PORTRÄT: Ein Freund der Unterhaltung

Howard Arman ist Musikdirektor des Luzerner Theaters. Doch künstlerisch wirkt der Musiker weit über den Orchestergraben hinaus.

Kurt Beck
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Howard Arman an seinem Cembalo im Luzerner Südpol.

Howard Arman an seinem Cembalo im Luzerner Südpol.

«Ich habe gedacht, mit den Jahren könnte ich das Leben ruhiger angehen.» Howard Arman hat sich getäuscht. Die Agenda des 58-jährigen Dirigenten und Komponisten ist übervoll mit Terminen: Gastdirigate, Vorlesungen, Chorkonzerte und ein Auftragswerk für Riccardo Chailly und sein Leipziger Gewandhaus­orchester, das noch fertiggestellt werden muss. Die Zeit für unser Gespräch hat sich Arman mitten in den Proben zu Monteverdis Oper «Il ritorno d’Ulisse in patria» genommen, einem musikalischen und szenischen Höhepunkt der aktuellen Saison des Luzerner Theaters. «Für mich ist das grossartige Werk von Claudio Monteverdi ein Musterbeispiel in Sachen Einheit von szenischem Spiel auf der Bühne und der musikalischen Interpretation. Dieses Zusammenspiel muss lückenlos und präzise funktionieren. In der Probenarbeit geht es vor allem darum, die Bühne und die unglaublich dichte Musik, die sozusagen auf ihre Essenz heruntergekocht ist, zusammenzuführen.»

Harmonisches Duo

Auch beim «Ulisse» liegt die musikalische Leitung bei Howard Arman, Theaterdirektor Dominique Mentha führt selbst die Regie. Wer hat da letztlich das Sagen? «Was das Szenische betrifft, bin ich der Juniorpartner, der Vorschläge machen kann, doch entscheidet letztlich der Direktor. Musikalisch ist es genau umgekehrt. Doch Dominique Mentha ist ein sehr musikalischer Regisseur, sodass die Arbeit ausgesprochen harmonisch verläuft, was ich sehr geniesse.»

Der Musiker hat grosse Erfahrung, was Kooperationen und Projektarbeit betrifft, und schaut bereits auf eine umfangreiche musikalische Biografie zurück. Sein Studium zum Dirigenten hat Arman am Trinity College of Music in London gemacht. «Es war die spannende Zeit, als die historische Aufführungspraxis einsetzte. Ich war tagelang in Bibliotheken auf der Suche nach alten Werken, und auf den langen Busfahrten durch die Stadt war ich, soweit ich mich erinnere, ständig mit dem Kopieren von Noten beschäftigt.»

Nach dem Studium machte sich der junge Dirigent bald einen Namen, nicht nur als Barockkenner, sondern auch als engagierter Interpret zeitgenössischer Werke, der mit vielen lebenden Komponisten arbeitet. Die internationale Kooperation mit Hans Werner Henze, mit dem er eine Serie von Projekten realisierte, machte Arman auch auf dem Kontinent bekannt, und der Dirigent, der in England bereits als Leiter von Chören und Orchestern Erfahrungen gesammelt hatte, übersiedelte nach Europa.

Extrem vielseitig

In Deutschland übernahm er unter anderen den MDR Rundfunkchor Leipzig. Er gründete 1983 den Salzburger Bach-Chor, gab 1991 in Wien sein Debüt als Dirigent des Wiener Musikvereins und leitete 1995 die Eröffnung der Salzburger Festspiele. 2010/11 war er Generalmusikdirektor in Altenburg-Gera, wo er «Tristan und Isolde» dirigierte.

«Ich bin extrem vielseitig», sagt Howard Arman von sich. Und sein Repertoire bestätigt die Aussage. Opern wie Donizettis «L’Elisir d’amore» an der Staatsoper Nürnberg oder «Don Giovanni» am Hong Kong Arts Festival, Operetten wie Offenbachs «Barbe-bleue» und Lehárs «Der Zarewitsch» an der Volksoper Wien, Sinfoniekonzerte wie Beethovens 9. Sinfonie, aufgeführt im Vatikan vor Papst Johannes Paul II., aber auch Kinder-, Studenten- und Chorprojekte gehören zum weiten Arbeitsfeld des Dirigenten. Als Komponist ist er auch der leichteren Muse nicht abgeneigt: «Ich bin ein leidenschaftlicher Freund der Unterhaltung und liebe den guten Witz in der Musik.»

Mehrmals wurde Arman mit Preisen ausgezeichnet. Zweimal (2002 und 2005)gewann er einen Echo-Klassik-Preis, 1996 erhielt er den Händel-Preis, 2009 das Salzburger Stadtsiegel und 2011 den sächsischen Mozart-Preis. «Preise sind eine schöne Anerkennung», meint Arman, «aber Konzerte sind keine Wettrennen und Festivals keine Olympischen Spiele.» Richtig unwohl fühlt er sich bei den obligaten Lobreden: «Es hört sich an wie bei der eigenen Beerdigung. Ich frage mich immer, wissen die etwas, was ich nicht weiss? Haben die mit meinem Arzt geredet?»

Die berufliche Odyssee hat den Musiker nach Luzern gebracht, wo er seit 2011 als Musikdirektor am Luzerner Theater wirkt und inzwischen auch an der Hochschule für Musik als Dozent lehrt. «Ich hatte das Glück im Laufe meines Lebens in schönen, belebten Städten wie München, Innsbruck, Salzburg und natürlich in London zu wohnen, doch in Luzern habe ich meinen neuen Lebensmittelpunkt gefunden», sagt er und fügt hinzu: «Hier ist es kein Kunststück, glücklich zu sein.»

Arbeit mit Schülern

Arman schätzt das Luzerner Kulturleben. «Im KKL kann man internationale Ausnahmekünstler erleben, das ist grossartig, doch Musik ist nicht nur Konsumgut. Wichtig ist es, die Leute auch musikalisch zu aktivieren.» Wie das geht, hat Arman im Projekt «Noahs Flut» im vergangenen Jahr in der Luzerner Jesuitenkirche gezeigt, bei dem rund 200 Schüler mitgemacht haben.

Armans Leben ist Musik, und mit seiner Begeisterung hat er offensichtlich auch seine drei erwachsenen Kinder (zwei Söhne, eine Tochter) angesteckt, die in Österreich ihre eigenen musikalischen Wege gehen. «Musik hat mich gewählt und nicht umgekehrt. Ich schulde ihr so viel, wie ich auch in 100 Jahren nicht zurückgeben könnte.» Doch Arman arbeitet daran. Für anderes bleibt da keine Zeit mehr: «Ich würde gerne behaupten, ich sammle Briefmarken, doch für Hobbys reicht es leider nicht.»

Hinweis

Nächste Aufführungen von «Il ritorno d’Ulisse in patria» im Luzerner Theater: 28. April, 1., 5., 7., und 17. Mai. www.luzernertheater.ch