PORTRÄT: Das Wolkenbild hat er geträumt

Franz Bucher (73) ist ein erfolgreicher Künstler. Dabei hätte er eigentlich den elterlichen Betriebe übernehmen sollen.

Kurt Beck
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Franz Bucher in seinem Atelier in Horw. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Franz Bucher in seinem Atelier in Horw. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Täglich, meist am Morgen, bevor er sein eigentliches Tagesgeschäft angeht, liest Franz Bucher in der Bibel. Inspiriert von der Lektüre, malt er ein Aquarell oder zeichnet in sein Tagebuch, das er seit 1983 ohne Unterbruch führt. Franz Bucher ist ein gläubiger Mensch und ein Künstler, der sich auch in seinem Werk intensiv und häufig mit Glaubensfragen auseinandersetzt. Von seinen rund 60 Wandbildern, die er in den über 45 Jahren seines künstlerischen Schaffens realisiert hat, wurden gut die Hälfte für sakrale Räume geschaffen.

Ungewisse Prognose

Obwohl der Glaube für sein Leben wie in seiner Kunst eine wichtige Rolle spielt, ist er kein «Frömmler» oder «Fundamentalist»: «Jeder muss seinen eigenen Weg zu Gott finden», sagt der Künstler, der in einer schweren Krankheit Halt im Glauben gefunden hat. 1979 wurde beim damals 39-Jährigen Krebs diagnostiziert, fünf Wochen verbrachte er mit ungewisser Prognose im Spital. Eine belastende Situation für ihn wie für seine Familie. «Da habe ich mit Gott gehadert, doch das Gebet von Bruder Klaus hat mir geholfen, die Verzweiflung zu überwinden.» Der Künstler genas und setzte sein Passionserlebnis in einer Reihe von schwarz-weissen, dramatisch expressiven Kreuzwegbildern um.

Passion und Schöpfung blieben in den folgenden Jahren werkbestimmendes Thema. In dieser Zeit entstanden auch die ersten grossen, figurenreichen Tücher, die zu monumentalen, in ihrer Ausdruckskraft mächtigen Werken heranwuchsen. Die bis zu 17 x 1,75 Meter grossen Tücher sind auch inhaltlich und in ihrer Bildsprache kantig-sperrig und weckten kritische Geister, die harmonischere Kirchenbilder gewohnt waren. Künstlerisch hatte Bucher damit zu neuer Figürlichkeit gefunden, zu einer Bildsprache, die auch die neuen Wilden in den 80er-Jahren für sich entdeckt haben.

Job aufgegeben

Mit der Genesung kehrten Lebensfreude und farbige Vitalität auch in Buchers Bilder zurück. Die vor Energie fast explodierenden Tänzerinnen und Tänzer und die dynamischen Energiefelder dokumentieren dies offensichtlich. Franz Bucher war wieder zurück auf dem künstlerischen Weg, den er als freier Künstler 1967 begonnen hatte.

«Ich bin Heimweh-Obwaldner», erklärt der in Horw lebende Künstler, der am Sarnersee in Wilen ein Atelierheim besitzt. Franz Bucher, 1940 geboren, wuchs in Sarnen auf und wurde schon früh mit den bildenden Künsten vertraut. Sein Vater betrieb ein Geschäft für Dekorationsmalerei und war lange als Theatermaler tätig. Sohn Franz sollte das Geschäft übernehmen, als Vierter in der Generationenfolge, und machte eine Lehre als Dekorationsmaler. Daneben besuchte er Abendkurse an der Kunstgewerbeschule Luzern. Die Technisierung und Schablonisierung seines Berufes bewogen Bucher, in die freie Kunst zu wechseln. Er gab den Job auf und schrieb sich erst an der Gewerbeschule in Basel, danach an der Kunstgewerbeschule in Luzern ein. «Die Ausbildung habe ich weitgehend selber finanziert. Um mir eine gewisse existenzielle Sicherheit zu schaffen, machte ich das Diplom als Zeichnungslehrer.» Im gleichen Jahr heiratete er Pia Heer aus Horw. Mit ihr hat er vier Kinder, drei Söhne und eine Tochter.

Als Künstler erzielt Bucher schnell erste Erfolge. Er wird zu Ausstellungen eingeladen, bekommt eidgenössische Stipendien und Preise, kann Bilder verkaufen und erhält Aufträge für wichtige Kunst-am-Bau-Projekte. Zudem unterrichtet er einen Tag pro Woche als Zeichnungslehrer. «Ich habe gerne unterrichtet und bedauerte es, als ich pensioniert wurde.»

Seit 1972 lebt Bucher mit seiner Familie in einem dreihundertjährigen Bauernhaus in Horw und arbeitet in der zum Atelierhaus umgebauten benachbarten Scheune. So geräumig das Atelier ist, für das malerische und grafische Œuvre von Franz Bucher ist da nicht ausreichend Platz. «Ich musste auswärts einen Güterschutzraum einrichten, um meine Arbeiten sicher zu lagern.» Selbst ein flüchtiger Blick in das Depot macht deutlich, wie umfangreich, vielseitig und facettenreich Buchers Schaffen ist. «Ich hatte Angst, mich künstlerisch in einer Sackgasse zu verlieren, deshalb habe ich mein Schaffen immer wieder radikal hinterfragt und verändert.»

Vom Himmel in die Höhlen

Im Werk sind die unterschiedlichen Schaffensperioden offensichtlich. Etwa die Phase der Wolkenbilder. «Diese Bilder habe ich zuerst geträumt.» Die zwei Träume befielen ihn 1973 nach einem Vortrag über C. G. Jung im Istituto Svizzero in Rom, wo er als Stipendiat weilte. Der Referent sprach englisch, Bucher hatte damit Schwierigkeiten und studierte stattdessen eine Hodler-Landschaft, die da hing. «Ich habe noch nie ein Werk so ausgiebig angeschaut», beteuert Bucher. Die Folge davon waren die Träume und rund 120 Wolkenbilder.

«Aufgehört habe ich damit, als ich zum Wolken-Bucher abgestempelt wurde.» Von den flüchtigen Wolken stieg der Künstler thematisch in die Niederungen der geologischen Schichtungen und der Höhlen. Danach folgten die Passionen, die Tänzer,, die Wasserspiegelungen und die aktuellen Landschafts- und Naturstudien.

«Ich weiss nicht, wie viele Bilder ich gemalt habe», erklärt der Künstler, «aber wir sind daran, ein Werkverzeichnis zusammenzustellen. Dieses Projekt dürfte dauern, denn zu den grafischen Blättern und den unzähligen Gemälden, Objekten und Glasarbeiten kommen täglich neue Werke dazu.

Hinweis

Franz Bucher zeigt eine Auswahl neuer Werke in zwei Ausstellungen in Zug: in der Z-Galerie, Dorfstrasse 6a, Baar. Mi–Fr 15–18, Sa/So 11–14 Uhr. Und im Kantonalen Verwaltungszentrum an der Aa, Aabachstrasse 5, Zug. Mo–Fr 7.30 bis 18 Uhr. Beide Ausstellungen bis 26. Mai.