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PORTRÄT: Dieser Amor zielt nicht blind

An der Jahresausstellung des Zentralschweizer Kunstschaffens hatte Rebekka Steiger die Jury mit zwei ausdrucksstarken Ölgemälden überzeugt. Nun zeigt sie in der Luzerner Galerie Müller neue Werke, darunter ein weiblicher Amor. Ein Atelierbesuch.
Julia Stephan
Rebekka Steiger, «Amor approximately». Öl auf Leinwand, 210 x 180 cm. (Bild: Rebekka Steiger/PD)

Rebekka Steiger, «Amor approximately». Öl auf Leinwand, 210 x 180 cm. (Bild: Rebekka Steiger/PD)

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Eine Zeile aus dem Jacques-Brel-Song «La chanson des vieux amants» ziert Rebekka Steigers (24) prämierte Abschlussarbeit an der Kunsthochschule Luzern: «Nous eûmes des orages». Angezogen haben Steiger die hohe Emotionalität und der Doppelsinn in diesem «eûmes», einer der französischen Vergangenheitsformen des Verbs «haben», das dem französischen Verb «humer» für «ein­atmen», «einsaugen» klanglich sehr nahe kommt.

Steigers grossformatige Ölgemälde und Monotypien können Stimmungen ebenso intensiv auf- saugen, wie ein Brel-Chanson Taschentücher nass macht. Wobei bei der jungen Zürcherin anders als beim belgischen Chansonnier die rosa Wolke nur sparsam zum Einsatz kommt. Auf ihren Bildern herrscht eine unheimliche Grundstimmung, ähnlich den Strassenszenen Ernst Ludwig Kirchners (1880–1938). Doch mit dem eklatanten Unterschied, dass die Stimmung nicht nur ins Bedrohliche kippt, sondern genauso oft ins Heitere.

Ein bunter, weicher Märchenschleier

Vergeblich sucht man auch die rohe Kantigkeit eines Kirchner. Denn Steiger legt über ihre Bilder jeweils mit breiten Pinselstrichen und vielen Übermalungen einen weichen, bunten Märchenschleier. Die Ausdrücke auf den Gesichtern, die oft ohne erkennbare Physiognomie auskommen, erreichen dabei eine hohe Intensität.

Die hat die Besucher schon an der letzten Jahresausstellung des Zentralschweizer Kunstschaffens überzeugt, wo Steiger zwei Gemälde ausstellte, die Menschen im öffentlichen Raum zeigen. Mit Hilfe der Abstraktion – ihre Figuren werden zu zweidimensionalen Farbflecken, die sich von der Umgebung isolieren oder aber mit der Landschaft zu verschmelzen scheinen, fand Steiger einen eigenen Ausdruck für Vereinsamung und Selbstverlust. Dafür erhielt sie den Ausstellungspreis der Luzerner Kunstgesellschaft. Dank ihm darf sie im Herbst 2017 im Kunstmuseum Luzern eine Kabinettausstellung ausrichten.

Beim Inspirationsloch greift sie zur Gitarre

Zwölf ihrer bis an die Decke reichenden Werke hat Steiger derzeit im Gemeinschaftsatelier Tat-Ort an der Luzerner Bernstrasse parkiert, wo die Künst­lerin zur Überbrückung eines ­Inspirationslochs auch mal zur Gitarre greift.

Ölbilder entstehen bei ihr oft über mehrere Wochen im ständigen Übermalprozess. An den Monotypien gefällt ihr deshalb vor allem die schnelle Arbeitsweise. Die auf einer glatten Oberfläche aufgetragene Farbe wird bei diesem Verfahren auf ein Blatt Papier gepresst. «Für mich war die Beschäftigung mit Monotypien eine wichtige Etappe in die Abstraktion», so Steiger.

Dass sie ein Bewegungsmensch ist – Pläne für eine Ausbildung zur Tänzerin musste sie aus gesundheitlichen Gründen aufgeben, nebenbei arbeitet sie als Pilates-Trainerin – beeinflusst auch ihre Malweise. Die Künstlerin bevorzugt grosse Leinwände. Denn die setzen ihren zierlichen Körper bei der Arbeit zwangsweise in Bewegung. In diesem dynamischen Arbeiten passiere oft mehr als auf kleinformatigen Blättern. Wobei die Künstlerin mit dem Gedanken spielt, für die Kabinettausstellung im Herbst erstmals Zeichnungen in einer Publikation herauszugeben.

Wer sich in Steigers Atelier umschaut, der begegnet Bildern, auf denen sich Wege in glutroten Landschaften schlängeln. Zwei Arbeiten zeigen das Porträt einer statisch auf einem Stuhl posierenden Frau. Vor einfacher Grundierung scheint sie zu schweben. Auch der weibliche Amor, welcher der Ausstellung «Amor approximately» in der Luzerner Galerie Müller den Namen gibt (siehe Bild), steht solide und unverrückbar in einem himmelblau-violetten Wolkenmeer. Als Vor­lage diente Steiger eine Magnum-Fotografie aus den 1960er- Jahren. Darauf sieht man einige Frauen mit Pfeilbogen, die ihren selbstbewusst-offenen Blick gegen die Kamera richten. Es sind Mitglieder der Royal Toxophilite Society, eines bis heute existierenden britischen Bogenschiessvereins mit hohem Exklusivitätsanspruch.

Brockenhäuser als Fundgrube

Spielerisch hat Steiger auf ihrem Ölgemälde den Liebe bringenden Zufallspfeil des blinden Amor dem zielgerichteten, fokussierten Blick einer armierten Frau an­genähert, deren in der Körper­sprache zur Schau gestellte Autonomie zum Kontrapunkt der kopflosen Liebe eines von Amors Pfeilen Verwundeten steht. «Ich staune immer wieder, woher die mythologischen Themen bei mir kommen», sagt Steiger, die nie mit explizit mythologischen Vorlagen arbeitet, aber gerne Brockenhäuser nach Büchern durchforstet und beim Arbeiten genau bei diesen starken Geschichten landet. So nah dran wie in der Ausstellung «Amor approximately» war sie allerdings noch nie.

Hinweis

Rebekka Steiger, «Amor approximately». Galerie Müller, Haldenstrasse 7, Luzern. Vernissage: heute, 8. April, 16.00. Bis 13. Mai. www.galeriemueller.ch

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