsten Popstar Grossbritanniens. Florence verkaufte eine Menge Platten, bekam einen «Brit Award» für das «Album des Jahres», und wurde zugleich von den Kritikern bejubelt, keine selbstverständliche Mischung. «Meine Karriere war ein Wirbelwind», sagt sie selbst. Die Songs und die Stimme der schillernden und auf eine bodenständige Weise kapriziösen Florence erinnern an Kate Bush, speziell die ruhigen Nummern auf «How Big» wie «St. Jude» oder «Queen Of Peace», auch an Annie Lennox. In starkem Kontrast zu den Vorbildern jedoch liebt Welch das wilde Leben. «Im Nachtleben verfüge ich über enorme Kapazitäten», sagt sie diplomatisch. «Ich musste lernen, meine Partymomente weiser auszuwählen.»

2013 zog sie sich zurück. Eine Pause musste her, keine Partys, keine Tourneen, sie wollte das Leben auf die Reihe kriegen und dann entspannt ein neues Album schreiben. Soweit der Plan. Nun ja, er ging nicht auf. Die theatralischen, für ihre Verhältnisse rockigen, gitarrenlastigen neuen Stücke wie «What Kind Of Man» oder «Ship To Wreck» legen musikalisch Zeugnis ab von der Unruhe, die die Musikern weiterhin umklammert hält. «In mir steckt die Fähigkeit, Dinge zu erschaffen sowie die beträchtliche Fähigkeit, diese Dinge auch wieder kaputt zu machen. Die selbstzerstörerische Seite in mir war immer sehr dominant.» Statt ihre wacklige Liebesbeziehung also in ruhige Bahnen zu lenken, würgt Welch sie ab.

«Was für ein Drama! Es ist schon echt heftig gewesen, obwohl ich mich doch eigentlich erholen wollte.» Rückblickend habe es ihr gut getan, auseinanderzufallen und sich neu zusammensetzen zu müssen. «So habe ich meine einzelnen Teile besser kennen gelernt. Heute weiss ich, dass ich einen Mann möchte, mit dem ich samstags über den Wochenmarkt schlendern kann.» Ob sie den passenden Kerl gefunden hat, verrät sie nicht.

Innenleben in Songs

Um zusammen mit dem Deutschen Markus Dravs (Björk, Arcade Fire) «How Big, How Blue, How Beautiful» zu schreiben und zu produzieren, ging Florence eine Zeit lang nach Los Angeles. Gut, Abstand zu den Turbulenzen daheim zu gewinnen, das kann nicht schaden, denkt man so. Aber auch in LA grübelte und haderte sie munter weiter, schrieb in guten Momenten euphorische Songs wie das Titelstück, in weniger guten aggressive Stücke wie «Ship To Wreck».

Sie sagt: «Ich habe echte Schwierigkeiten damit, wichtige Dinge zu den Menschen zu sagen, zu denen ich diese wichtigen Dinge sagen sollte. Weil ich dich nicht kenne, kann ich mit dir besser über Intimitäten sprechen als mit den Personen, für die ich Gefühle habe. Also stecke ich mein ganzes Innenleben in die Songs.» Was auf Dauer auch verrückt mache.

«Vermisse den Londoner Regen»

Doch noch ist Florence nicht verloren. Los Angeles tat ihr gut, auch wenn sie dort nicht leben möchte («Ich vermisse es, mit dem Fahrrad durch den Londoner Regen zu fahren.»). Kalifornien hat den Sound beeinflusst, ihn rockiger gemacht. «Ich sass also oft bei offenem Verdeck im Auto und habe dabei sehr viel maskuline Gitarrenmusik von Bruce Springsteen, Neil Young oder Nick Cave gehört.» Und als sie wieder heimkehrte, fasste Florence endlich den Mut, zu Hause auszuziehen. «Mit Mitte, Ende 20 lernte ich die Grundlagen: schlafen, essen, nicht das Haus verwüsten, nicht das Leben verwüsten. Wenn dein Leben ein Chaos ist, kannst du nicht immer nur in die nächste Stadt fahren, das nächste Konzert spielen und damit alles vergessen machen. Du musst das Chaos auch einfach mal aushalten.»

Weit weg lebt Florence freilich nicht. Das Haus der Mutter liegt in derselben Strasse im Stadtteil Kennington, ein paar Häuser weiter. «Mum hat immer Angst, dass ich die Schlüssel verliere und nicht mehr reinkomme. Und sie hat Recht, das passiert mir ständig.» Sieht so aus, als habe Florence Welch die innere Balance noch längst nicht gefunden. Wer ihre Musik mag, dem kann das nur recht sein.

Florence + The Machine: How Big, How Blue, How Beautiful (Universal)•••••

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