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PORTRÄT: Der Materialien- und Technikarchivar aus Emmen

Für seine Werkgruppe «Contingentia» erhielt Hansjürg Buchmeier (62) im Jahr 2017 den Preis der Zentralschweizer Kantone. Zu Besuch in seinem Atelier in Emmen, wo jedes Objekt seinen zugewiesenen Platz hat.
Julia Stephan
Geordnetes Chaos: Hansjürg Buchmeier in seinem Atelier. (Bild: Nadja Schärli (Emmen, 27. Dezember 2017))

Geordnetes Chaos: Hansjürg Buchmeier in seinem Atelier. (Bild: Nadja Schärli (Emmen, 27. Dezember 2017))

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Zehn Jahre hatte sich der Künstler Hansjürg Buchmeier für die Veröffentlichung seines Monumentalwerkes über den Pilatus Zeit gelassen. Im Jahr 2005 erschien dann endlich der Fotoband «Pilatus – Ein Berg – Hundert Ansichten». Bis heute hat das Buch keinen Nachahmer provoziert. «Eine Kollegin von der Luzerner Kunsthochschule hat mir erzählt, dass ihre Studenten von jedem Pilatus-Projekt absehen, sobald sie mein Buch durchblättern», erzählt der Künstler in seinem Atelier, einer umgebauten Scheune in einer Genossenschaftssiedlung in Emmen.

Es ist gar nicht so einfach, den Vollständigkeitsanspruch Buchmeiers – für das Projekt fotografierte er den Luzerner Hausberg 40 000 Mal – zu übertrumpfen. Die Fotos zeigen den Pilatus ungeschönt, zwischen Beton und Tankstellendächern eingeklemmt in der industrialisierten Zentralschweizer Landschaft.

Überproduktion und Selektion

Die Überproduktion und eine gründliche, langsame Arbeitsweise sind zwei wichtige Strategien des Künstlers, der als Professor an der Hochschule für Technik und Architektur in Horw unterrichtet. Die Überproduktion schafft das Privileg der Selektion. «Wer sich mit einem Ergebnis schnell zufrieden gibt, überschätzt meist das Vorhandene und unterschätzt das Potenzial», sagt er. Nach der halben Wegstrecke schon vom Ziel zu träumen sei gefährlich. In seinem Atelier bekommt man einen Eindruck von dieser langsamen, strukturierten Arbeitsweise. Jedes Objekt hat hier seinen zugewiesenen Platz. Auch Buchmeier weiss nicht, ob das von einem seiner Studenten entsorgte, gelaserte Raster aus dem 3D-Drucker, das momentan dekorativ an einer Atelierwand hängt wie ein Bilderrahmen, eine Weiterverarbeitung erfahren wird. Ein Bronzeguss einer überarbeiteten afrikanischen Statue hingegen steht ausstellungsreif und formvollendet auf einem an der Wand befestigten Sockel.

Seit den 1980er-Jahren künstlerisch aktiv

Buchmeier, der seit den 1980ern künstlerisch tätig ist, versteht sich als Materialien- und Technikarchivar. In einem bis heute auf 700 Exemplare angewachsenen Konvolut aus A4 Papieren experimentiert Buchmeier beständig mit verschiedensten Mal- und Zeichentechniken. Und er sammelt: Heiligenbilder, afrikanische Holzstatuen, die er abschleift und mit neuen Materialen ergänzt, Postkarten oder Architekturmodelle seiner Studenten, die er im Abfall der Hochschule findet.

Seit 2012 fotografiert er sich selbst vor dem spiegelnden Interieur unpersönlicher Hotelzimmer ab. «Indirektes Fotografieren» nennt der Künstler diese Verfremdungstechnik. Die kam schon bei seiner Fotoserie «In Berlin sah ich viele schöne Frauen» (2008) zum Tragen, wo Buchmeier die schönen, aber von Wind und Wetter und der gewählten Perspektive etwas entstellten Gesichter lächelnder Plakatschönheiten zum Sujet machte.

2015 verbrachte der studierte Bildhauer sechs Monate in der Kunstgiesserei St. Gallen. Dort werden die riesigen Skulpturprojekte weltbekannter Künstler wie Urs Fischer, Katharina Fritsch oder Hans Josephson in Form gegossen. Buchmeier hat dort das von seiner Mutter hinterlassene Tafelsilber für eine Figur eingeschmolzen oder mit Sand und Keramik experimentiert. In der Kunstgiesserei entstand auch seine Werkgruppe «Contingentia», für die er an der Jahresausstellung des Zentralschweizer Kunstschaffens letztes Jahr den Ausstellungspreis der Zentralschweizer Kantone erhielt – zum zweiten Mal nach 1996.

Der Titel «Contingentia» verweist auf den Zufall, den Buchmeier mit seinen methodisch hochreflektierten Ansätzen geradezu herausfordert. Die Bronzeplastiken schuf er aus studentischen Architekturmodellen. Die setzte er vor dem Guss auf hölzerne Baugerüste und füllte deren Innenräume mit einem im Bau zur Abdichtung verwendeten Montageschaum, der durch alle Ritzen dringt. Die einst nach strengen Regeln aufgebauten Modelle verformten sich so auf unvorhersehbare Weise. Für die filigranste Plastik der Werkgruppe griff Buchmeier auf das 3D-Druckverfahren zurück.

Das hintersinnige «Recyceln» von Objekten sowie die Faszination für das Porträt sind in Buchmeiers künstlerischem Schaffen früh angelegt. Egal, ob er die nackten Prostituierten auf ­Pablo Picassos berühmtem Gemälde «Les demoiselles d’Avignon» (1907) mit Versatzstücken aus Pornoheften kombiniert oder, wie in seinen «Post-Picassos», die kubistischen Porträts von ­Picasso ins Gegenständliche ­zurückmalt: Immer steckt dahinter neben der intellektuellen ­Herausforderung auch ein spielerischer Unernst.

Hinweis

Buchmeiers Arbeit «Contingentia» ist noch bis zum 7.1. im Kunstmuseum Luzern zu sehen.

www.kunstmuseumluzern.ch

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