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POPMUSIK: Mundart – das kommt nach Polo

Seit letzter Woche wissen wir: Es muss ohne Polo Hofer weitergehen. Er hatte das Mundart-Genre professionalisiert. Doch wie steht es um seine künstlerischen Erben? Eine Bestandesaufnahme.
Stefan Künzli
Als einer der wenigen Schweizer Mundartmusiker konnte Polo Hofer von seinen Albumverkäufen und Auftritten leben. (Bild: Urs Flüeler/Keystone (25. Oktober 2014))

Als einer der wenigen Schweizer Mundartmusiker konnte Polo Hofer von seinen Albumverkäufen und Auftritten leben. (Bild: Urs Flüeler/Keystone (25. Oktober 2014))

Stefan Künzli

kultur@luzernerzeitung.ch

Rockmusik war in der Schweiz lange eine Sache von Amateur- und Feierabendmusikern. Von Hobbyrockern eben. Dann kam Polo Hofer. Er erkannte die Mechanismen des Musikgeschäfts, war ein Showman, ein gewiefter Geschäftsmann und PR-Manager in eigener Sache. Er hat bewiesen, dass man in der Schweiz von Rockmusik, sogar von Mundartrock, leben kann. Wenn man es professionell aufgleist. «Ich war das erste betriebsfähige Modell des Schweizer Mundartrocks», sagte er dazu.

Die Professionalisierung des Mundartgenres war eines seiner grössten Verdienste. Eine ganze Reihe von Musikern und Bands folgten seinem Vorbild und ge-sellten sich zur Mundartfamilie: zuerst Züri West (1984 gegründet), Stiller Has (1989), dann Patent Ochsner (1990), Sina (1994). Es war die erste grosse Mundart-welle. Mundartrock etablierte sich als professionelles, überlebensfähiges Genre. Übervater Polo war nicht mehr allein. In einer zweiten Welle Ende der 1990er-, Anfang der 2000er-Jahre folgten Florian Ast, Gölä, Plüsch, Adrian Stern, Baschi und Bligg, der vom Hip-Hop ins Poplager wechselte. Sie alle waren ungemein erfolgreich und verstärkten die Mundarttruppe.

«Mundart hat am meisten Potenzial»

Und heute? Wie präsentiert sich die Mundartszene nach dem Tod von Pionier Polo Hofer? «Mundart hat eindeutig am meisten Potenzial», sagt Sylvie Widmer von Sound Service, «ich stelle ­einen Überdruss gegenüber englischen Songs fest. Es geht um Identität. Die Leute finden Zuflucht in der eigenen Sprache.» Als Beweis nennt die Berner Plattenmanagerin die anhaltenden Erfolge von Züri West, Patent Ochsner und Stiller Has. Die Konzerte sind ausverkauft, und erstmals erreichte Endo Anaconda mit seinen neuen Hasen sogar Platz 1 der Schweizer Hitparade. Die erste Generation hat ihre Vorherrschaft konsolidiert oder sogar ausgebaut. Sie sind zusammen mit Polos Weggefährten ­Hanery Amman und Span seine würdigen Nachfolger.

Eine andere Sicht auf die Situation im Mundartgenre hat Pascal Künzi, Verkaufsleiter bei Musikvertrieb: «Mundart ist nicht völlig out, aber sie hat sich weg von Pop und Rock zum Volkstümlichen und zum Schlager verlagert», sagt Künzi und verweist auf die diesjährigen Swiss Music Awards, wo Trauffer und Schluneggers Heimweh die Abräumer waren. «Mit englisch gesungenen Songs hat man heute dagegen viel mehr Möglichkeiten und einen potenziellen Markt über den Röstigraben und die Landesgrenzen hinaus», sagt Künzi weiter.

Fakt ist: Das Geschäftsmodell, das Polo Hofer und Co. ein Leben als Profimusiker erlaubte, funktioniert nicht mehr. Es war ein Geschäftsmodell, das auf zwei Beinen stand: auf den Einnahmen im Tonträgermarkt und jenen aus dem Livegeschäft. Weil das Geschäft mit den Tonträgern mittlerweile eingebrochen ist, müssen sich Schweizer Musiker nach Alternativen umsehen, um die Einbussen zu kompensieren. Der deutsche oder der englische Markt bieten sich an. Aktuell sind es Soulsänger Seven, Newcomer Faber und die Schlagerband Calimeros, die den deutschen Markt mit englischen und hochdeutschen Texten erobern.

Musiker gehen auch einer «geregelten Arbeit» nach

Für Mundartmusiker bleibt dieser Markt dagegen verschlossen. Sie bleiben auf den Deutschschweizer Markt beschränkt, der für die meisten zu klein ist, um ihnen ein Leben als Profimusiker zu ermöglichen. Sogar die Überflieger Lo & Leduc gehen einer sogenannt geregelten Arbeit nach. Auch die Musiker von Dabu Fantastic, die mit «Angelina» einen Hit landeten, haben einen Nebenerwerb. Musiker der zweiten Generation wie Florian Ast, Ritschi von Plüsch, Adrian Stern, Fabienne Louves und Baschi haben Mühe, an ihre grossen Erfolge anzuknüpfen. Dodo schlägt sich gerade so durch, und Bligg hat sich eine Auszeit verschrieben. Andere wie Trauffer könnten von der Musik allein leben, wollen es aber nicht. Und Büezer-Rocker Gölä hat sowieso immer mit seinem Status als Hobby­rocker kokettiert.

Immerhin versuchen es Leute wie der Luzerner Kunz und die Rapper Manillio und Nemo und setzen auf die Karte Mundart­musik. Oder die Berner Band Jeans for Jesus, die ebenfalls für eine junge, urbane Mundart stehen. Oder die erfolgreiche Luzerner Band Hecht. Doch es bleibt ein schwieriges Unterfangen. «Niemand kann davon leben», sagt Sylvie Widmer. Selbst erfolg­reiche Mundartrapper wie Baze oder Greis nicht.

Die Szene ist zerrissen

Die aktuelle Situation bei den Streamingportalen verschärft die Situation zusätzlich. Englisch, französisch und hochdeutsch gesungene Songs haben zumindest eine Chance, auf die begehrten Playlists zu kommen. Mundartsongs sind chancenlos.

Die Mundartszene präsentiert sich zerrissen und bietet kein einheitliches Bild. Die Marktbedingungen sind aber deutlich schwieriger geworden. Eine Reamateurisierung hat bereits eingesetzt. Nach dem Tod von Polo Hofer droht die Mundartmusik sich wieder zum Zeitvertreib zu entwickeln.

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